Der Ameisenlöwe: Ein finsterer Fiesling, der mit seinen tödlichen Zangen kleinen Insekten keine Chance lässt. Foto: Michael Eick

Der Ameisenlöwe beziehungsweise die Ameisenjungfer (Mrymeleon formicarius) ist ein unheimliches Ungetüm. Auf dem Kappelberg sind seine Spuren am Wegesrand jedem Spaziergänger bekannt, aber gesehen wird das Tier nur selten.

Fellbach - Es sieht aus wie eine Ansammlung von Miniatur-Bombentrichtern. Kleine akkurat gezirkelte, in den Sand eingesenkte Trichterchen, im Durchmesser zwischen einem und acht Zentimetern. Hat hier ein Krieg der Zwerge stattgefunden? Kein Krieg zwar, aber in diesen kegelförmigen Vertiefungen finden täglich Kämpfe ums Überleben statt, kleine Dramen im großen Schauspiel der Natur.

Doch wer ist dieser finstre Fiesling

Wenn ein kleines Insekt, etwa eine Ameise, zu nahe an einen solchen Trichter herankommt und in diesen hineingerät, ist sein Schicksal besiegelt. Egal wie sehr es sich abstrampelt, es gibt kein Entrinnen. Der lockere Sand an den steilen Wänden rutscht ständig nach. Und plötzlich werden vom Trichtergrund aus Sandfontänen geworfen, Unten angekommen wird die Ameise schließlich von zwei zangenartigen Kiefern in Empfang genommen, mit einem lähmenden Gift betäubt und verspeist.

Doch wer ist dieser finstre Fiesling, der solche feinsandigen Fallen stellt und von dem man nicht viel mehr sieht als seine tödlichen Zangen? Es ist der berüchtigte Ameisenlöwe: ein beige-bräunliches Insekt von etwa einem bis eineinhalb Zentimeter Körperlänge und einem abgeflachten Körperbau. Auffallend sind die gigantischen Kieferzangen, die länger sind sind als der Kopf selbst. Bewegen kann sich der Ameisenlöwe nur rückwärts richtig gut, aber in wenigen Sekunden hat er sich rückwärts im Sand eingraben. Deshalb sieht man ihn so gut wie nie, wenngleich die Trichter im Sand jedem aufmerksamen Spaziergänger vom Hinteren Berg auf dem Kappelberg bekannt sein dürften.

Genau genommen ist der Ameisenlöwe die Larve eines Insekts

Die trichterbauenden Ameisenlöwen sind darauf angewiesen, dass ihre Fangeinrichtung reibungslos funktioniert, schließlich leben sie zwei Jahre im Boden und müssen sich in dieser Zeit zweimal häuten und verpuppen. Die Trichter sind exakt so steil, dass der lockere Sand sich sofort in Bewegung setzt, wenn ein Insekt hineintritt. Feuchtigkeit oder gar Regen verhindern das Rutschen des Sandes, weil die Körnchen aneinander kleben.

Genau genommen ist der Ameisenlöwe die Larve eines Insekts, dessen erwachsene Form ganz andersartig gebaut ist – der Ameisenjungfer. Dieses elegante Insekt hat einen schmalen, langgestreckten Körper von etwa drei Zentimeter Länge und vier durchsichtige Flügel mit einer Spannweite von gut sieben bis acht Zentimetern, ihr Körperbau erinnert an Libellen. Die erwachsenen Tiere schlüpfen im Hochsommer und sind erst ab dem Abend und nachts aktiv. Deshalb bekommt man diese geheimnisvollen Insekten auch so selten zu Gesicht. Tagsüber ruhen sie versteckt in niedriger Vegetation. Ameisenjungfern ernähren sich von anderen Insekten, die sie im Flug ergreifen. Meist fallen ihnen Motten oder ähnliche nachtaktive Falter zum Opfer. Die Paarung, die im Flug stattfindet, wurde erst Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal beobachtet.

Superhelden im Sand

Ameisenlöwen bezeichnet man als psammophil (also sandliebend). Kaum eine andere Insektengruppe ist so an diesen Lebensraum angepasst. Deshalb findet man Ameisenjungfern auch auf allen Erdteilen – überall dort, wo es sandig ist.

Die Sandtrichter haben einen doppelten Zweck. Sie dienen zum einen dem effektiven Beutefang, zum anderen als Hitzeschutz, weil es immer eine sonnenabgewandte Seite gibt, die sich nicht so stark aufheizt. So überleben sie Wüstentemperaturen bis zu 80 Grad Celsius. Nach nur 15 Minuten ist der Trichter durch kreis- und spiralförmige bohrende Bewegungen sowie Sandwurf fertig. Er hat immer einen perfekten Neigungswinkel von 30 Grad.

Sämtliche Fremdkörper werden penibel entfernt, damit die Funktion des Trichters erhalten bleibt. Bis zu 30 Zentimeter weit kann der Ameisenlöwe werfen. Mit verschiedenen Wurftechniken vollbringt er dabei Leistungen bis zum Zehnfachen des eigenen Körpergewichts. Zum Vergleich: Ein menschlicher Weltklasse-Kugelstoßer müsste eine mehr als eine Tonne schwere Kugel rund 40 Metern weit katapultieren. Der aktuelle Weltrekord liegt bei 23,12 Metern. Und die Kugel wiegt „nur“ 7,257 Kilogramm.

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