Die vor Helsinki liegende Insel Vallisaari überzeugt die Urlauber mit ihrer schönen Naturszenerie. Foto: Mauritius

Die vor Helsinki liegende Insel Vallisaari war jahrhundertelang militärisches Sperrgebiet. Heute überzeugt sie als Rückzugsgebiet für Tier- und Pflanzenarten und den morbiden Charme verfallender Militärgebäude. Jetzt wappnen sich die Behörden für die nächste Invasion durch Touristen. Doch nicht alle Teile dürfen betreten werden.

Helsinki - Schatzsucher leben auf Vallisaari gefährlich. „Wenn Sie hier buddeln, fliegen Sie in die Luft“, warnt Henrik Jansson und zeigt auf das Schild mit dem durchgestrichenen Spaten. Der Ranger nimmt seinen Job ernst. So gern er Besuchern die überwucherten Militärbaracken zeigt, so sehr muss er auf ihre Sicherheit achten. Denn Vallisaari, eine kleine Insel vor Finnlands Hauptstadt Helsinki, ist nicht irgendein Nationalpark. In dem Naturparadies lagerte die finnische Armee bis vor wenigen Jahren mehr als 300 Tonnen Munition.

Jahrhundertlang war Vallisaari militärisches Sperrgebiet. Die Insel ist nicht einmal hundert Hektar groß, liegt aber strategisch günstig. Die Flaggen, unter denen die Festung verwaltet wurde, wechselten in der Vergangenheit häufig. Nur eines blieb immer gleich: Die verbotene Insel durfte von Normalbürgern nicht betreten werden.

Nicht einmal 30 Minuten braucht die Fähre aus Helsinki

Heute geht alles ganz einfach. Nicht einmal 30 Minuten braucht die Fähre, um von Helsinki nach Vallisaari zu gelangen. Als das Boot die Anlegestelle erreicht, ist es, als habe jemand die Lautstärke auf stumm gestellt. Selbst Vögel scheinen das ehemalige Sperrgebiet zu meiden. Nur der kalte Wind pfeift unablässig, weshalb Henrik Jansson sogar im Hochsommer eine Jacke trägt.

„Wir haben hier Großes vor“, sagt der Ranger, während er auf den verlassenen Hafen zeigt. Seit die Armee vor drei Jahren abgezogen ist, bereiten sich die Behörden auf die nächste Invasion vor: die der Touristen. „Hier werden sie ankommen und sich zu Hunderten über die ganze Insel verteilen“, schwärmt Jansson. „Wichtig ist, dass wir schon jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen.“ Beim Hafen ist das durchaus gelungen. Ein Steg führt zu einem Imbiss, der Blaubeersaft und Limo verkauft. Daneben Picknicktische, Sonnenstühle und ein Grill, auf dem ein paar Würstchen brutzeln.

Strafgefangene helfen beim Einrichten der Infrastruktur

Fehlen nur die Besucher. Ein einziges Segelboot hat an diesem Tag angelegt, und am Imbiss hält sich nur eine Person auf: der Grillmeister selbst. Dabei ist die Ausgangslage auf Vallisaari gar nicht schlecht. Durch die jahrhundertelange Isolation konnte sich die Natur ungehindert ausbreiten. Eintausend Schmetterlingsarten leben laut Verwaltung angeblich in dem Nationalpark. Wer Glück hat, sieht in der Dämmerung einen Schwarm Fledermäuse vorbeihuschen. Oder erfreut sich am morbiden Charme historischer Backstein-Kasernen. Schon nach wenigen Metern tauchen sie auf, verbarrikadierte Zeugen einer vergessenen Ära. Im Offizierswohnheim hängen noch Gardinen.

Während die alten Häuser verfallen, kommen nach und nach neue hinzu. Zwei Männer in gelben Overalls nageln eine hölzerne Sauna zusammen. Ein anderer Trupp ist damit beschäftigt, Wegweiser aufzustellen. „Das sind Strafgefangene“, erklärt Park-Ranger Jansson. „Aber keine Sorge, die sind nicht gefährlich. Das gehört alles zur Resozialisierung.“

Helsinki zeichnet sich in der Ferne ab

Schon jetzt liegen diverse Pläne auf dem Tisch, wie Vallisaari touristenfreundlicher werden soll. Ein Baumwipfel-Pfad mit Kletterpark, ein Bootsverleih, eine Grillstelle für Wanderer. „Wir müssen genau darauf achten, wie wir alles umsetzen“, mahnt Jansson. Er will einen zu großen Eingriff in die Natur vermeiden. Ein Hotel lehnt er ab, wenngleich auch darüber diskutiert wird. „Unsere Gäste werden nach einem schönen Tag wieder nach Hause fahren“, hofft Jansson. „Oder sie schlafen in ihren Booten.“

Als die Sonne hinter den Wolken hervorbricht, wird es schlagartig wärmer. Wie auf Knopfdruck füllt sich die Fähre, die im Dreiviertelstundentakt zwischen Vallisaari und dem Festland pendelt. Auch für eine gute Aussicht hat die Nationalparkbehörde schon gesorgt. Eine Metallplattform führt auf einen Gipfel, von dem die gesamte Insel zu sehen ist. Helsinki zeichnet sich in der Ferne ab; ein Kreuzfahrtschiff läuft gerade in den Hafen der Hauptstadt ein.

Im Süden der Insel ist eine Sperrzone: zu viel Munition

Damit die unberührte Natur erhalten bleibt, drehen die Park-Ranger regelmäßig ihre Runden. Sie wissen, dass sich vieles noch einspielen muss. Stehen genügend Mülleimer zur Verfügung? Reichen die Toilettenhäuschen? Sind die Wege verständlich gekennzeichnet? „Manchmal legen Wanderer einen Trampelpfad an, um zu einem bestimmten Ort zu gelangen“, sagt Jansson. Statt streng zu sein, wandelten die Ranger die illegalen Pfade hin und wieder in offizielle um. „So flexibel müssen wir sein“, meint Jansson. „Zumindest dann, wenn es die Lage zulässt.“

An anderen Stellen zeigen sich die Verantwortlichen weniger tolerant: Wenn ein Möchtegern-Indiana-Jones die südliche Sperrzone betritt, in der immer noch Munitionsreste vermutet werden, schreiten die Ranger sofort ein. Bislang sind Jansson solche Erlebnisse zum Glück erspart geblieben. „Die roten Warnschilder wirken. Nur gut, dass die Gefangenen die überall aufstellen.“

Insel während der Russenherrschaft zur Festung ausgebaut

Im 17. Jahrhundert errichtete die schwedische Armee, die damals noch den Landstrich kontrollierte, einige Kasernen auf Vallisaari. Später baute das russische Zarenreich die Insel zur Festung aus. Als Finnland 1917 seine Unabhängigkeit erlangte, übernahm die finnische Armee. Seit 2014 räumte sie ihre Munitionslager.

96 000 Besucher hat die Nationalparkbehörde in der vergangenen Saison (Mai bis September 2016) auf Vallisaari gezählt; von 2020 an sollen jedes Jahr eine halbe Million Menschen kommen. Immerhin liegt die Metropolregion Helsinki mit 1,4 Millionen Einwohnern direkt vor der Haustür.

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