Insolvenztristesse – so geht es vielen Betrieben, nicht nur in der Gastronomie. Foto: imago/Bihlmayerfotografie

Die Insolvenzen erreichen das höchste Niveau seit mindestens 2014. In Baden-Württemberg geraten vor allem das Verarbeitende Gewerbe, der Bau und das Gastgewerbe auf die schiefe Bahn.

Die anhaltend schwierige Wirtschaftslage befeuert weiter das Insolvenzrisiko. In diesem Jahr ist bei den Unternehmensinsolvenzen bundesweit ein Plus von 8,3 Prozent zu verzeichnen – mit rund 23 900 Fällen wird bisher der höchste Stand seit 2014 erreicht. Inzwischen werden gut 9000 Unternehmenspleiten mehr registriert als 2022, wie Hochrechnungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zeigen.

 

Für Baden-Württemberg erwartet Creditreform eine Insolvenzquote für 2025 von voraussichtlich 64 Fällen je 10 000 Bestandsunternehmen – ein Wert weit hinter NRW und Hessen, aber vor Bayern. Bis Jahresende werden 2740 Firmeninsolvenzen im Südwesten vorhergesagt, nach 2445 im Vorjahr – was rund elf Prozent mehr entspricht.

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes wurde von Januar bis September insgesamt 11 259 Insolvenzen registriert – 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum (9878). Dazu zählen 2001 Firmenpleiten – ein Zuwachs von 8,3 Prozent. Die am meisten davon betroffenen Branchen sind das Baugewerbe (353, plus 11,0 Prozent), Handel/Kfz-Werkstätten (282, plus 0,4 Prozent), Freiberufe/Technische Dienstleistungen (216, plus 52,1 Prozent), das Verarbeitende Gewerbe (215, plus 5,4 Prozent) sowie das Gastgewerbe (214, plus 30,5 Prozent).

Rund 17 500 Beschäftigte im Südwesten waren in diesem Jahr von den Pleiten betroffen – die Gesamthöhe aller Forderungen beträgt 2,7 Milliarden Euro. Allerdings gab es auch schon höhere Insolvenzzahlen: In den Jahren 2002 bis 2004 wurde jeweils die 3000er Marke überschritten. Die relativ niedrigen Werte in der Coronaphase (um die 1500) lassen sich wegen vorübergehend geänderter Regeln nicht zum Vergleich heranziehen.

„Viele Betriebe sind hoch verschuldet, kommen schwer an neue Kredite und kämpfen mit strukturellen Belastungen wie Energiepreisen oder Regulierung“, erläutert der Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. „Das setzt vor allem den Mittelstand unter Druck und bricht vielen Betrieben das Genick.“

Einzelhandel fordert dringend eine „gezielte Hilfe“

Zu den besonders beeinträchtigten Branchen zählt der Einzelhandel, der im auslaufenden Jahr „die zweithöchste Insolvenzzahl seit Beginn der Statistik“ verzeichnet, wie Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, sagte. „Das zeigt die dramatische Lage vieler Händler.“ Während Industrie und Gastronomie großzügig unterstützt worden seien, sei der Handel weitgehend leer ausgegangen. Dabei sorge er entscheidend für lebendige Innenstädte und wirtschaftliche Vielfalt. „Deshalb braucht es dringend gezielte Hilfe, etwa in Form von Investitionsbeihilfen, um die darbende Branche zu stabilisieren.“

In die Schlagzeilen gerieten etwa der Schuhhändler Görtz, der Modehersteller Gerry Weber und Herrenausstatter Wormland. Auch die Modekette Esprit schloss insolvenzbedingt alle Geschäfte. Zu den größeren Schiffbrüchen des Jahres gehörten die auf Raumausstattung spezialisierte Handelskette Hammer Fachmärkte, die Mannheimer Achat Hotelgesellschaft und die Restaurantkette Sausalitos. Zudem gab es Großpleiten im Gesundheits- und Pflegesektor.

Im Gastgewerbe wird oftmals still zugemacht

In der Gastronomie „spielen Insolvenzen zahlenmäßig eine untergeordnete Rolle bei der Betriebsbeendigung“, erläutert Daniel Ohl, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Baden-Württemberg. „Die meisten Gastronomen, die ihren Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen schließen, machen einfach zu und melden ihr Gewerbe ab.“

Klar sei, dass es der Branche nicht gut gehe: Der Umsatz im Südwesten sei in den ersten neun Monaten inflationsbereinigt um 4,5 Prozent gesunken – in der Hotellerie um 3,6 Prozent und in der Gastronomie von 5,2 Prozent. Die Zahl der gastgewerblichen Betriebe liegt laut dem Statistischen Landesamt mit ca. 27 600 um rund 3200 niedriger als 2019. Und die Zahl der Beschäftigten ist von Januar bis September 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 3,0 Prozent gesunken – in der Hotellerie um 0,7 und in der Gastronomie um 4,2 Prozent. „Das Gastgewerbe ist stark von der Konjunktur und vom Konsumklima abhängig“, sagt Ohl. Die geplante Rückkehr zum reduzierten siebenprozentigen Mehrwertsteuersatz auf Speisen zum 1. Januar sei daher „für die Zukunftsaussichten vieler Betriebe von erheblicher Bedeutung“.

Auch bei Verbrauchern setzt sich der Negativtrend fort

Auch die Verbraucher stecken im Negativtrend fest: Laut Creditreform steigt die Zahl der Privatinsolvenzen in diesem Jahr um weitere 6,5 Prozent auf rund 76 300 Fälle. Hauptursache sei die zunehmende Überschuldung der Menschen. Bundesweit gelten aktuell 5,67 Millionen Bürger als überschuldet. Hohe Lebenshaltungskosten, Stellenstreichungen und steigende Arbeitslosigkeit würden viele Haushalte überfordern.

Die Notlage spiegelt sich ferner in den hohen Schäden für Gläubiger: Für 2025 schätzt Creditreform das Volumen der Forderungsausfälle auf rund 57 Milliarden Euro. Zumeist könnten die Gläubiger nur einen geringen Teil ihrer Forderungen realisieren.