In der Gruppe tanzen ganz unterschiedliche Paare miteinander: Ehepartner, Freundinnen oder Geschwister. Foto: factum/Granville

Seit fast 30 Jahren gibt es im Tanzclub Ludwigsburg eine Abteilung für Rollstuhltanz. Jeden Freitagabend trifft sich der Tanzkreis und bringt Tänze von Standard und Latein bis hin zu Riverdance auf das Parkett.

Ludwigsburg - Und eins! Und zwei!“, ruft Sylvia Scheerer ihrem Tanzkreis zu und demonstriert eine Reihe von Schritten, die ihr vier Paare halbwegs synchron nachmachen. „Und vor – zurück! Das Drehen ist mein ganzes Glück.“ Dann korrigiert sie eine der Tänzerinnen. „Wenn du dich zu schnell ausdrehst, fährst du der Rita über die Füße.“ In vielen Tanzkursen wäre das ein ungewöhnlicher Hinweis, doch Sylvia Scheerer wird ihn in den kommenden Stunden noch öfter wiederholen. Denn jeden Freitagabend treffen sich im Tanzclub Ludwigsburg (TCL) Fußgänger und Rollstuhlfahrer– kurz: Rollis, zum gemeinsamen Tanzen. Und das seit bald 30 Jahren.

Auf dem Programm stehen Klassiker wie Discofox, Wiener Walzer und Linedance. Also alles, was in anderen Gruppen auch auf das Parkett gebracht wird. Nur führt hier nicht der Herr die Dame – sondern der Fußgänger den Rolli.

Getanzt wird in allen möglichen Konstellationen

Bis zu zehn Paare ist die Gruppe groß, sechs von ihnen treffen sich sonntags zusätzlich zum Training in der Formation. Getanzt wird in allen möglichen Konstellationen:Es gibt Ehepaare, die sich zusammen bewegen, Freundinnen, die miteinander tanzen und Geschwister, die sich zur Musik drehen. In der Formation tanzt ein Männerpärchen mit.

Das Einzugsgebiet ist groß, schließlich gibt es in Baden-Württemberg nur eine Handvoll Vereine, die Rollstuhltanz anbieten. Deswegen nehmen die Tänzer zum Teil weite Anfahrten in Kauf. Sie kommen aus Murrhardt, Feuerbach oder Esslingen, ehemalige Paare sind für die freitägliche Tanzstunde sogar aus Karlsruhe oder Sinsheim angereist.

Die Paare drehen sich zu Discofox durch den Saal

Zu Beginn der Stunde ist Sylvia Scheerer noch in einem anderen Tanzkreis, daher übernimmt erst einmal Jasmin die Leitung. Sie ist mit Mitte 30 die Jüngste der Gruppe, in der sich alle Teilnehmer duzen. Gleichzeitig ist sie die dienstälteste Tänzerin und seit 20 Jahren dabei. „Solange Sylvia nicht da ist, tanzen wir frei“, kündigt sie an, „da stimmt dann natürlich nicht immer alles, aber das macht uns nichts aus.“

Über die Boxen kommt das erste Lied, die Paare drehen sich durch den Saal, unverkennbar ein Discofox. Nach einer Stunde kommt Sylvia Scheerer dazu. Immer wieder demonstriert sie die Schritte und erklärt verschiedene Figuren. Das alles ist von einer herkömmlichen Tanzstunde nicht zu unterscheiden. „Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen meinen anderen Tanzkreisen und dem Rollstuhltanz“, betont Scheerer.

Ein seitlicher Schritt ist im Rollstuhl nicht möglich

Die Choreografien entwickelt sie alle selbst und passt die Tänze rollstuhlgerecht an. „Im Grunde kann man alle Tänze bis auf einige Figuren auch im Rollstuhl mitmachen“, erklärt sie. So kann sich ein Rollstuhl beispielsweise nicht seitlich bewegen, ein zentraler Schritt beim Jive. Stattdessen bewegen sich die Tänzer auf Scheerers Kommando („Wech-sel-Schritt“) aufeinander zu und wieder voneinander weg.

Der aktuelle Liebling der Gruppe ist allerdings kein Paartanz, sondern Line Dance, bei dem sich die Tänzer nicht miteinander, sondern nebeneinander aufstellen. Synchron drehen sie sich, machen einen Schritt nach vorne. Dann kicken die Fußgänger einmal mit dem Fuß, die Rollis werfen stattdessen ihre Arme nach vorne. „Den Feinschliff der Choreografie übernehmen oft die Rollis“, erklärt die Tanzlehrerin, „ich habe zum Beispiel oft mit Susanne zusammen Tänze entwickelt.“

Für die Rollstuhl-Tänzer ist der Tanz genauso anstrengend

Susanne kennt beide Seiten beim Rollstuhltanz, die des Rollis und die des Fußgängers. Früher ist sie mit ihrem Mann, der im Rollstuhl saß, zu den Tanzstunden gekommen. Heute ist sie verwitwet und hat Multiple Sklerose, weshalb sie nun im Rollstuhl mit einer Freundin tanzt. „Mir geht es ganz gut, aber mein Gleichgewichtssinn macht nicht mehr mit“, erklärt sie. „Im Rollstuhl zu tanzen ist genauso anstrengend wie als Fußgänger“, betont sie. „Wir sitzen nicht nur da und werden rumgeschoben. Das ist wie beim normalen Tanz: Die Partner berühren sich, aber jeder macht seine Bewegungen und Figuren selbst.“

Die Rollstuhltanzgruppe des TCL trifft sich jeden Freitag um 20 Uhr. Mitmachen kann jeder, ob Fußgänger oder Rollstuhlfahrer.

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