Rassismus hat viele Facetten. Dominik Lucha hat viele Beispiele. Foto: Eileen Breuer

Dominik Lucha von der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen sammelt bei Instagram traurige Beispiele für Diskriminierung. Die erleben er und viele andere beinahe tagtäglich.

Vaihingen - Du bist aber braun geworden!“ Ein Klassiker, den Dominik Lucha nach dem Sommerurlaub des Öfteren schon zu hören bekommen hat. Einmal weigerte sich ein Taxifahrer, ihn aufgrund seiner Hautfarbe mitzunehmen und beleidigte ihn sogar. Dass er mit diesen Erfahrungen nicht allein ist, das beweisen die vielen Beiträge auf seinem Instagram-Account.

Als nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch weiße Polizeibeamte in Amerika auch in Deutschland eine Debatte zum Thema Rassismus entbrannte, fragte Dominik Lucha seine Bekannten, wie sie Rassismus in Deutschland erleben, und begann, Beispiele aufzuschreiben. Die Antworten teilte er auf seinem neu kreierten Instagram-Profil mit dem Titel „Was ihr nicht seht“ mit seinen Followern.

Wie Rassismus täglich daherkommt

„Es muss nicht erst jemand umgebracht werden, damit es Rassismus gibt. Den gab es auch davor. Ich will den Rassismus sichtbar machen und zeigen, wie alltäglich er ist“, sagt der 29-Jährige. Er studiert an der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen Medienmanagement und schreibt derzeit seine Masterarbeit in Berlin.

Auf seinem Account will er nicht nur seine eigenen Erfahrungen teilen. Hier bietet er anderen ein Sprachrohr. So beschreibt ein Beitrag zum Beispiel, wie jemand in der achten Klasse bei einem Ausflug mit seinen Schulkameraden von einem Mann angerempelt wurde. Statt sich zu entschuldigen, drehte sich dieser um und sagte: „Oh, das war ja nur ein Schwarzer.“

Er bezeichnet sich selbst als schwäbisch-afrokaribisch

Das ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen: Rassismus begleitet viele „BPoC“ jeden Tag. Die Abkürzung PoC steht für People of Colour und ist laut dem Glossar der Neuen deutschen Medienmacher eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung, die nicht als weiß, deutsch und westlich wahrgenommen werden und sich auch selbst nicht so definieren. Das B davor steht für Black, der Begriff soll so schwarze Menschen ausdrücklich miteinschließen. Dominik Lucha selbst bezeichnet sich als schwäbisch-afrokaribisch. Rassismus ist sein Alltag. Das beginne schon damit, wenn andere ihn fragten, wo er denn herkomme: „Viele sind unzufrieden, wenn ich ihnen antworte: aus Ravensburg.“ Sie wollten hören, dass er in der Karibik auf Haiti geboren und adoptiert worden sei. Dabei habe er eigentlich keine Lust, das jedem zu erzählen, mit dem er abends ein Bier trinke.

Viele erleben Rassismus dermaßen häufig, dass man laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes von alltäglichem Rassismus spricht. Und der äußert sich nicht nur in Beleidigungen gegen BPoCs. So zeigt zum Beispiel eine Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit, dass die Angabe eines türkischen klingenden Namens bei der Bewerbung die Chance auf ein Vorstellungsgespräch um bis zu ein Viertel reduziere – und das bei gleicher Qualifikation.

Sie werden von Lehrern nachweislich schlechter benotet

Doch nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, schon in der Schule geht es los. Eine Studie der Universität Mannheim fand heraus, dass Grundschulkinder mit ausländischen Wurzeln im Fach Deutsch von angehenden Lehrkräften bei gleicher Leistung schlechter benotet werden.

Rassismus kann schwerwiegende Folgen haben. Er verhindert zum Beispiel die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft, er stellt Menschen als weniger wert dar und kann zu psychischer wie physischer Gewalt führen, schreibt die Antidiskriminierungsstelle auf ihrer Webseite. Dabei verbietet der Artikel 3 des Grundgesetzes unter anderem Benachteiligung aufgrund der Abstammung, Sprache oder Herkunft. Doch Gesetze allein reichen laut dem Studenten Dominik Lucha nicht aus, um Rassismus zu bekämpfen: „Gedanken kann man nicht mit Paragrafen steuern. Es ist wichtig, dass die Leute es fühlen und umsetzen.“ Dazu könne sein Account beitragen. Diesem folgen inzwischen mehr als 30 000 Nutzer.

Man müsse stattdessen anti-rassistisch sein

Viele von ihnen schreiben ihm, dass es sie erschreckt, so etwas zu lesen. Doch das reicht Lucha als Konsequenz nicht. Er hofft, dass die Leute nicht nur aufwachen, sondern beginnen, sich selbst zu informieren: „Das Problem ist, dass es viele als Gegenmaßnahme begreifen, zu sagen: Es gibt keine Hautfarbe. Zu tun, als gäbe es sie nicht, ist aber nicht sinnvoll, denn es gibt sie. Man muss stattdessen anti-rassistisch sein: Zu sagen, es gibt Hautfarben, aber sie nicht negativ einordnen, sich aktiv gegen Rassismus äußern und handeln.“

Mit seinem Account will er außerdem einen Ort schaffen, der Betroffenen die Möglichkeit bietet, sich zu äußern. Denn er vermutet, dass viele nur selten über rassistische Erfahrungen sprechen: „Ich bekomme viele Einsendungen mit dem Kommentar: Das habe ich noch nie jemandem erzählt. Ich freue mich, dass die Leute hier eine Stimme haben, Gehör finden und merken, dass sie nicht alleine sind.“

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