In Ostfildern-Nellingen gibt es zwei Vorbereitungsklassen für Kinder und Jugendliche mit geringen Sprachkenntnissen. In einem Jahr sollen sie am normalen Unterricht teilnehmen können. Doch die 55 Plätze reichen nicht aus.
Orangen, Äpfel, Bananen – die Schülerinnen und Schüler der gemeinsamen Vorbereitungsklasse (VKL) der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule und der Riegelhof-Realschule in Ostfildern-Nellingen schnippeln, was das Zeug hält: Es wird Obstsalat gemacht. Nebenbei verbessern die 14- bis 16-jährigen, meist aus der Ukraine geflüchteten Jugendlichen ihr Deutsch: Zutaten und Arbeitsschritte werden an die Tafel geschrieben. Gesprochen werden sollte eigentlich nur Deutsch, das klappt aber nicht immer – vier Teilnehmende unterhalten sich lautstark in ihrer Muttersprache.
Auch Demokratiebildung steht auf dem Stundenplan
Seit Anfang des Schuljahres gibt es das gemeinsame Angebot auf dem Nellinger Schulcampus; davor hatte nur die Kästnerschule eine Vorbereitungsklasse. Ziel ist eine schrittweise Eingliederung in die Regelklassen. Laut Corina Schimitzek, der Amtsleiterin des Staatliches Schulamts in Nürtingen, dauert es mindestens ein Jahr, bis die Sprache so weit sitzt, dass der Wechsel in eine Regelklasse sinnvoll ist. Neben Deutsch stehen auch ein paar Einheiten in Demokratiebildung auf dem Stundenplan.
Das Ostfilderner Modell hat Ausnahmecharakter – zum einen arbeiten die beiden Schulen eng Hand in Hand, zum anderen werden die beiden nach dem Alter gestaffelten Klassen von zwei Menschen unterrichtet, die selbst Flüchtlingshintergrund haben, unterrichtet. Unterstützt werden die Ukrainerin Iryna Jakubenko und der Türke Yusuf Biyik dabei von Deutsch-Lehrkräften der beiden Schulen. „Vom Personal her wäre es sonst schwierig geworden“, sagt Katharina Striebel, die Leiterin der Kästnerschule. „In Zeiten des allgemeinen Lehrermangels sind unsere VKLs ein echtes Kunststück. Aus eigenen Beständen hätten wir das Angebot nicht machen können“, bestätigt Markus Fritz von der Riegelhof-Schule.
Die Lehrer sind Glücksfälle für die Schulen
Für die beiden sind Jakubenko und Biyik echte Glücksfälle. „Der Kontakt kam eher zufällig zustande, beide sind aber Pädagogen“, erzählt Fritz. Jakubenko war bis zum Kriegsausbruch Ende Februar Deutschdozentin an der Universität von Ostfilderns Partnerstadt Poltawa, Biyik hat international als Englischlehrer gearbeitet. Der 46-Jährige lebt seit fünf Jahren im Kreis Esslingen, in seine Heimat kann er nicht zurück: „Ich bin auf der Flucht vor dem Erdoganregime.“ Mit Zustimmung des Schulamts wurden beide mit Zeitverträgen für ein Schuljahr ausgestattet.
Insgesamt besuchen 55 Jugendliche die beiden Nellinger Vorbereitungsklassen, 90 Prozent davon sind aus der Ukraine geflüchtet, der Bedarf steigt täglich. „Eigentlich hätten wir nur 48 Plätze“, sagt Striebel. Der Klassenteiler liegt bei 24 Schülern. Doch der Aufnahmedruck ist groß, derzeit liegen im Schulsekretariat weitere zehn Voranmeldungen. „Diese Kinder und Jugendlichen können derzeit nicht beschult werden“, bedauert Fritz. Dabei haben geflüchtete Kinder und Jugendliche in Deutschland ein Recht auf einen wohnortnahen Schulplatz – der im Minimum 15 Stunden, maximal 25 Stunden Unterricht pro Woche garantiert. In Nellingen stehen 25 Stunden auf dem Plan, aber es gibt Überlegungen, diesen Unterricht auf 15 Stunden zu reduzieren und die frei werdenden Kapazitäten für eine dritte Klasse zu nutzen. Die müsste vermutlich am Nachmittag zum Unterricht antreten – erst dann wären Räume für den Unterricht frei.
