Lars Hauschilds Leidenschaft: die konkrete Kunst mit Klebeband. Foto: factum/Simon Granville

Im Strohgäu öffnen diese Woche zwei interessante Ausstellungen. Die eine widmet sich der Bestattungs- und Trauerkultur, die andere zeigt, was mit simplem Klebeband möglich ist.

Strohgäu - Frau Bauer arbeitete Mitte des 20. Jahrhunderts als Leichenfrau, auch Totenfrau oder Leichenbesorgerin, im Ditzinger Stadtteil Hirschlanden. Zu ihren Aufgaben gehörte es, Verstorbene zu waschen, anzukleiden und für die Aufbahrung vorzubereiten. Dabei hat Frau Bauer „ihre“ Toten stets mit Namen begrüßt. „So Otto, jetzt machen wir dich schön!“, sagte sie zum Beispiel einmal.

An solche Szenen erinnert sich eine Hirschlanderin noch gut. Sie teilte ihr Wissen für die Sonderausstellung über Bestattungs- und Trauerkultur des 19. und 20. Jahrhunderts „Totenhemd & Leichenschmaus“ im Stadtmuseum am Laien. Fast 50 Personen aus Ditzingen und der Region beteiligten sich als Informanten, Zeitzeugen, Leihgeber und Objektschenker, berichtet die Museumsleiterin Nina Hofmann. Die „sehr detailreiche Schau“ entstand zudem in Zusammenarbeit mit der Stuttgarter Trauerbegleiterin Maike Sander, die sich auch im Rahmen ihres Projekts „meinlebenlang“ seit vielen Jahren mit Trauer und Erinnerung beschäftigt und 2018 das Projekt „Ewig anders“ nach Ditzingen brachte. Daraus entwickelte sich das Projekt „Ewig anders Ditzingen“. Die achtköpfige Gruppe dahinter brachte die Idee einer Ausstellung auf und arbeitete ebenfalls mit.

Das Konzept der Schau, sagt Nina Hofmann, basiere auf der Vorstellung, dass eine Person in der Vergangenheit stirbt. Der Besucher begleitet den Toten bis zur Bestattung und die Trauernden bis zum Leichenschmaus – er markierte den Wiedereintritt in die Gemeinschaft und den Alltag. Dabei wird rasch klar, wie stark sich die Bestattungs- und Trauerbräuche bis heute gewandelt haben. Diese hätten damals mit dem Eintritt des Todes begonnen. „Die Bräuche boten Orientierung und Halt und halfen Schritt für Schritt durch die Trauerzeit“, sagt Nina Hofmann.

Der Tote wurde im Wohnzimmer aufgebahrt

Früher seien die Menschen meist zuhause gestorben. Also spielte sich dort ein Großteil des Geschehens ab, inklusive der Aufbahrung. Noch vor der Totenfrau kam der Pfarrer für die letzte Ölung. Dem Schreiner sei die besondere Aufgabe zuteil gewesen, den Sarg herzustellen – und ihn der Familie zu bringen. „Zwei Tage lang war in dem Haus ein Kommen und Gehen“, sagt Nina Hofmann. Beim Leichenzug zum Friedhof und der Bestattung sei die ganze Dorfgemeinschaft dabei gewesen. „Jeder hatte seine Aufgabe“, so Hofmann, die auch davon berichtet, dass die Sargträger etwa im ehemaligen Oberamt Leonberg mit Zitronen gegen den Geruch ausgestattet wurden. Überhaupt: Vor 100 Jahren sei der Tod als Teil des Lebens etwas völlig Alltägliches gewesen, sagt Nina Hofmann. „Er trifft uns mitten im Leben, mitten am Tag.“ Deshalb wäre es seltsam, ihn auszuklammern, sagt Maike Sander. Sie findet es wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Gleichwohl könnten die Menschen es sich heute aussuchen, ob sie sich damit befassen wollen.

Dagegen kamen einst selbst Kinder oft mit Tod und Trauer in Berührung, auch das zeigt die Schau – etwa anhand einer in Gestalt des Todes gefertigten Handpuppe. Früher, sagt Maike Sander, sei keine Trennung zwischen Leben und Tod möglich gewesen, wenn der Tote im Wohnzimmer lag. Dies habe sich Ende des 19. Jahrhunderts geändert, als es immer mehr Krankenhäuser gab. Und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich ein grundlegender Wandel: Geprägt von viel Tod und vielen Toten nahmen die Menschen zunehmend Abstand von Ritualen. Sie mussten schauen, wie sie überhaupt klarkamen, da sei es nur ums Praktische gegangen, so Nina Hofmann. Auch sei die heutige Gesellschaft dazu übergegangen, immer mehr Dienstleistungen zu nutzen.

