Beim gemeinsam Werkeln an den Töpfen und Pfannen kommen in der Küche der Echterdinger Zehntscheuer Menschen und Kulturen zusammen. Das Lieblingsessen der Ukrainerin Inna Chuprina stand diesmal auf dem Kochplan.
„Zwei schöne große Paprika“ – die müssen zwingend rein in diese Suppe. „Rote, weil diese Sorte etwas süß ist“, erklärt Inna Chuprina. Ganz viel Zwiebeln und Karotten gehören ebenfalls in den Borschtsch, der an diesem Tag in der Echterdinger Zehntscheuer in einer vegetarischen Variante auf den Tisch kommen soll.
Die Ukrainerin zeigt dort Kochbegeisterten, wie das typische Essen aus ihrer Heimat zubereitet wird. „Borschtsch ist für ukrainische Leute sehr wichtig“, sagt Inna Chuprina. Und: „Jede Frau kocht diese Suppe etwas anders.“ Ihre Mutter etwa mischt frische Bohnen hinein, dafür weicht sie das Gemüse über Nacht ein. „Soviel Zeit haben wir heute aber nicht, deshalb nehmen wir Bohnen aus der Dose.“
Aus Cherson geflohen
Chuprina lebt seit eineinhalb Jahren in Leinfelden-Echterdingen. Mit ihrem Sohn ist sie aus Cherson geflohen. Im Spätherbst 2022 galt diese Region in der Ukraine schon als zurückerobert, die russischen Streitkräfte hatten sich damals aus ihrer Heimatstadt zurückgezogen. „Jetzt fallen wieder jeden Tag Bomben“, sagt sie. Im Oktober 2022 hatten Mutter und Sohn ein Zimmer im Filderhof bezogen. Die Stadt hatte das Hotel in Echterdingen zu einer Unterkunft für Geflüchtete umfunktioniert. Mittlerweile hat Inna Chuprina eine eigene kleine Wohnung gefunden. Sie hat die deutsche Sprache gelernt, wenngleich sie noch etwas sicherer werden will. „Ich weiß viele Wörter“, sagt sie. Aber das Sprachgewirr müsse sich noch etwas legen in ihrem Kopf.
Inna Chuprina erklärt der Gruppe, wie man den Knoblauch am besten klein schneidet, teilt Arbeiten zu. Wenn ihr das passende Vokabular fehlt, setzt sie ihre Hände zur Verständigung ein. „Die Kartoffeln brauchen 15 Minuten“, sagt sie. „Es muss jetzt jemand hinter dem Topf stehen und ....“ Das Wort „rühren“ fällt ihr nicht ein. Sie macht die passende Handbewegung. Und schon weiß jeder, was gemeint ist. „Gesalzen wird erst ganz zum Schluss“, klärt sie auf.
Ihre Integrationsmanagerin hat die Ukrainerin gefragt, ob sie bei dieser Veranstaltungsreihe mitmachen will, die sich das Team der städtischen Kontaktstelle für Integration in Kooperation mit der Gruppe Integration LE ausgedacht hat. Sie hat sofort zugesagt.
Das Raspeln der roten Beete und später das Paprika-Braten hat Soheila Nourieh übernommen. Auch sie hat ihr Kochwissen hier schon unter Beweis gestellt – im Oktober hat sie iranisch für all diejenigen gekocht, die das gerne einmal probieren wollten. „Das gemeinsame Kochen bringt Menschen zusammen“, sagt sie. Deshalb war klar, dass sie auch heute mit dabei sein wollte. Genauso wie Sabine Watzka, die sich gerade um die Kartoffeln kümmert. Sie kocht einfach „super gerne“ und wollte an diesem Nachmittag noch etwas dazulernen. Außerdem organisiert Watzka einmal pro Woche für ukrainische Flüchtlingskinder, die in dem Containerdorf auf dem Echterdinger Renault-Gelände leben, eine Spielgruppe. 25 Kinder kommen dort zusammen. Die Gruppe ist bunt gemischt, die Altersspanne reicht „von ganz klein bis 16 Jahren“, sagt sie.
Andreas Nicodem wollte heute mitkochen, weil er ebenfalls eine besondere Beziehung zu der Ukraine hat. „Kurz bevor dieser sinnlose Krieg begonnen hat, wollte ich das Grab meines Opas besuchen“, berichtet er. Sein Großvater musste in der Nazizeit als Gebirgsjäger an die Front und sei schlussendlich bei Lemberg, dem heutigen Lwiw, an Wundfieber gestorben. Andreas Nicodem hofft, dass der Angriffskrieg in der Ukraine bald endet.
Diese Gedanken beschäftigen freilich auch Inna Chuprina. Sie wünscht sich nichts mehr, als dass in ihrer Heimat endlich wieder Frieden einkehrt. Sie wird in diesen Tagen ihren ersten Job in Deutschland beginnen – als Gärtnerin bei den örtlichen Stadtwerken. Weil sie kein Zeugnis aus der Ukraine mitgebracht hat, und auch keinen Abschluss vorweisen kann, wird sie erst mal auf Probe arbeiten und in Teilzeit. In der Ukraine hatte sie ganztägig gearbeitet, war Leiterin einer Landschaftsgärtnerei.
Hoffnung auf Frieden
Jetzt aber muss sie noch etwas Öl in die Pfanne gießen. Das Kochen bringt sie auf andere, auf positive Gedanken. Anderen Menschen die ukrainische Küche näherzubringen, das macht sie glücklich. „Ich kann so meine Kultur und meine Seele mit ihnen teilen“, sagt sie.
Jedes Mal eine andere internationale Küche
Lose Folge
Die Veranstaltungsreihe der städtischen Kontaktstelle für Integration in Kooperation mit der Gruppe Integration LE findet in loser Folge statt. Es wird dabei jedes Mal eine andere internationale Küche vorgestellt. „So gab es zum Beispiel in der Vergangenheit auch ein türkisches oder iranisches Kochen“, erklärt Carola Henck, Leiterin der Abteilung Integration und der Kontaktstelle für Integration in Leinfelden-Echterdingen.
Passendes Rezept
. Alle Teilnehmer erhalten am Schluss des Abends das passende Rezept, damit sie das Gericht auch zu Hause nachkochen können. Nächster Termin der Reihe ist Ende Juni.