Auch die Gymnasien werden in die Pflicht genommen
Zudem sei man im Gespräch mit den beiden ebenfalls auf dem Nellinger Campus ansässigen Gymnasien, sagt Fritz. Die nehmen bislang punktuell Gastschüler aus den beiden Vorbereitungsklassen in bestimmten Fächern auf, ein eigenes Angebot haben sie nicht. „Aber auch die dritte Schulart ist in Pflicht, sich zu kümmern“, fordert der Realschulleiter. Es gehe letztlich nicht nur um die Vermittlung von Bildung, sondern auch um einen „Akt der Menschlichkeit“. Schließlich betreffe das alle, stimmt Striebel zu. Auch sie hätten nicht auf Experten für die Beschulung von Flüchtlingen zurückgreifen können, man müsse sich eben auch mal auf Kompromisse einlassen.
Unterricht gibt dem Tag eine Struktur
Die Schülerinnen und Schüler jedenfalls sind dankbar für das Angebot. Ihr Tag habe mit dem Unterricht wieder eine Struktur, sagt Lisa Davydova. Eigentlich wollte die 16-Jährige, die seit der ersten Klasse Deutsch lernt, im Frühjahr in Kiew ihre B-1-Prüfung ablegen: „Aber leider hat hierbei der Krieg gewonnen.“ Seit April ist sie in Deutschland, demnächst darf sie für ein paar Stunden rüber ans Heinrich-Heine-Gymnasium. „Für Gemeinschaftskunde, Wirtschaft, Englisch, Mathe und Sport“, sagt Lisa, die vielleicht einmal Ärztin werden will, strahlend. Sie freue sich darauf, endlich wieder was anderes zu lernen. Ihre Schule in Kiew bietet noch Online-Unterricht an. „Die Hausis mache ich da auf jeden Fall“, am Unterricht teilnehmen könne sie wegen der Vorbereitungsklasse nicht immer. Am Ende des Jahres legt sie online Prüfungen in allen Fächern ihrer Kiewer Schule ab – damit die Leistungen nicht verloren gehen. „So ist es jetzt halt“, meint sie – und löffelt ihren Obstsalat.
Herausforderungen für die Schulen
Vorbereitungsklassen
Im Zuständigkeitsbereich des Nürtinger Schulamtes müssen laut der Amtsleiterin Corina Schimitzek seit Kriegsausbruch in der Ukraine 900 Kinder und Jugendliche zusätzlich beschult werden. Aktuell gibt es 48 Vorbereitungsklassen (VKL) an Grundschulen, 34 im Sekundarbereich eins und drei an Gymnasien. Das reicht aber nicht aus, wie das Beispiel aus Nellingen zeigt. „Wir sind permanent auf der Suche nach Räumen und Lehrkräften“, sagt Schimitzek. Das Engagement, eine VKL anzubieten, müsse von einer Schule ausgehen, Gelder und ein Fortbildungsangebot seien verfügbar.
Kapazitäten
Aus ihrem Personalbestand heraus wird keine Schule eine VKL einrichten können, ist sich Schimitzek sicher. Im Bereich des Nürtinger Schulamts waren zu Beginn des Schuljahrs bereits rund 60 Lehrerstellen für den Regelunterricht nicht besetzt.
Zukunftsaussichten
Auch wenn der Übergang von der VKL in eine Regelklasse klappt, sei nicht alles in Butter. „Es ist zu erwarten, dass die Klassen größer werden und weitere Klassen eingerichtet werden müssen“, kündigt Schimitzek an. Woraus Engpässe bei den Räumlichkeiten und Lehrkräftemangel resultiere: „Es ist nicht auszuschließen, dass dann auch mancher Musiksaal in ein Klassenzimmer umgewandelt werden muss.“