In Ruhe zu spielen, das wünschen sich viele Kinder. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Immer mehr Kinder muss das Stuttgarter Jugendamt in Obhut nehmen. Doch das bisherige Haus in der Kernerstraße ist für die ganz Kleinen nicht geeignet, ein Ausweichquartier gibt es nicht. Die Ratsfraktionen fordern dringend eine Lösung.

Die Stadt Stuttgart hat bei Kindern und Jugendlichen in Gefährdungssituationen ein Unterbringungsproblem. Denn die Zahl der Betroffenen steigt in allen Altersgruppen kontinuierlich an. Im vergangenen Jahr wurden 658 Kinder und Jugendliche aufgenommen, eine deutliche Steigerung im Vergleich zu 511 im Jahr 2020. Das Jugendamt ist verpflichtet, solche Kinder in Obhut zu nehmen, manchmal geschieht das sogar auf deren eigenen Wunsch.

 

Doch nur wenige Kinder finden einen Platz in einer Bereitschaftsfamilie, und so werden in dem städtischen Gebäude für die Inobhutnahmen in der Kernerstraße Kinder von der Geburt bis zur Volljährigkeit untergebracht, allerdings mit einer durchschnittlichen Verweildauer zwischen 13 und 29 Tagen. Diese war vor allem bei den ganz Kleinen früher deutlich länger.

Ganz Kleine brauchen ein Haus mit wärmerem Charakter

Das Haus in der Kernerstraße wirke „schon immer wie eine Notlösung“, schreiben die Ratsfraktionen von Grünen, CDU, SPD, FDP, Freien Wählern und Puls in einem Antrag. Darin fordern sie, die Inobhutstelle zu erneuern, „ein neues Haus für unsere Kleinen“. Diese benötigten nach der Herausnahme aus ihrer Familie „einen besonderen Schutz und ein Haus, welches einen deutlich wärmeren und schützenden Charakter hat“. Und die Fraktionen verlangen einen Bericht vom Jugendamt über die Zustände.

Als ein „zurzeit sehr kritisches Feld“ bezeichnete im Jugendhilfeausschuss auch Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) die Inobhutnahmen. Der Grund seien viele geflüchtete Menschen, nicht nur aus der Ukraine, darunter viele junge und unbegleitete Flüchtlinge. Sie alle müsse man unterbringen, das bedeute in der Folge, dass unterschiedliche Bedarfe dabei miteinander im Wettbewerb stünden, nicht nur bei den Räumlichkeiten. Denn außerdem gebe es auch noch einen Fachkräftemangel, auch bei der Betreuung. „Da kommen wir an unsere Grenzen“, so Fezer.

Kickende Jugendliche und Dreirad fahrende Kinder

In der Kernerstraße seien die Null- bis 18-Jährigen in drei Gruppen untergebracht – alle im selben Haus mit nur kleiner Außenfläche, das sei „nicht die beste Lösung, aber wir haben kein Ausweichquartier“, berichtete Helga Heugel, die Leiterin der Abteilung Erziehungshilfen. Ihr Kollege aus der Notaufnahme, Martin Jäger, ergänzte: „Kickende Jugendliche und Dreirad fahrende Kinder auf dem gleichen Außengelände, das ist nicht unbedingt kompatibel.“

Gabriele Nuber-Schöllhammer (Grüne) zeigte sich frustriert, dass immer noch nichts geschehen sei: „Für eine Stadt wie Stuttgart ist das ein nicht tragbarer Zustand.“ Denn die Kinder seien ja meist nicht nur drei oder vier Tage dort, sondern manchmal über Monate. „Wir brauchen Räume gerade für die Kleinen.“ Da sei ein Haus mit der Anmutung eines Bürogebäudes nicht geeignet. Das sei auch für die Eltern kein positives Signal. Das Haus war 1954 als Heim für 64 männliche Jugendliche errichtet worden und diente seither als Jugendschutzheim, aber auch für Personalunterkünfte. Seit 2007 ist es die einzige Inobhutnahme-Einrichtung für Null- bis 18-Jährige – zuletzt mit 29 Plätzen.

Liegenschaftsamt sucht passende Immobilie

Auch Jugendamtschefin Susanne Heynen erklärte: „Für jüngere Kinder wünschen auch wir uns eine bessere Unterbringung.“ Zumal in der Kernerstraße auch einige minderjährige Mütter gemeinsam mit ihren Kindern aufgenommen wurden. Heynen: „Das Liegenschaftsamt ist auf der Suche.“