Die Berg-und-Tal-Fahrt wird interaktiv: Gas geben, bremsen und um die Wette fahren – mit dieser neuen Idee zieht der deutsche Achterbahnbauer Maurer in die Vergnügungsparks.
Bad Wörishofen - Ohrringe und Ketten müssen für diese Testfahrt aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben. Man steigt auf ein Gefährt, das an eine Mischung aus Schlitten und Motorrad mit zwei Sitzen erinnert. Nun muss man sich richtig nach vorne legen, um an den Lenker zu kommen. Musik ertönt aus einem Lautsprecher. Eine Ampel schaltet von Rot auf Grün – und die Maschine saust automatisch los. Rechts kann man zusätzlich Gas geben und links noch mal einen Extraschub herausholen. Mit fast 50 Kilometern pro Stunde prescht das Fahrzeug auf eine Steigung zu.
Nein, dies ist kein futuristisches Motorrad, sondern die erste interaktive Achterbahn der Welt, ein Produkt der deutschen Firmen Maurer und Beutler Transport Systeme. Dieses Fahrgeschäft namens „Sky Dragster“ steht im Skyline Park in Bad Wörishofen westlich von München. Man kann selbst bremsen oder auf bis zu 60 Kilometern pro Stunde beschleunigen und so eine Rekordzeit aufstellen. Über Kopf geht es auf diesem Prototyp allerdings nicht. Er ist für Kinder ab 1,10 Meter geeignet.
Eine Achterbahn ist ein großes Geschäft. Jedes Exemplar ist ein Unikat und kostet ein paar Millionen Euro. Noch viel mehr bringt es innerhalb kurzer Zeit ein. Eine halbe Million Besucher kommen jedes Jahr in den Skyline Park nach Bad Wörishofen – eine vierköpfige Familie gibt 150 bis 250 Euro aus.
„Die Menschen wollen individuelle Fahrerlebnisse“
„Wir haben uns von der Spieleindustrie inspirieren lassen“, sagt der Ingenieur Torsten Schmidt vom Unternehmen Maurer. „Die Menschen wollen individuelle Fahrerlebnisse. Sie wollen nicht mehr in einem großen Zug sitzen, der allen dasselbe Vergnügen bietet.“ Im Vergnügungspark Mirabilandia bei Ravenna, einem der größten in Italien, hat Maurer die zweite interaktive Achterbahn errichtet. Drei weitere Exemplare in Europa und Asien sind schon geplant.
Seit Jahresbeginn können sich die Fahrgäste in Italien sogar auf zwei parallelen Strecken von etwas mehr als 500 Meter Länge ein Rennen liefern. Die Fahrzeuge erinnern an das Motorrad Panigale V4 von Ducati. Zum Teil sind sogar Originalteile wie Blinker eingebaut. „Wir nehmen auch die echten Fahrgeräusche auf und spielen den Sound beim Beschleunigen ein“, sagt Schmidt. Insgesamt zwölf Motorräder sind demnach auf der Doppelstrecke unterwegs.
Der Planung in Italien gingen einige Lektionen in Bad Wörishofen voraus. Dort nutzte Maurer erstmals ganz neue Technik. Gewöhnlich haben Achterbahnen einen Katapultstart oder ein Liftsystem, wodurch das Fahrzeug zu Beginn der Strecke in große Höhe befördert wird. Dann saust es antriebslos durch Loopings und Spiralen. Ohne Motor kann aber kein Fahrgast individuell Gas geben. Zum ersten Mal legte Maurer deshalb die Strecke als Zahnradsystem aus, auf dem man mithilfe eines Elektromotors im Gefährt jederzeit beschleunigen kann. Dafür muss das Material aber sehr robust sein, damit es nicht frühzeitig verschleißt.
Software steuert Abstände und maximale Geschwindigkeit der Fahrzeuge
„Eine weitere Herausforderung war die Software zur Steuerung. Kein Fahrzeug darf auf ein anderes auffahren, auch nicht, wenn der Vordermann stehen bleibt. Es geht um Leib und Leben“, sagt Schmidt. Dafür ist jedes Fahrzeug mit Sensoren ausgestattet, die Geschwindigkeit und Position auf der Strecke ständig an ein Kontrollsystem übermitteln. Dieses muss permanent Unfälle verhindern: In Kurven dürfen die Fahrzeuge nicht schneller als 30 Kilometer pro Stunde werden, weil sonst die Fliehkräfte auf die Fahrgäste zu groß würden. Auf geraden Strecken erlaubt es bis zu 60 Kilometer pro Stunde. Ganz stehen bleiben kann der Fahrgast deshalb nie, selbst wenn er bremst. Alle Fahrzeuge fahren mit einer Mindestgeschwindigkeit und müssen zudem einen Sicherheitsabstand zueinander einhalten.
Dennoch ist Nervenkitzel garantiert: Steil geht es abwärts in einen vertikalen Kreisel, ähnlich einer Autobahnabfahrt. Dann jagt der Schlitten auch schon die Anhöhe zu zwei Kamelhöckern hinauf. Der Tacho zeigt 40 Kilometer pro Stunde. Die Haare fliegen. Ein Kameraauge über dem Tacho ist auf den Fahrer gerichtet. Es schneidet die Fahrt als Film mit, den man hinterher über eine App herunterladen kann. Schon rast die Maschine eine steile Abfahrt hinab und wieder durch eine Spirale, bei der das Fahrzeug deutlich abgebremst wird. Offenbar schreitet das Kontrollsystem wieder ein. Dann ist die Runde mit einer Länge von 270 Metern auch schon vorbei. „35 Sekunden“, sagt der Parkmitarbeiter beim Aussteigen und grinst. Der Rekord liegt bei 29 Sekunden.
Ursprünglich hatte der Hersteller die Strecke in Bereiche unterteilt, die auf dem Monitor des Fahrzeugs angezeigt wurden. In grünen Abschnitten sollten die Fahrer Gas geben, in orangenen Abschnitten abbremsen. Doch auf den Tacho zu stieren, während man in Kreiseln hängt und steile Talfahrten hinunterdonnert, erfordert enorme Konzentration, so dass sich das nicht bewährt hat. Jetzt können die Gäste deshalb dauernd Gas geben und werden nur vom Kontrollsystem begrenzt.
Auch die Konkurrenz ist an interaktiven Systemen interessiert
Maurer ist bisher der einzige Achterbahnbauer, der derart interaktive Bahnen anbietet. „Wir haben uns das Zahnradprinzip weltweit mit einem Patent schützen lassen. Nur damit sind große Beschleunigungen möglich. Räder würden durchdrehen“, sagt Schmidt.
Dennoch sind auch die Konkurrenten an interaktiven Systemen interessiert. Der deutsche Hersteller Mack Rides eröffnete in Japan eine Achterbahn, bei der die Gäste über gestengesteuerte Kommunikation Einfluss auf die Geschichte nehmen können, die ihnen während der Fahrt erzählt wird. Der italienische Hersteller Technical Park warb im September 2018 mit einem neuen Konzept. Mittels Flügeln am Sitz sollten die Fahrgäste während einer Achterbahnfahrt künftig ihren Sessel individuell steuern können – etwa Überschläge damit machen. Noch existieren diese Pläne aber nur auf dem Papier.
Maurer versucht unterdessen, seinen Vorsprung auszubauen. Schmidt deutet Ideen an: „Man könnte auch rückwärts fahren – oder über Weichen entscheiden, ob man einen Looping nimmt oder nicht.“