Die Stadt Stuttgart erklärt S21 auf Instagram mit Katzen. Unser Reporter Sascha Maier findet: Das hat im Lichte historischer Begebenheiten einen faden Beigeschmack.
Wer nicht gerade in den letzten 15 Jahren geboren oder nach Stuttgart zugezogen ist, dürfte sich noch an den 30. September 2010 erinnern. Dieser Tag ging als „Schwarzer Donnerstag“ unrühmlich in die Stadtgeschichte ein. Für die Spätgeborenen und Zugezogenen: Damals wurden bei einer Demo gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 auch Minderjährige mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Knüppeln angegangen, mehr als hundert – Parkschützer sprachen von bis zu tausend – Menschen verletzt. Der inzwischen verstorbene Demonstrant Dietrich Wagner erblindete infolge des Wasserwerfereinsatzes nahezu vollständig. Die Bilder gingen durch die Bundesrepublik.
Erklärung von Katzen in Babysprache
Und auch abseits dieses Tiefpunkts ist die Geschichte von S21 nicht unumstritten: Mehrere Kostenexplosionen (von ursprünglich veranschlagten 2,5 Milliarden Euro auf fast 11,5 Milliarden Euro im August 2025) und Verzögerungen (eine Eröffnung des Tiefbahnhofs war mal für 2019 geplant) strapazierten nicht nur öffentliche Mittel, sondern auch die Geduld der Stadtgesellschaft.
Wer sich auf dem städtischen Instagramkanal aktuell über S21 informiert, erfährt über all das – nichts. Stattdessen erklären Social-Media-Nutzern Katzen in einem bizarren Reel, wie die Video-Kacheln dort genannt werden, die S21-Welt. Unter der Überschrift „Stuttgart Rosenstein erklärt von Katzen“ werden Sachverhalte in Babysprache erläutert: „Katze genervt von Baustelle. Doch Baustelle hat einen Sinn“, „2026 – neuer Bahnhof endlich fertig“, „Katzen fahren nun unter der Erde“, „Das macht Platz für 10 000 neue Katzen über der Erde“ – und so geht es weiter.
„Pling“- und „Miau“-Geräusche
Dabei werden in Aufnahmen, welche S21-Baustellen, Bauflächen und Grafiken des fertigen Bahnhofs zeigen, kleine Katzen eingeblendet, die mit „Plopp“- und „Pling“- und „Miau“-Geräuschen aus den Fotos schießen. Am Ende des Clips schnurrt eine Katze, ein Schriftzug mit den Worten „Danke Stuttgart“ erscheint.
Dass der Social-Media-Beitrag bei an Kommunalpolitik interessierten Menschen intellektuell unterwältigend ankommen könnte und sich eher an eine Zielgruppe unter 15 Jahren richten dürfte, ist natürlich klar. Und es ist keineswegs verpflichtend, 15 Jahre nach dem „Schwarzen Donnerstag“ bei jeder Veröffentlichung um das Bahnprojekt an die Eskalation der Gewalt von damals zu erinnern.
Aber neben denjenigen Stuttgartern, die täglich am Baustellenwahnsinn leiden, gibt es auch viele, die damals da waren im Schlossgarten. Mindestens 50 000, bis zu 100 000 Menschen versammelten sich bei den Folgeprotesten gleichzeitig in Stuttgart. Größere Demos hat die Landeshauptstadt wahrscheinlich nie gesehen. Die Demoteilnehmer von damals dürften Stuttgart 21 auch heute noch eher mit Wasserwerfern und Knüppeln und weniger mit süßen Kätzchen in Verbindung bringen.
Hochgradig unsensibel
Auch wenn die Proteste gegen das Projekt merklich abgeflacht sind, muss ein hochumstrittenes Projekt, das durch eine hauchdünne Mehrheit von Befürwortern bei einer Volksabstimmung legitimiert wurde, nicht unbedingt von Katzen abgefeiert werden.
Hinzu kommen Jahre der Zumutungen für die Menschen, die in Stuttgart leben: Zähe Gerichtsprozesse um Häuser, die durch die Tunnelbohrarbeiten beschädigt worden waren, nächtlicher Baulärm, der vielen Menschen in Untertürkheim den Schlaf geraubt hatte. Es ist richtig, dass der Staat Menschen auch mal etwas zumutet, wenn demokratisch beschlossen wurde, dass der allgemeine Nutzen am Ende überwiegt – egal, wie man nun konkret zur Sinnhaftigkeit von Stuttgart 21 steht. Aber hätte die Stadt Stuttgart die Coronamaßnahmen mit Katzenvideos erklärt? Wohl kaum.
Unter diesen Aspekten ist das, was die Stadt Stuttgart hier veröffentlicht hat, hochgradig unsensibel gegenüber allen, für die S21 nicht nur die Vorfreude auf einen neuen Bahnhof war, sondern eine echte Belastung. Den Erstellern des Reels ist diese Taktlosigkeit wahrscheinlich sogar zu verzeihen: Die Gnade der späten Geburt kann man hier als Entschuldigung schon gelten lassen. Dass aber im Rathaus offenbar niemand in der Kommunikationsabteilung sitzt, der Katzen im S21-Kontext für deplatziert hält, stimmt nachdenklich.