Es flirrt, es flimmert

Um beim Stichwort Dienstleistungen zu bleiben: Wenige Kilometer von Ditzingen entfernt, im Stadtteil Korntal von Korntal-Münchingen, lebt und arbeitet Lars Hauschild. Der 49-Jährige setzt auf das Produkt eines Berliner Geschäfts, das Klebeband. Im Baumarkt lässt er sich Platten aus Pappelholz zurechtschneiden. Und immer dann, wenn es sein Job erlaubt, der ihn oft ins Ausland führt, sitzt Hauschild im Keller seines Hauses neben der „uralten“ Werkbank und klebt die Streifen in der Regel symmetrisch auf das Pappelholz. Häufig wache er morgens mit einer Idee für ein Muster auf, das er zunächst mit Bleistift auf einem Blatt skizziert.

Lars Hauschilds Leidenschaft ist die konkrete Kunst, wobei er Kunst mit Klebeband (Tape Art) schafft. „Konkrete Kunst ist weder gegenständlich noch abstrakt“, sagt der Korntaler. Es gehe darum, mit Materialien, Farben und Formen zu experimentieren. „Die Wirkung auf den Betrachter ist auch Gegenstand der konkreten Kunst. Sie zielt auf die Wahrnehmung ab“, sagt Hauschild: Er müsse in der Kunst nichts suchen, sondern könne sie auf sich wirken lassen. Was dann passiert? Es flirrt, es flimmert. Die Streifen und Muster bewegen sich, nach vorne, nach hinten, verändern ihre Farbe, sehen aus, als wären sie schnurgerade und parallel angeordnet, was aber nicht immer der Fall ist. „Das Auge sieht ganz viel in dem Bild, je länger man es anschaut“, so Hauschild. Es fasziniere ihn aber nicht nur, wie das Gehirn funktioniert, es Dinge verarbeitet, mit optischer Täuschung umgeht, sondern auch, „was alles mit einem Alltagsgegenstand wie Klebeband möglich ist“.

Ölmalerei erwies sich als unpraktisch

Der 49-Jährige hat, erzählt er, einiges ausprobiert, ehe er vor fünf Jahren zum Klebeband kam. Etwa die Ölmalerei. Sie erwies sich aber als untauglich. „Wenn ich von einer Reise zurückkam, konnte ich oft nicht weiterarbeiten, weil das Bild schon trocken war oder noch nass“, sagt Hauschild. Die Kunst mit Klebeband hingegen bleibt so, wie er sie zurücklässt. Immer.

In der Heimat hat Lars Hauschild, Mitglied des Korntal-Münchinger Kunstvereins, nun zum ersten Mal in größerem Stil eine Einzelausstellung mit dem Titel. „Arte Concreta – Konkrete Kunst erleben“. Er betont, dass er Kunst nicht schaffe, um sie zu verkaufen. „Ich tue das für mich, zum Entspannen, zum Runterkommen“, sagt Hauschild. Gleichwohl hatte er einst vor, beruflich „etwas mit Kunst“ zu machen: Überzeugt davon, dass die Kunstakademie in Stuttgart ihn als Student aufnimmt, mietete der gebürtige Hechinger in der Landeshauptstadt eine Wohnung. Mit dem gewünschten Studium wurde es nichts, mit einer erneuten Bewerbung auch nicht. Letztlich studierte er in Stuttgart Politik, BWL und VWL. Er ist im internationalen Management tätig, die Kunst wurde zum Hobby. Doch die vielen Reisen haben für seine Leidenschaft durchaus einen Nutzen: Von den dortigen Künstlern lässt er sich gern inspirieren.

Termine Die Vernissage in Ditzingen ist an diesem Mittwoch, 16. September, 19 Uhr, vor dem Stadtmuseum. Die Schau öffnet bis 31. Januar dienstags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr. Lars Hauschilds Werke sind in der Galerie 4/1 in Korntal am Sonntag, 20. September, von 14 bis 18 Uhr zu sehen, danach bis 11. Oktober samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist jeweils frei.

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