Shokrya Mosawy aus Afghanistan (links) und ihre Tandem-Partnerin Petra Eisele in einem Café – Mosawy will Hebamme werden und träumt von einer eigenen Wohnung. Foto: Jana Kocher

Integrationsprojekte gibt es viele, aber nur sehr wenige wenden sich gezielt an Frauen. Girls for Girls ist eines davon – neben Hilfen im Alltag und gemeinsamen Aktivitäten bietet das Projekt allen Frauen ganz persönliche Einblicke in fremde Kulturen.

Stuttgart - Irgendein Mann saß neben ihr auf einer Bank, irgendwo in einem Park in Stuttgart. Muska Nawabi packte ihr mitgebrachtes Essen aus – und bot dem Fremden etwas an. Dieser lehnte ab. Nawabi aß. Nach einer Weile fragte der Mann sie sichtlich verwirrt: „Sehe ich hungrig aus?“.

Nawabi lacht. Inzwischen ist ihr klar, dass dies ein typisches Missverständnis war, eines, wie es oft vorkommt, wenn Deutsche und Flüchtlinge zusammentreffen – und sich kulturelle Unterschiede bemerkbar machen. „Bei uns in Afghanistan ist es eine Form der Höflichkeit, anderen etwas anzubieten“, erklärt die junge Frau. „Jetzt verstehe ich das endlich“, sagt Ulrike Steinweh. „Gestern war ich mit Shima Eis essen, und ich habe mich gewundert, dass sie darauf bestand, dass ich etwas von ihrem Eis esse“. Auch Shima, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, stammt aus Afghanistan. Zusammen mit Ulrike Steinweh bildet sie ein sogenanntes Tandem bei dem Projekt Girls for Girls der Malteser.

Das Projekt wendet sich gezielt an Frauen – und bietet ihnen somit einen Schutzraum

Dieses gibt es seit November 2016. Das Konzept erdacht hat sich Jana Kocher – ursprünglich war es ihre soziale Kampagne für ihr Kommunikationsdesign-Studium an der Hochschule in Mainz. Das war noch vor der großen Flüchtlingswelle. „Nach dem Studium wollte ich das Projekt dann unbedingt in die Realität umsetzen“, sagt sie. Kocher konnte die Malteser Stuttgart von ihrem Konzept überzeugen – und arbeitet seitdem als Ehrenamtskoordinatorin bei dem Hilfsdienst.

Das Konzept ist so einfach wie erfolgreich: Bei Girls for Girls treffen sich zwei Tandem-Partnerinnen – immer eine Deutsche und eine geflüchtete Frau – einmal die Woche für gemeinsame Aktivitäten. Das können sowohl Museumsbesuche, Kochabende oder ein Treffen im Café sein als auch Hilfe beim Deutschlernen oder die Begleitung zu Terminen bei Behörden. Zusätzlich gibt es einmal im Monat ein Treffen aller Tandems, zu dem auch alle Frauen eingeladen sind, die sich für das Projekt interessieren. „Sie sollen das Gefühl haben, dass sie nicht vergessen sind und wir eine Tandem-Partnerin für sie suchen“, sagt Kocher.

Denn das Interesse ist groß. „Beim ersten Treffen in Neugereut kamen 40 bis 50 Frauen und Mädchen aus der Flüchtlingsunterkunft – das hat mir gezeigt, dass das Projekt wichtig ist“, sagt Kocher. Wichtig ist es auch deshalb, weil es sich speziell an Frauen richtet. „Das bietet ihnen einen Schutzraum, sie machen daher viel eher mit als bei gemischten Integrationsprojekten“. Als besonders wertvoll haben sich die Gruppentreffen erwiesen, da in der Gemeinschaft oft Ungereimtheiten oder Missverständnisse aufgeklärt werden könnten, die durch die kulturellen Unterschiede und die Sprachbarriere entstünden – so wie auch bei Ulrike Steinweh und Shima. Scarlett Lorenz hilft dabei: Sie unterstützt Girls for Girls ehrenamtlich als Übersetzerin für Arabisch, „weil sie etwas tun will“. Massoma Torfa übersetzt ebenfalls. Auch sie kommt aus Afghanistan.

Sie erzählt, dass es einfach sei, mit Deutschen in Kontakt zu kommen. „Es ist relaxed, du schämst dich nicht – anders als bei uns“, sagt sie. Denn in Afghanistan soll man „Frauen am besten nicht hören“. Muska Nawabi, die Frau von der Parkbank, mischt sich ein: „Ich finde das aber nicht gut“. Torfa nickt: „So geht es vielen jungen Afghanen: Sie wollen wie die Deutschen sein, die ältere Generation aber lässt sie nicht“. Das berge viel Konfliktpotenzial.

In Afghansitan soll man „Frauen am besten nicht hören“

Auch Shokrya Mosawy aus Afghanistan hat Zukunftspläne wie alle junge Frauen – die in Deutschland leben. Sie ziert sich ein wenig, auf Deutsch zu reden, doch ihre Tandem-Partnerin Petra Eisele ermutigt sie dazu: „Du kannst das.“ Mosawy lächelt und erzählt dann von ihren Träumen: Sie möchte eine Ausbildung zur Hebamme machen und eine eigene Wohnung, denn momentan lebt sie mit zwei Frauen in einem Zimmer der Flüchtlingsunterkunft.

Das Projekt ist für beide Tandem-Partnerinnen bereichernd

„Wohnungen zu finden ist schwierig“, sagt Steinweh. Sie spricht aus Erfahrung, denn sie versucht schon lange, für Shima, deren Mann und Sohn (9) eine Wohnung zu finden. Vergebens. „Deswegen lade ich die Familie oft zu uns ein“, so Steinweh. Nicht nur das bedeutet Shima viel: „Ulrike hilft mir, wenn ich wegen der Sprache oder weil ich sehr krank bin, etwas nicht selbst regeln kann“. Steinweh winkt ab. „Mich belebt der Kontakt – eigentlich muss ich mich bedanken“. Besonders gerne geht sie mit Shimas Sohn Eis essen. Er nimmt immer ein großes. Und isst es ganz alleine auf.

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