Huuuh, wir sind zum Fürchten! Eine Szene aus dem „Traumland“-Projekt der Rosenschule Foto: Georg Linsenmann

An der Rosenschule finden Flüchtlingskinder und eine Regelklasse durch ein Tanz- und Theaterprojekt zusammen.

Stuttgart-Zuffenhausen - „Ich bin sooo wütend!“ Das musste jetzt einfach mal raus. Nicht nur einmal, nicht nur von einem Kind, sondern dutzendfach und in ganz verschiedenen Sprachen. Für einen Moment ist jeder ein kleiner, starker König – und doch noch ganz allein mit seiner Wut. Wo aber „ist die Wut, wenn ich wütend bin“? In den Händen, in den Füßen, im Bauch. Jetzt wird es schon ein bisschen konkreter, und je weiter die Szene läuft, ganz auf der Linie dieses Kinderlieder-Klassikers von Fredrik Vahle, um so mehr Kinder merken, dass sie sich da ja ähnlich sind, dass ihre Wut in den gleichen Körperteilen steckt. So baut sich aus den Einzelaktionen eine große Gruppe, die dann plötzlich eine gemeinsame Lösung hat, auf die sie in Sprechchören zusteuert: Rausschütteln, einfach rausschütteln, die Wut!

Es ist ein starkes, ein tolles, ein kraftvolles Bild, das so entsteht. Mehr als 40 Kinder der Rosenschule; acht, neun, zehn Jahre alt – und für einen Moment sind sie eine Gemeinschaft. Ganz anders noch als zu Beginn des Schuljahres, als die Einen mit den Anderen nichts zu tun hatten. Höchstens beim Zoff auf dem Pausenhof. Das konnte man so nicht laufen lassen, also wurde von der Schule das Projekt „Traumland“ ins Werk gesetzt, wurden die Flüchtlingskinder der internationalen Vorbereitungsklasse (VKL) mit den Kindern der Regelklasse 3b zusammengebracht, um in zwei durchmischten Gruppen die Sache mal anders, mal kreativ anzugehen. Von zwei Seiten her: tänzerisch mit der Choreografin Petra Stransky, eher schauspielerisch mit dem Performer Luis Hérgon. Ein Dreivierteljahr lang haben sie so daran gearbeitet, Gefühle zu fassen, ihnen nicht ausgeliefert zu sein, sondern diesen mit dem Körper, im Spiel und mit der Sprache Ausdruck zu geben. Das Ergebnis wurde nun als lockere Szenenfolge in der Schulhalle präsentiert.

Die anfänglichen Berührungsängste sind gewichen

Offensichtlich ist das Leitmotiv, Wege aus Stress, Aggression und Vereinzelung zu suchen und dabei als Gruppe zusammenzufinden. Wie die Kampflinie zweier Gangs stehen sie sich anfangs gegenüber, stampfen aufeinander zu – und fallen doch nicht übereinander her. Sogar träumen kann man zusammen, zu Harfenklängen sogar fast schwerelos schweben. So wechselt der Rhythmus, die Musik, wechseln Stimmung und Atmosphäre. Und froh zu sein bedarf es wenig, worauf die Angst dann wieder alle auseinander sprengt. Selbstredend gibt es ein Happy End, sodass sich in der zauberhaft wandelnden, schlängelnden, kreisenden Formation auch die diverse Gruppen markierende Bekleidung zuletzt zu einer großen, bunten Einheit formt. Klar, dass sie auch den prasselnden Beifall in perfekt geprobter Manier entgegen nehmen!

„Ihr wart spitze“, lobte Schulleiterin Katrin Geier, „man sieht, wie viel das den Kindern gegeben hat!“ Sichtlich beeindruckt, meinte Jonathan: „Es hat sich gelohnt!“ Doch offensichtlich denkt der Drittklässler weiter: „Die anderen Kinder wurden ausgeschlossen. Jetzt habe ich die kennengelernt. Es gibt fast keinen Zoff mehr in der Pause.“ Und dann fügt er hinzu: „Ich bin froh, dass wir es geschafft haben.“ Worauf Olimpia sagt: „Wir haben auch gelernt, dass man sich nach einem Streit versöhnen kann.“

Martina Casel, die das Projekt angeregt, beantragt und geleitet hat, stellt fest: „Es hat natürlich Berührungsängste gegeben, am Anfang. Die Kinder haben aber gelernt, dass alle dazugehören, dass alle Teil des Schullebens sind. Ich denke, das wird auf unseren Alltag abstrahlen.“ Glücklich ist auch die Tänzerin Petra Stransky: „Wenn wir Kindern einen anderen Raum geben, in dem sie zusammen etwas erleben und eine positive Erfahrung machen können, dann finden sie auch zusammen. Egal, wo sie herkommen oder wie verschieden sie sind. Dann entsteht Interesse am Anderen, Empathie, Begegnung. Darauf kommt es an.“

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