Die Internationale Bauausstellung 2027 beschert der Region Stuttgart zukunftsweisende Projekte. Nur mit dem Zukunftsprojekt Stuttgart 21 gibt es keine Berührungspunkte. Warum eigentlich nicht? Der Ministerpräsident ist verwundert.
Winfried Kretschmann sitzt auf einem der kirchentagsähnlichen Papphocker, die sich in der Ausstellung der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Erdgeschoss des LBBW-Gebäudes in der Königstraße 1 befinden. Soeben hat er einen Parforceritt des IBA-Intendanten und Geschäftsführers Andreas Hofer durch die IBA-Projekte und die Standorte in der Region, an denen sie realisiert werden, erlebt. Es ging um die Zukunft, um neuartige Baustoffe und um wegweisende Vorhaben in Fellbach, Backnang, Wendlingen oder Sindelfingen. Stuttgart, die Landeshauptstadt, tauchte nur am Rande auf – zur Verwunderung von Winfried Kretschmann „Darf ich mal eine Frage stellen?“, sagt er schließlich. „Warum macht die IBA nix zu Stuttgart 21?“
Warum die IBA und Stuttgart 21 nicht mehr zusammenpassen
Thomas Bopp, amtierender Vorsitzender des Aufsichtsrats der IBA 2027 Stadt Region Stuttgart GmbH, kann das leicht beantworten: „Aus terminlichen Gründen!“, sagt er. Ursprünglich sei die Verknüpfung der IBA mit Stuttgart 21 durchaus geplant gewesen. Das Rosensteinareal könne jedoch erst bebaut werden, „wenn dort die Gleise weg sind“. Und das dauert: „Die IBA 2027 ist dann längst durch.“
In der sogenannten Maker City jedoch, wo die Interimsoper unweit der Wagenhallen eine vorübergehende Heimat findet, hätten sich sehr wohl Möglichkeiten geboten, meint Bopp. „Wenn die Stadt Stuttgart Mut hätte, würde sie sagen: ,IBA, mach doch mal!‘ Auch ohne fertigen Bebauungsplan. Der könne parallel entstehen und benötige nicht vier Jahre Vorlauf. Große Hoffnungen hat Bopp allerdings nicht: „Wir werden da wahrscheinlich scheitern.“ IBA-Intendant Hofer pflichtet ihm bei: „Statt rechtzeitig eine Ausschreibung zu machen, hat man sich mit Studien im Kreis gedreht. Jetzt läuft uns die Zeit weg.“ Es sei aber immer noch möglich sagt er. Der Ball liegt bei der Stadt.
Der Ministerpräsident hört sich das alles an, wiegt den Kopf und sagt dann trocken: „Stuttgart 21 zu machen und durchzusetzen, hat offenbar den Mut der Stadt Stuttgart für 50 Jahre aufgebraucht.“ Ringsum Hüsteln, Lachen, Zustimmung. Nach einer Pause fährt Kretschmann fort: „Wenn man die Stuttgart-21-Gegner wie mich, nicht davon überzeugen konnte, dass das ein tolles Projekt ist, so hätte man sie doch wenigstens davon überzeugen können, dass das, was oben draufgesetzt wird, toll ist.“ Der Ministerpräsident schüttelt sein weißes Haupt: „Das verstehe ich nicht, aber ich muss auch nicht alles verstehen.“
Spurenelemente der IBA finden sich im Bahnhofsprojekt dann doch. Eine IBA-Mitarbeiterin weist darauf hin, dass man aktuell überlege, wie die riesigen Holzverschalungen der Kelchstützen für den unterirdischen Bahnhof im Wohnungsbau verwendet werden können. Immerhin. „Ein spannendes Projekt“, sagt sie.
An diesem Samstag schließt die IBA-Ausstellung
Spannend, das erlebt Kretschmann bei seinem Rundgang, ist hier vieles. Beeindruckt stellt er fest: „Die IBA entwickelt einen echten Pioniergeist für das Bauen der Zukunft. Hier kann von der Stadtregion Stuttgart ein Signal ins ganze Land gehen.“ Damit beschreibt er die Intention der IBA-Macher. Mit ihrer Ausstellung, die von einem vierwöchigen regionsübergreifenden Festival begleitet wurde, wollen sie zeigen, wie die Städte der Zukunft aussehen können – nachhaltig, vielseitig, generationenbewusst. Allerdings nur noch einen Tag lang. „Am Samstag, 23.9., haben wir ein letztes Mal von 12 – 18 Uhr geöffnet. Freitag ist geschlossen“, steht auf einem Schild am Eingang zu den Ausstellungsräumen in der Königstraße 1. Die Interimszeit ist zu Ende, die Fläche wird bald wieder als Laden genutzt. Wo Andreas Hofer und sein Team künftig informieren werden, ist offen. Klar ist, es soll wieder ein zentral gelegener Raum sein, und es wird kompakter werden, um den Aufwand bewältigen zu können. „Anfang 2024“, so hofft Hofer, könnte es soweit sein.
Die IBA und das Land
Struktur
Gesellschafter der Internationale Bauausstellung 2027 Stadt Region Stuttgart (IBA) sind die Landeshauptstadt Stuttgart (45 Prozent), der Verband Region Stuttgart und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (zusammen 45 Prozent). Außerdem die Architektenkammer Baden-Württemberg und die Universität Stuttgart (je fünf Prozent). Warum aber nicht das Land, wo die Zukunftsprojekte doch ins Land hinein ausstrahlen sollen? Dazu erklärt die stellvertretende Regierungssprecherin Caroline Blarr: „Eine Gesellschafterlösung wurde geprüft, aber mit Blick auf die Gleichbehandlung etwa bei der IBA Heidelberg (2012-2022) verworfen.“
Landesförderung
Die Sprecherin betont: „Seit dem Jahr 2017 erfolgt eine institutionelle Förderung zur Unterstützung des Prozesses und der Arbeitsfähigkeit des IBA’27-Büros. Hierfür stehen im Landeshaushalt bis zum Präsentationsjahr 2027 jährlich 250 000 Euro, also insgesamt 2,5 Millionen Euro zur Verfügung. Für die inhaltliche Begleitung, Koordinations- und Steuerungsaufgaben, Mittelbewirtschaftung sowie die Unterstützung bei Umsetzungs- und Förderfragen stehen seit 2017 außerdem Mittel in Höhe von jährlich 200 000 Euro bereit. Über den vorgesehenen Zehn-Jahreszeitrum beläuft sich die Finanzierung der personellen Unterstützung somit auf 2 Millionen Euro.“ red