Mehrere Wohnungseigentümer fühlen sich im Verfahren um die insolvente Paulus Wohnbau allein gelassen. Einige schalten Anwälte ein, um an Insolvenzverwalter Holger Leichtle heranzukommen. Der winkt ab und sieht sich nicht zuständig.
Ihre Wohnung sei schön, sie haben ein Zuhause gefunden, sagt ein Ehepaar aus Pleidelsheim, das nicht namentlich genannt werden will. Die Probleme beginnen jedoch vor der Wohnungstür, denn die Bauarbeiten am Mehrfamilienhaus wurden durch die Insolvenz der Paulus Wohnbau GmbH von einem Tag auf den anderen unterbrochen.
Unter anderem fehlen aufgrund von Baumängeln einige der Parkplätze sowie der Weg zum Mehrfamilienhaus, der Außenbereich ist eine Brache und die Regenrinnen sind nicht miteinander verknüpft. Auch das Fundament liegt noch offen, was der Familie die größten Sorgen bereitet. Die Hausgemeinschaft in Pleidelsheim hofft deshalb endlich auf Informationen, einen Fahrplan der Insolvenzverwalter – doch leider vergeblich und das seit Monaten.
Nicht nur die Hausgemeinschaft in Pleidelsheim, mehrere Paulus-Kunden aus dem Landkreis Ludwigsburg fühlen sich von den Insolvenzverwaltern hängengelassen – der Frust und die Verunsicherung steigen. Einige sprechen von einer Mauertaktik und haben einen Anwalt eingeschaltet. Der Insolvenzverwalter Holger Leichtle ist mit dem Fortschritt seiner Mammutaufgabe derweil zufrieden und sieht die an ihn gerichtete Kritik an der falschen Adresse.
Paulus-Kunden stehen vor unvollendeten Häusern
Seit November 2023 arbeitet die Kanzlei Görg unter der Leitung von Holger Leichtle am Insolvenzverfahren der bankrotten Pleidelsheimer Paulus Wohnbau. Eine heikle Angelegenheit, denn zu den Gläubigern gehören Dutzende Paulus-Kunden mit einem Traum vom Eigenheim. Viele von ihnen haben bereits mehrere Ratenzahlungen getätigt, stehen nun aber vor ihren unvollendeten Häusern. Die Sorge, ob, wie und zu welchem Preis die Immobilien fertiggestellt werden, war und ist groß.
Einfach selbst Handwerker engagieren, um die restlichen Bauarbeiten abzuhaken, kann die Hausgemeinschaft in Pleidelsheim laut eigener Aussage nicht. Erstens seien sie noch keine eingetragenen Eigentümer, zweitens seien derzeit nur acht von neun Einheiten des Gebäudes verkauft, die Gemeinschaft will auf den letzten Verkauf warten, um die Kosten für die Fertigstellung gerecht zu verteilen. „Wir wissen gar nicht, wie es weitergeht, das ist zermürbend“, sagt der Paulus-Kunde. Seit der Gläubigerversammlung im Januar hätten sie nichts mehr von den Insolvenzverwaltern gehört. Selbst als die Hausgemeinschaft einen Anwalt eingeschaltet habe, hätte es keine Reaktion der Kanzlei Görg gegeben.
Ähnlich geht es Paulus-Kunden einige Häuser weiter. Viele Fragen seien unbeantwortet, Mängel nicht beseitigt – auch hier fehlt unter anderem der Grundbucheintrag, auch hier wurde ein Anwalt eingeschaltet. Einige Eigentümer hätten vor kurzem Post von den Insolvenzverwaltern bekommen, andere nicht. Sie sei verunsichert und genervt, sagt eine der dort lebenden Paulus-Kundinnen, die namentlich nicht genannt werden will.
Weitere Beteiligte der Paulus Insolvenz werden ignoriert
Weitere Kunden aus Kornwestheim bestätigen die Eindrücke aus Pleidelsheim, zudem sagt ein Anwalt eines Paulus-Gläubigers, der anonym bleiben will: „Ich habe auf wiederholte Nachfrage keine Antwort der Insolvenzverwalter erhalten.“ Diese Situation sei für die Gläubiger frustrierend, aber auch nicht ungewöhnlich. „Das ist der schieren Größe des Insolvenzverfahrens und der Masse an involvierten Personen geschuldet“, bricht der Anwalt eine Lanze für die Insolvenzverwalter.
