In Krisenzeiten haben Insolvenzverwalter Hochkonjunktur - sie müssen anpacken und schnell entscheiden

Stuttgart - Mancher steht in diesen Zeiten einer Berufsgruppe von Angesicht zu Angesicht gegenüber, die er bislang höchstens aus den Medien kannte: den Insolvenzverwaltern. Ist eine Firma oder eine Privatperson zahlungsunfähig oder überschuldet, muss sie die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragen. Kommt es zu einem Verfahren, setzt das Gericht einen Insolvenzverwalter ein, der die Zahlungsfähigkeit wieder herstellen oder die Situation geordnet abwickeln muss.

Rund 2000 Insolvenzverwalter gibt es in Deutschland. Bettina Breitenbücher ist eine von ihnen. Die gebürtige Heilbronnerin studierte Rechtswissenschaften in Tübingen, Fribourg und Heidelberg und wusste am Ende ihres Studiums, dass sie weder Richterin noch Staats- oder Rechtsanwältin werden wollte. "Ich bin in einem Unternehmerhaushalt aufgewachsen und hatte dabei früh meine kaufmännische Ader entdeckt", erzählt Breitenbücher. Die Rechtsabteilung eines Unternehmens erschien ihr deshalb als ideales Berufsfeld. Im Rahmen ihrer Referendarzeit bei Gericht kam sie jedoch früh mit dem Insolvenzrecht in Berührung, weil sie ein Gutachten für einen Prozess erstellen musste. "Da erkannte ich, dass das meine Welt ist", erinnert sich die promovierte Juristin. Sie bewarb sich bei einer auf Insolvenzen spezialisierten Kanzlei - und bekam die Stelle.

Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Schon nach relativ kurzer Zeit übernahm sie die Insolvenzverwaltung eines Unternehmens mit 150 Beschäftigten. Weder Alter - sie war erst 28 - noch Geschlecht passten so recht ins Bild. Denn die Mehrzahl ihrer Kollegen war männlich und hatte mindestens eine 4 vorn stehen. Auch mancher Unternehmer reagierte skeptisch, als er sah, wen ihm das Gericht da als Insolvenzverwalter geschickt hatte. "Mit 33 war ich zum Beispiel für eine Baufirma zuständig, deren vier Geschäftsführer doch sehr verwundert waren, als da eine Frau kam", erzählt Breitenbücher. Das Unternehmen war letztlich nicht zu retten, stellte aber im Lauf eines Jahres unter ihrer Insolvenzverwaltung noch eine Jugendherberge mängelfrei fertig. Als Anerkennung überreichten die Geschäftsführer Bettina Breitenbücher zum Abschied eine Ausgabe von "Käthchen von Heilbronn" - weil diese ebenfalls eine starke Frau gewesen sei.

1997 machte Breitenbücher sich mit einer eigenen Kanzlei selbstständig. Drei Jahre später spezialisierte sie sich als Fachanwältin für Insolvenzrecht. Sie arbeitete hart und viel, machte sich nach und nach einen Namen. "In dieser Zeit war ein freier Sonntagnachmittag fast schon wie Urlaub." Im Jahre 2002 fusionierte sie ihre Kanzlei mit 15 Mitarbeitern und den Standorten Erfurt und Heilbronn mit der Sozietät Kübler, die heute mit mehr als 230 Mitarbeitern an insgesamt 26 Standorten tätig ist. Seitdem ist Breitenbücher geschäftsführende Gesellschafterin dieser Kanzlei. Sie ist schwerpunktmäßig in den Räumen Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim sowie in Thüringen und Sachsen tätig. Inzwischen habe sie "viele Hundert" Insolvenzen betreut - Einzelpersonen, Kleinbetriebe, aber auch mittelständische Unternehmen. Ihr größter Fall war eine Firma mit 300 Beschäftigten.

