Mit dem namensgebenden Geweih kommen männliche Hirschkäfer auf zehn Zentimeter Gesamtlänge. Foto: Michael Eick

Der Hirschkäfer (Lucanus cervus) ist ohne Zweifel der größte Vertreter seiner sechsbeinigen Sippschaft – und trägt mit seinem Kopfschmuck erbitterte Kämpfe aus. Seit einiger Zeit ist er auch wieder auf dem Fellbacher Kappelberg anzutreffen.

Rems-Murr-Kreis/Fellbach - Ohne Zweifel – dieser Käfer ist ein kapitales Stück. Imponierend, fast schon furchteinflößend wirken diese kastanienbraunen Sechsbeiner. Männliche Hirschkäfer messen schon ohne ihre riesigen Kiefer an die fünf Zentimeter und wären damit schon mühelos die größten Käfer Europas. Doch mit ihrem namensgebenden „Geweih“ kommen sie locker auf zehn Zentimeter Gesamtlänge. Damit gehen Sie fast schon als Großwild durch.

Es sind die Oberkiefer des Käfers, die Mandibeln genannt werden

Wozu aber brauchen diese Käfer ein solches gigantischen Geweih? In Wahrheit ist es kein Geweih, also eine Knochenstruktur wie beim Hirsch. Insekten haben kein Knochenskelett, sondern ein Außenskelett aus dem harten Material Chitin. Bei den Geweihzangen handelt es sich bei genauer Betrachtung auch nicht um gehörnte Fühler oder andere Anhänge des Kopfes. Es sind die Oberkiefer des Käfers, die Mandibeln genannt werden. Ähnlich wie beim Rothirsch tragen tatsächlich auch bei den Käfern nur die Männchen diesen „Kopfschmuck“. Er dient aber nicht zur Zier, sondern als Waffe. Hirschkäfer tragen nämlich mitunter erbitterte Kämpfe aus, wenn es um die Gunst der Damen geht. Wie so oft in der Natur hat derjenige die besten Karten - sprich Vermehrungschancen - der sich gegen die Konkurrenz durchsetzt, auch mit roher Gewalt. Ein Rivale wird dabei mit den Kiefern gepackt, hochgehoben und wenn es gelingt am besten gleich vom Baum geworfen. Problem entsorgt!

Nach mehreren Jahren und zwei Häutungen haben sie eine Größe von etwa zehn bis zwölf Zentimetern erreicht

Die nur wenig kleineren Weibchen lassen sich dann vom „Platzhirsch“ begatten. Danach gräbt es sich bis zu einem halben Meter tief in die Erde. Innerhalb von zwei Wochen legt es 50 bis 100 blassgelbe Eier an morschen Wurzelstöcken ab, bevorzugt an Eichen. Schon nach wiederum zwei Wochen schlüpfen die Käferlarven, auch Engerlinge genannt. Die Larven verspeisen morsches und verpilztes Totholz, bei dessen Zersetzung zu Mulm sie kräftig mitwirken. Nach mehreren Jahren und zwei Häutungen haben sie eine Größe von etwa zehn bis zwölf Zentimetern erreicht. Sie können also noch größer werden als die erwachsenen Käfer. Die Larven können übrigens knarrende Geräusche produzieren, wenn sie ihre Beine gegeneinander reiben. Ob sie damit untereinander kommunizieren oder Feinde abschrecken wollen, ist noch unbekannt. Am Ende der Larvalentwicklung bauen sie sich unter der Erde eine faustgroße Puppenwiege.

