Eine Woche lang war die Volksbühne aus Protest gegen Chris Dercon besetzt. Foto: dpa

Noch in seiner ersten Spielzeit verlässt der umstrittene Intendant die Volksbühne. Und in Berlin wird die Schuldfrage für das Debakel aufgeworfen.

Berlin - Chris Dercon ist nicht mehr Intendant der Berliner Volksbühne – und eins ist nach der Nachricht vom Freitag auch schon klar: Der so genannte Berliner Theaterstreit ist damit nicht zu Ende, sondern erreicht die nächste Dimension. Nun ist die Schuldfrage aufgeworfen. Trotzdem wird der Mann, der jetzt geht, diesen Moment für sich vielleicht eher als Befreiung denn als Niederlage empfinden. Denn schon länger hatte sicher auch Dercon das Gefühl, dass sein Berliner Versuch nicht zu retten sein würde. Die Chancen standen von Anfang an schlecht.

Zu spüren war das an einem dieser Theaterabende, die man nicht vergisst. Und hier lag es, wie manchmal, nicht am Geschehen auf der Bühne. Es war September, die erste Spielzeit unter dem bereits zu diesem Moment als unfähig diffamierten Intendanten hatte gerade begonnen. Allerdings performte der Hausherr vorerst lieber woanders, draußen, in Tempelhof – und natürlich fragten sich viele: Wie anders als mit Absicht kann man als Mann der Zeichen solch ein Zeichen setzen für einen so empfindlichen Ort? Und was hat also dieser Mann mit diesem Gral hier vor?

Hier, am heiligen Rosa-Luxemburg-Platz, lag das Theater im tiefen Trauerschlaf, als hätte es sich beim Abschied Frank Castorfs am Apfel verschluckt. Ein leeres Haus mit selten schlagenden Flügeltüren. Kein Leben mehr, nirgends. Dann jener Freitag: Draußen lagerten auf der Wiese Trinker und Trommler in der Abend­sonne, ein schüchterner Polizist saß regungslos in seinem kleinen Streifenwagen vor der halbrunden Fassade und tat nichts.

Selbst Chris Dercon kann nicht an allem schuld sein

Und das, obwohl hier gerade Hausfriedensbruch im Gang war. Drinnen sah man Leute auf dem Boden sitzen, Kinder und Hunde auf Sofas herumtollen, während im Foyer etwas stattfand, das sich Vollversammlung nannte. Die Volksbühne war besetzt. Und die Liste der Protestgründe war so umfassend, reichte vom Clubsterben über Standortmarketing und Flüchtlingspolitik bis zum Karrierezwang, dass jeder erkennen musste: Nicht an allem kann Chris Dercon schuld sein.

Aber im leer gelassenen Raum hatten sich die aus verschiedenen Gründen Unzufriedenen gesammelt und Dercon zu ihrer Hass­figur gemacht, an der man alles auslassen konnte: die Sorge, er werde aus dem Ensembletheater eine globalisierte Eventbude machen, die Kritik an einer so klandestin wie angeblich ahnungslos getroffenen Personalentscheidung des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller und seines Staatssekretärs Tim Renner, der Neid der anderen Theater angesichts des finanziell großzügigen Empfangs – und am Ende ein generalisiertes Lamento über die unbarmherzige Kommerzialisierung der wachsenden Stadt. Mitten unter den Besetzern stand Dercon und versuchte mitzudiskutieren. Der Vorschlag der Besetzer: ab nach Tempelhof.

Das künstlerische Konzept konnte nicht zünden

Das war, wohlgemerkt, bevor dieser Mann auch nur die Chance hatte, hier Theater zu machen. Ja, es stimmt, in den folgenden Monaten zündete Chris Dercons Konzept der Entgrenzung der Kunstformen nicht sofort, es gelang ihm nach dem schweren Start nicht, Künstler zu gewinnen, die Zuschauer kamen nicht und zuletzt wirkte die Verpflichtung Helmut Bergers wie eine Ankündigung fürs Dschungelcamp. Und ja, Dercon vermittelte von Beginn an nicht den Eindruck, die Seele dieses Ortes verstehen zu wollen oder vielleicht zu können.

Aber wie soll man eigentlich ankommen, wie soll man frei agieren, wenn Zehntausende eine Petition gegen einen unterschreiben. Und was sagt es über die Kultur des Ortes, wenn die Hetze der Scheinweltoffenen schon vor der ersten Sprechtheater­premiere dazu führt, dass Unbekannte dem Intendanten Kot vor die Bürotür legen?

Wie soll man sich fühlen, wenn der nach der Personalentscheidung ins Amt gekommene Dienstherr Klaus Lederer noch vor dem ersten gemeinsamen Gespräch diese Entscheidung öffentlich in Frage stellt? Und wie lange darf man eigentlich brauchen, bevor der Stab über einen gebrochen wird? Eine Spielzeit ist ein Fünftel der Legislaturperiode, die Politiker in der Hauptstadt im Amt sind. Dass Dercon nun schon geht, dafür wird sich in den kommenden Wochen ein Meer an unterschiedlichen Begründungen und Vorwürfen sammeln. Zwar trägt die öffentliche Erklärung des Kultursenators Lederer den Firnis, den man aufträgt, wenn man anständig auseinandergehen will: Man habe sich einvernehmlich verständigt, die Intendanz mit sofortiger Wirkung zu beenden, heißt es da. Lederer verurteilt auch ausdrücklich die persönlichen Angriffe gegen Dercon als unwürdig und inakzeptabel.

Wie geht es weiter an der Volksbühne?

Aber schon die Formulierung eines „umgehend“ benötigten Neuanfangs klingt nach einer Reißleine, die zu ziehen war, um größeren Schaden abzuwenden. Wer allerdings was nicht abgewendet hat, darüber wird wohl noch eine Weile gestritten werden. Lederer sagte am Nachmittag, die Spielfähigkeit sei gefährdet gewesen. Der Volksbühne drohe wegen hoher Ausgaben und schlechter Auslastung der finanzielle Kollaps, meldeten NDR/RBB und die „Süddeutsche Zeitung“. Dass es finanziell brenzlig werden könne, habe bereits im August 2017 in einem internen Vermerk der Kulturverwaltung an den Regierenden Bürgermeister gestanden.

Claus Peymann, der die Entscheidung für Dercon stets kritisiert hatte, sprach von einer „Katastrophe“. Verantwortlich sei jedoch nicht der „der gänzlich überforderte, nette Herr Dercon“, sondern die Politik. Der Schaubühnen-Kollege Thomas Ostermann fasste es so in Worte: „Also das Haus ist richtig ausgeblutet auf allen Ebenen und kaputt.“ Wie geht es nun weiter? Es könnte sein, dass die ein oder andere Aufführung im Roten Rathaus bevorsteht.

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