Nachdem die Kanzlei Görg mit Sitz in Stuttgart in den vergangenen Monaten keine Informationen über das Verfahren preisgegeben hat, informierte sie Anfang August über den aktuellen Stand. Für 15 Projekte seien Lösungen gefunden wurden, sechs davon würden mit Mitteln der Insolvenzmasse der Paulus Wohnbau fertiggestellt werden – die Bauaktivitäten seien bereits im Gange. Neun Projekte sollen durch die Merkur-Bank fertiggestellt werden „Wir sind dabei, weitere zehn Bauvorhaben zu verkaufen“, sagt Leichtle. Zudem würde er versuchen, 45 Objekte aus dem Bestand der Paulus Wohnbau zu verkaufen. Das Paulus-Geschäftshaus in Pleidelsheim habe bereits einen neuen Eigentümer gefunden.
Insolvenzverwalter weist Kritik der Paulus-Kunden von sich
Er sei mit dem bisherigen Verlauf des Insolvenzverfahrens zufrieden, sagt Leichtle – die Kritik der Paulus-Kunden weist er von sich. Bei diesen Personen könne es sich nur um diejenigen Kunden mit „alten Ansprüchen“ handeln, „die aus der Bautätigkeit beziehungsweise den Verkäufen von vor der Insolvenzanmeldung herrühren“. Diese Ansprüche dürfte er nicht mehr bedienen, die Paulus-Kunden könnten aber Schadenersatzansprüche für Mängel zur Insolvenztabelle anmelden. „Es liegt in der Natur der Sache eines Insolvenzverfahrens, dass diese Mängel nicht mehr behoben werden, sondern sich die Eigentümer selber kümmern müssen. Dass wir hier nicht weiterhelfen können, tut mir für die Bauherren leid.“
Dass sie sich selbst um die Mängel kümmern müssen, sei den Paulus-Kunden mittlerweile bewusst. Es gehe ihnen aber vor allem um die Eigentumsverhältnisse, die ohne den Insolvenzverwalter nicht geklärt werden könnten. Die Geschädigten sind ernüchtert, sie hätten keine übertriebenen Erwartungen, sagen sie. Eine spricht aus, was wohl viele denken: „Warum gibt man uns nicht einfach mal den Stand der Dinge durch, ein Zeichen, dass wir wissen, dass wir nicht vergessen werden.“
Paulus-Insolvenz – Die wichtigsten Daten
- August 2023: Erwin Paulus macht die Insolvenz seiner Paulus Wohnbau GmbH öffentlich.
- September 2023: Mehr als 1000 Kleininvestoren der Crowdfunding-Plattform „Zinsbaustein“ haben in Paulus-Projekte investiert und verlieren voraussichtlich ihr Geld.
- Oktober 2023: Mehrere Paulus-Kunden berichten von Problemen mit dem Bauträger. Es geht um Baumängel, schlechtem Service und Heimlichtuereien.
- November 2023: Die Kanzlei Görg unter Leitung von Holger Leichtle übernimmt das Insolvenzverfahren, das bis zu diesem Zeitpunkt in Eigenverwaltung abgewickelt wurde.
- Januar 2024: Holger Leichtle stellt in einem großen Gläubigertreffen in Ludwigsburg erste Ergebnisse des Insolvenzverfahrens vor. Paulus-Kunden müssen teilweise um die 20 Prozent draufzahlen, damit ihre Wohnungen fertiggestellt werden.
- Januar 2024: Erwin Paulus meldet Privatinsolvenz, in mehreren Fällen hat er für Kredite mit seinem Privatvermögen gebürgt.
Privatinsolvenz wird aufgearbeitet
Privatinsolvenz
Um Kredite von Banken zu erhalten, hat Erwin Paulus teilweise mit seinem Privatvermögen gebürgt. Doch nicht nur Banken melden Ansprüche an, auch Kleinanleger der Internetplattform Zinsbaustein. Von denen hat Erwin Paulus rund 6 Millionen Euro geliehen und ein sogenanntes abstraktes Schuldanerkenntnis unterschrieben. Er hat also auch hier sein Privatvermögen als Sicherheit hinterlegt.
Stand der Dinge
Im Privatinsolvenzverfahren haben zurzeit 25 Gläubiger Forderungen von knapp 29 Millionen Euro zur Tabelle angemeldet, der endgültige Betrag wird aber erst am Ende des Verfahrens feststehen. Wie viel Privatvermögen Paulus zusammentragen kann, um die Forderung zu begleichen, ist noch nicht bekannt.