Anpacken und entscheiden ist angesagt

"Wer diesen Job machen will, darf keine Angst vor Menschen haben", sagt Breitenbücher. "Das ist keine Schreibtischtätigkeit." Anpacken und entscheiden ist angesagt. Kommt sie in ein Unternehmen, dann muss es schnell gehen, denn jeder Tag, an dem die Firma tiefer im Schlamassel versinkt, ist ein vergeudeter. Wie steht das Unternehmen finanziell da? Behalten die Kunden genügend Vertrauen, dass sie keine Aufträge stornieren? Sind die Lieferanten bereit, Geld zu stunden? "Am ersten Tag schaut man sich parallel die Finanzen, die Lieferanten und den Auftragsbestand an und weiß abends bereits, ob sich das Unternehmen überhaupt weiterführen lässt", sagt Breitenbücher. Bei umfangreichen Fällen bringt der Insolvenzverwalter dafür ein ganzes Team mit, das auch mal 100 Köpfe zählen kann.

Krisenzeiten bedeuten für Insolvenzverwalter Hochkonjunktur. In den ersten drei Monaten des Jahres ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen laut Statistischem Bundesamt um mehr als zehn Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2008 gestiegen. Im April waren es sieben Prozent mehr als im Vorjahresvergleichszeitraum, im Mai - aktuellere Zahlen liegen nicht vor - 14,9 Prozent. Der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) hatte bereits Anfang Juli erklärt, dass vor allem größere Unternehmen zunehmend von Insolvenzen betroffen seien. Diese Entwicklung werde sich in den kommenden Monaten noch verschärfen, so die Standesvereinigung damals.

Eine berufliche Ausbildung zum Insolvenzverwalter gibt es nicht. Laut VID-Geschäftsführer Daniel Bergner handelt es sich bei der großen Mehrzahl der Insolvenzverwalter um Rechtsanwälte. "Sie werden in ihrer Ausbildung aber nicht auf diese Tätigkeit vorbereitet", sagt der promovierte Jurist. Vielmehr ist Learning by doing in einer einschlägig tätigen Kanzlei angesagt. Neben Rechtsanwälten gibt es auch Betriebswirte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, die als Insolvenzverwalter agieren.

Neben der fachlichen Kompetenz im Spannungsfeld Recht/Wirtschaft/Steuern sollte ein Insolvenzverwalter in Bergners Augen vor allem "keine schwachen Nerven haben und nicht zu harmoniesüchtig sein". Schließlich geht es darum, auch in Situationen, in denen schnelle und oft unangenehme Entscheidungen gefordert sind, souverän zu bleiben. Als Insolvenzverwalter muss man sowohl mit dem Chef und dem Betriebsrat des angeschlagenen Unternehmens sprechen als auch mit den Gläubigern - und nicht zuletzt auf einer Mitarbeiterversammlung für Vertrauen werben können, ohne bloß leere Versprechungen zu machen. "Das persönliche Auftreten", so Bergner, "ist für einen Insolvenzverwalter daher ganz entscheidend."

Erst nach und nach kommt man an lukrativere Fälle

Um von einem Gericht als Insolvenzverwalter bestellt zu werden, muss man zunächst in eine Vorauswahlliste aufgenommen werden. Dafür sind praktische Erfahrungen, die richtige Vorbildung, ausreichend personelle Kapazitäten und die richtige technische Ausstattung erforderlich. "Die Gerichte sind da sehr vorsichtig", sagt Bergner. "Anfangs bekommt man vielleicht einen kleinen Fall, zum Beispiel eine Verbraucherinsolvenz, oder muss ein Gutachten erstellen, ob sich die Eröffnung eines Verfahrens überhaupt lohnt." Erst nach und nach kommt ein angehender Insolvenzverwalter auch an lukrativere Fälle.

"Das Tätigkeitsfeld hat seit dem Inkrafttreten der Insolvenzordnung im Jahre 1999 eine Professionalisierung erlebt", sagt Bergner. Von seinen Mitgliedern, rund 440 an der Zahl, fordert der VID inzwischen eine Zertifizierung nach ISO 9001, um damit dokumentieren zu können, dass man bestimmte Qualitätskriterien erfüllt. Der VID-Geschäftsführer geht davon aus, dass es im Lauf der kommenden Jahre gar zu einer Berufsordnung für Insolvenzverwalter kommen wird - ähnlich wie es sie bereits für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder Rechtsanwälte gibt.

http://www.vid.de

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