Soll es eine Beratungsstelle für junge Menschen mit Migrationshintergrund in Ditzingen geben? Ja, meinte die Stadtverwaltung. Nein, sagte mehrheitlich der Gemeinderat. Es war um Grundsätzliches gegangen.
Der Gemeinderat hat der Stadtverwaltung einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Beratungsstelle für junge Menschen mit Migrationshintergrund in Ditzingen wird es vorerst nicht geben. In der der Abstimmung vorausgegangenen Diskussion war es offensichtlich auch um Grundsätzliches gegangen. Der mehrheitliche Ansatz des Rats: Es gebe zu wenig Personal für die reguläre Jugendsozialarbeit einerseits, am Rande aber auch zu wenig finanzielle Unterstützung vom Staat für die Integration von Geflüchteten andererseits.
Oberbürgermeister Michael Makurath (parteilos) war nach der Abstimmung sichtlich verärgert. „Ich habe nichts dagegen, über die Verstärkung der mobilen Jugendarbeit zu reden“, hatte er in der Diskussion gesagt. Die bloße Information an die Menschen mit Migrationshintergrund, die nächste Beratungsstelle sei in Ludwigsburg, genügte ihm nicht.
Die Verwaltung wollte in der Stadt ein Beratungsangebot schaffen, das sich gezielt an Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationshintergrund richten sollte. Auf diese Weise sollte laut der Verwaltung den rund 800 jungen Menschen in Ditzingen ein niedrigschwelliges und Wohnort nahes, migrationsspezifisches Angebot gemacht werden. Die Stadt hatte argumentiert, auch mittelfristig eine Beratung für die Gruppe aus dem Ausland, die erst der jüngeren Vergangenheit, teils den vergangenen Monaten in die Stadt gekommen war, sicherstellen zu wollen. Bisher gibt es solch ein Angebot in Ludwigsburg. Dieses, so die Stadt, werde sich aus Kapazitätsgründen fortan stärker auf die Stadt Ludwigsburg fokussieren.
Absage an „Schmalspurangebot“
Die Idee lehnte Frank Hagenlocher nicht grundsätzlich ab. Doch der Fraktionschef der Freien Wähler argumentierte, das „bloße Angebot“ führe nicht dazu, dass es auch genutzt werde. Stattdessen müssten zum Beispiel die Mitarbeiter der mobilen Jugendarbeit stärker bei den Jugendlichen präsent sein. Sie könnten die Jugendlichen auf das Beratungsangebot in Ludwigsburg hinweisen. Zumal dort immer ein größeres Angebot gemacht werden könne, als den Ditzingern je möglich wäre. Dort sei man auch sprachlich „sehr breit aufgestellt“, um die Menschen in deren Muttersprache zu erreichen. Ein „Schmalspurangebot“, wie in Ditzingen entstehen würde, lehnte der Freie Wähler ab.
Er formulierte stattdessen einen Abänderungsantrag. Die Verwaltung sollte beauftragt werden, „im Rahmen der Flüchtlingsbetreuung und mobilen Jugendarbeit den Kontakt zu jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu intensivieren und gezielt auf das Beratungsangebot des Migrationszentrums Ludwigsburg hinweisen und gegebenenfalls beim Erstkontakt behilflich sein“. Der Antrag wurde mit 16 Stimmen bei neun Gegenstimmen und einer Enthaltung angenommen. Oberbürgermeister Michael Makurath machte keinen Hehl aus seinem Unmut: Die Entscheidung sei als Rüge, als Kritik an der bisherigen Arbeit der städtischen Mitarbeiter zu verstehen. Dem widersprach Hagenlocher.
CDU argumentiert ähnlich wie die Freien Wähler
Ähnlich wie die Freien Wähler hatte die CDU argumentiert. „Wir tun vieles in der Schulsozialarbeit, in den Jugendhäusern. Was Sie vorstellen, ist eine offene Tür“, sagte er an Tristan Müller gewandt, dem Abteilungsleiter für Jugendpflege. „Was wir machen sollten, ist rausgehen.“
Anders blickten Sozialdemokraten und Grüne auf das Thema. SPD-Fraktionschefin Sabine Roth sprach von einer „überschaubaren Summe“ für ein niederschwelliges Angebot, das eine Vor- Ort-Betreuung impliziere. Leoni Kükrekol (Grüne) betonte, über die „Perspektiven junger Leute“ zu diskutieren. „Wir sollten sie unterstützen und nicht einfach nach Ludwigsburg abweisen.“
Laut der Verwaltung ist die Gruppe der Menschen aus dem Ausland, die sich in der Stadt aufhalten, heterogen. Die Gruppe der Geflüchteten in der Anschlussunterbringung variiere stark, derzeit seien es rund 500 Personen. Innerhalb dieser Gruppe seien 130 Menschen zwischen 12 und 27 Jahre alt, die bisher nur über ihre Eltern erreicht würden. Dabei stellten sich besonders in dieser Lebensphase wichtige Weichen für das weitere Leben, argumentierte die Verwaltung. Zudem lebten mehr als 700 Personen nicht deutscher Staatsbürgerschaft im Alter zwischen 12 und 27 Jahren in der Stadt.
Der ursprüngliche Vorstoß der Verwaltung geht auf die Etatberatungen Ende 2024 zurück. Auf Antrag der AfD war das Thema in den Gemeinderat verwiesen worden.