Ihr Revier auf dem Baum wechseln sie übrigens nicht nur zur Fuß

Die dicken Wände des Kokons sind innen mit Sekreten und Nahrungsbrei ausgekleidet sind, um Pilze und Bakterien abzutöten. Rund sechs Wochen nach der Verpuppung schlüpfen die Käfer, verbleiben aber noch über den Winter im Boden. Im Frühjahr graben sie sich dann nach oben durch und erobern sich einen Ast, zum Beispiel auf einer alten Eiche, den sie dann mit Vehemenz verteidigen. Ihr Revier auf dem Baum wechseln sie übrigens nicht nur zur Fuß: Hirschkäfer können nämlich auch fliegen. Von Mitte Juni bis Mitte Juli spielt sich dieses Spektakel in unseren Wäldern ab. An lauen Abenden brummen die Käfer dann durch die Lüfte. Das sieht zwar auf den ersten Blick ziemlich verblüffend aus, wenn da so ein Ungetüm durchs Astwerk gaukelt. Wenn sie aber auf Kurs sind, fliegen sie erstaunlich geradlinig und zügig.

Während die gut fingerdicke Larve viele Jahre lang ihr verborgenes Leben lebt, existiert der ausgewachsene Käfer nur für einen Sommer lang. Ist das Werk der Vermehrung erledigt, sterben die erwachsenen Käfer und machen Platz für die nächste Generation. Auf dem Kappelberg und im Hartwald war der Hirschkäfer früher regelmäßig anzutreffen. An ganz besonders alten Eichen kann man auch heutzutage Glück haben und diesem spektakulären Käfer begegnen.

Ohne Eichen gibt’s auch keine Hirschkäfer

Der Hirschkäfer ist überaus selten und steht aus diesem Grund unter einem besonderen Schutz. Problem ist: Es gibt immer weniger geeignete Brutsubstrate, Saftleckstellen und Totholz. Ein Grund dafür liegt in der Intensivierung der Forstwirtschaft. Wo Alt- und Totholz verschwunden sind, fehlt auch der Hirschkäfer.

Wirksame Maßnahmen zum Schutz des Hirschkäfers sind Erhalt von Altholzbeständen, besonders von alten Eichen. Wenn einzelne Bäume, die sowieso holzwirtschaftlich uninteressant sind, zerfallen, dürfen oder auf kleinen Teilflächen sämtliche Altersphasen ablaufen können, entstehen wieder Brutbäume.

Wichtig dabei: alte Eichen mit Saftstellen, stehendes Totholz und das Belassen von Kronenabbrüchen auf dem Boden.

Baumstümpfe für die Larven

Am wichtigsten sind aber alte, modernde Baumstümpfe für die Larven. Sie brauchen morsches und verpilztes Holz, das sie mit der Zeit zu Mulm abbauen. Für ihre Entwicklung brauchen sie mehrere Jahre. Die meiste Zeit seines Lebens verbringt der Hirschkäfer in diesem Mulm als Larve. Programme für mehr Naturschutz im Wald scheinen zu wirken. Messbare Erfolge wird es aber erst nach Jahrzehnten geben.

Ein ganz besonderer Saft
Hirschkäfer lieben Eichen, besonders ganz alte Exemplare. An Wundstellen des Baumes tritt ein Saft aus, der Pilze enthält. Die Käfer benötigen genau diesen Baumsaft, damit ihre Keimzellen heranreifen können. Der Saft kann über Jahre an Verletzungen im Baum, etwa durch Blitzeinschläge, Windbruch oder durch Frostrisse, zum Vorschein kommen. Zur Not kann das Weibchen mit seinen kräftigen Oberkiefern neue, kleine Wunden aufbeißen.

Pinsel statt Löffel

Um den Baumsaft aufzunehmen, sind die Mundwerkzeuge der Hirschkäfer besonders angepasst. Der Unterkiefer und die Unterlippe des Hirschkäfers sind wie ein gelbes, gefiedertes Pinselchen. Damit können sie den Saft auflecken, statt auflöffeln.

Die aus den Duellen siegreich hervorgehenden Hirschkäfer suchen ein Weibchen an einer solchen Leckstelle. Dann stellt der Sieger sich in gleicher Blickrichtung über die Partnerin und versperrt ihr mit den gewaltigen Oberkiefern den Weg. So verhindert er, dass sie ihm davonläuft. Manchmal verharren die beiden über mehrere Tage an der Leckstelle und tanken zwischendurch immer wieder dort auf, bis schließlich die Paarung vollzogen wird.

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