Matthias Zeitler unterrichtet an der Werkrealschule in Renningen in neuer Weise – ohne Frontalunterricht. Stattdessen sollen die Schüler Aufgaben selbstständig bewältigen. Klappt das?
Sein Markenzeichen ist der blaue Pork-Pie-Hut, lässig auf dem Kopf, so sitzt Matthias Zeitler im hellen Klassenraum. Der 41-jährige Lehrer ist ein echtes Multitalent mit einer spannenden Vita. Seit 2019 unterrichtet er an der Werkrealschule (WRS) Renningen, publiziert nebenbei zwei Bücher und betreibt einen Podcast. „Hautnah erlebt und emotional erzählt“, verspricht der gelernte Radiomoderator, der in Stuttgart eine eigene Morningshow moderierte, dabei.
Kein Wunder, dass Zeitler mit dieser Diversität den Unterricht in seiner Abschlussklasse vor Kurzem buchstäblich auf den Kopf gestellt hat. Er macht Unterricht – ohne zu unterrichten. Weg vom Frontalunterricht, hin zum individualisierten Lernen. Ein revolutionärer Ansatz, nicht nur in der Bildungslandschaft Deutschlands, sondern auch für die WRS Renningen. Das grüne Licht hierfür bekommt er von der Schulleitung. Das Ganze läuft erst einmal als Testphase.
Erst wird erklärt – und dann eigenständig gearbeitet
„Also letztendlich funktioniert das Modell so, dass wir bei uns verpflichtende Inputphasen haben. Das heißt, wir erklären erst mal, wie etwas geht. Wie schreibe ich beispielsweise eine Erörterung.“ Danach geht es für die Schüler ins selbstregulierte und selbstorganisierte Lernen. Sie können entscheiden, ob sie alleine, mit einem Partner oder mit Unterstützung von ihrem Lehrer die Aufgaben erarbeiten wollen.
Aufgehalten wird durch diesen neuen Ansatz niemand, individuelles Lernen steht im Fokus. Jeder arbeitet in seinem Tempo, der Druck wird herausgenommen. „Gleichzeitig sehe ich tatsächlich diejenigen, die noch Bedarf haben“, erklärt Zeitler das Modell. Selbstregulation, darunter fällt auch, dass die Schüler selbstständig entscheiden, an welchem Thema sie weiterarbeiten wollen, wenn Zeitler keinen Input gibt. Der eine Schüler schreibt in Deutsch seine Erörterung, während der andere an seinen Aufgaben in Wirtschaft arbeitet. Trotz allem wird ein genaues Tagesziel definiert, was abgearbeitet werden muss.
Mit wachsendem Vertrauen steigen auch die Freiheiten der Kinder
Die Idee holt sich Zeitler aus der Alemannenschule in Wutöschingen im Kreis Waldshut. Als er seiner Klasse davon erzählt, sind sie begeistert. Da es eine zu große Aufgabe bei der Schulentwicklung ist, wird das Konzept aber nicht eins zu eins übernommen. „Meine Kollegen und ich haben versucht, das zu adaptieren, was wir für sinnvoll halten.“ Und damit es funktioniert, implementiert Zeitler ein sogenanntes Graduierungssystem. Je mehr Verantwortung und Arbeitsverhalten von den Schülern dargelegt wird, desto mehr Freiheiten bekommen sie.
Welche Freiheiten sie wollen und was sie dafür bereit sind zu tun, war dann auch die zentrale Frage. „Ein interessanter Effekt war, dass Leute, die sonst immer ein Thema mit Verspätungen ablieferten, ab Tag eins pünktlich waren.“ Anfangs sind diese Freiheiten noch sehr beschnitten, die Kinder werden eng begleitet. Wenn das dann funktioniert, bekommen sie die Möglichkeit, im Nebenraum zu lernen. In der dritten Stufe darf außerhalb der Klassenräume gelernt werden.
Renninger Lehrer: Fehlerkultur muss gelernt sein
Zeitler begegnet seinen Schülern auf Augenhöhe. Er gibt ihnen immer wieder die Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren und gesteht ihnen zu, auch mal scheitern zu dürfen. Eine Fehlerkultur, die beigebracht werden muss. „Fehler sind Helfer, ihr dürft auch mal was ausprobieren, und es darf auch mal nicht glatt laufen“, vermittelt er seiner Abschlussklasse. „Bei vielen ist vor allen Dingen das Selbstbewusstsein gewachsen“, meint Zeitler. Zudem ist er der festen Überzeugung, dass viel zu sehr auf Noten als auf Leistung geschaut wird. „Also dieser Prozess dahin ist doch eigentlich die viel größere Leistung“, ist er überzeugt.
Auch Künstliche Intelligenz ist bei ihm im Unterricht immer wieder ein Thema. „Mehrere Schüler hatten in der Religions-Arbeit den gleichen Nonsens stehen“, erzählt Zeitler und schmunzelt. „Es war eine schöne Antwort, aber sie passte überhaupt nicht zur Frage.“ Im Gespräch kristallisiert sich dann heraus, dass sie mit ChatGPT gelernt und einen völlig falschen Prompt (Anweisung) eingegeben hatten. „Sinnvoll prompten und dabei immer kritisch bleiben und hinterfragen, ob es denn wirklich passt“, gibt er seinen Schülern beim Lernen mit KI mit auf den Weg.
Im neuen Buch von Mathias Zeitler geht es um Schulstress
Aber nicht nur den Schulunterricht revolutioniert Zeitler. Am 26. Februar wird sein zweites Buch publiziert, „Wenn Schule stresst“, heißt es. Primär geht es dabei, wie der Titel bereits verrät, um Stress. Warum Schüler überhaupt gestresst sind und „wie wir das als Eltern und Fachkräfte merken und damit umgehen“, erläutert Zeitler. Während des Schreibens merkte er teilweise selbst, wie negativ sich Stress auswirkt. Daher setzte er sich selbst nicht nur Etappenziele, sondern auch mal den Kopfhörer auf und hörte nebenbei Musik.
Wenn Schule stresst
Buch
Das neue Buch von Matthias Zeitler „Wenn Schule stresst“, erscheint am 26. Februar.
Lesung
In der Christian-Wagner-Bücherei in Rutesheim liest der Lehrer ebenfalls am 26. Februar von 20 Uhr an aus seinem Werk.