Anne Pelzer zeigt, wie es geht: So flitzt man mit dem Lastenrad durch Stuttgart Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Schmied Lars Engstrøm hat das Erste selbst gebaut, weil er kein Auto, aber doch eine Familienkutsche haben wollte. So entstand das Christiania-Lastenrad. In Kopenhagen, aber auch Berlin und Hamburg sind sie Kult, nun bringt die Familie Pelzer sie nach Stuttgart.

Stuttgart - Es sieht ganz einfach aus. Anne Pelzer bewegt das 40 Kilo schwere Rad gekonnt, sie flitzt um die Kurven, dreht Kreise. Scheint ja nicht so schwierig zu sein, auch wenn das Christiania-Bike gewöhnungsbedürftig aussieht: Zwei Räder vorne, eines hinten, eine Holzkiste vor dem Lenker und ein Griff, an dem sich der Elektroakku zuschalten lässt. Also auf zum Selbstversuch. Dürfte als erfahrener Stadtradler ja kein Problem sein. Von wegen. Das Gewicht schiebt, man glaubt, das Rad bocke und breche aus. Trotz eines kleinen Wendekreises hat man das Gefühl, man kippe in den Kurven um. Doch wenn man die Furcht mal verloren hat, dem Rad vertraut und es laufen lässt, trägt es einen zuverlässig. Und zügig. Auch den Buckel hinauf. Passanten und Autofahrer staunen.

An die neugierigen Blicke hat sich Anne Pelzer (39) gewöhnt. „Ich werde oft angesprochen“, sagt sie. „Die meisten Leute finden das Rad super.“ Und wollen gar nicht glauben, dass man damit die Stuttgarter Hügel erklimmen kann.

Eigentlich ist das Christiania-Rad ja ein klassischer Flachland-Tiroler. Erfunden hat es der Schmied Lars Engstrøm Anfang der achtziger Jahre. Er lebte mit seiner Frau Annie Lerche und den drei Kindern in der autonomen Freistadt Christiania in Kopenhagen. In der ehemaligen Kaserne trafen sich Weltverbesserer, Hippies, Anarchisten, Spintisierer, Lebenskünstler, gaben sich eigene Regeln und verwalten sich bis heute selbst. Autos gibt es dort keine. Doch wie bringt man den Sprudel heim und die Kinder in den Kindergarten? Engstrøm tüftelte und baute, bis er 1984 den Prototyp fertig hatte und ihn seiner Frau zum Geburtstag schenkte.

Londoner reißen sich um die Christiania-Räder

Mittlerweile leben die beiden auf der Insel Bornholm, haben eine Fahrradfabrik und 20 Angestellte. Sowie alle Hände voll zu tun. In Kopenhagen gibt es Tausende von ihren Rädern, auch in Berlin und Hamburg ersetzen ihre Fahrzeuge oft das Familienauto. Seit man in London die City-Maut eingeführt hat, reißen sich die Londoner um die Christiania-Räder. Zeitweise kamen sie in Bornholm mit der Fertigung nicht nach.

Eine City-Maut für Autofahrer kurbelt also den Fahrradverkehr an. Vielleicht sollte das mal jemand den selbst ernannten Radverkehrsförderern in Stuttgart sagen. Doch hier ist es ja so steil und hügelig, da steigt niemand um, oder? „Wir wohnen am Kräherwald und waren uns unsicher, ob das funktioniert“, sagt Anne Pelzer. Im Urlaub in Kopenhagen hatten sie die Lastenräder kennengelernt und waren begeistert.

Schließlich ließen sie es darauf ankommen und orderten ein Pedelec, also ein Lastenrad mit Elektroantrieb. Es hat einen 250-Watt-Motor, der eine Reichweite von 25 Kilometern besitzt und bis zu tausendmal aufgeladen werden kann. Das Rad hat eine Acht-Gang-Kettenschaltung von Shimano, hydraulische Scheibenbremsen vorne und hinten sowie eine Schiebehilfe fürs Anfahren. Solchermaßen gerüstet kann es auch Stuttgarts Hügel erklimmen. Pelzer: „Ich fahre nur noch mit dem Rad. Wir brauchen kein zweites Auto mehr.“ Morgens packt sie die Kinder in die Kiste, lädt eines in der Schule ab, das zweite im Kindergarten im Stuttgarter Westen und fährt dann in den Osten an ihren Arbeitsplatz. Eine Tour de Stuttgart sozusagen.

Verkehr ganz ohne Feinstaub und Lärm?

Pelzer: „Ich bin nicht langsamer als mit dem Auto. Im Gegenteil. Und ich kann überall kurz anhalten, zum Bäcker gehen, ohne ewig einen Parkplatz suchen zu müssen.“ So begeistert sind sie von ihrem Rad, dass sie nun auch andere von den Vorzügen überzeugen wollen. Sie haben eine Firma gegründet und Hyggelig-Bikes genannt. Hyggelig, klar, da kommen einem die Stuttgart Hügel in den Sinn, und auf Dänisch heißt „hyggelig“ gemütlich. Auf ihrem Rad komme sie nie ins Schnaufen, sagt Pelzer. An der Ecke Kolbstraße/Heusteigstraße haben sie ein zweites Rad in ein Schaufenster gestellt. Dort kann man Probefahren. Bestellt wird das Rad in Dänemark, man kann es je nach Gusto zusammenstellen. Es gibt Kisten, mit denen kann man Rollstuhlfahrer befördern, es gibt eine Rikscha, eine geschlossene Box für Firmen, eine Riesenkiste für „vier Kinder, einen großen Hund, zwei Bierkästen und Platz für noch mehr Dinge“.

Ist das nun die Lösung für Stuttgart? Verkehr ganz ohne Feinstaub und Lärm? Pelzer: „Man könnte sehr viel mehr Transporte mit dem Rad erledigen als mit dem Auto, gerade in der Innenstadt.“ Die Briefträger sitzen ja seit langem auf Elektrorädern, der Bonus-Markt in Münster liefert seine Waren mit einem Lastenrad aus und bekundet, das habe sich bestens bewährt.

Von der selbst ernannten Initiative Lastenrad Stuttgart hätte man gerne mehr erfahren. Sie vermietet Lastenräder und will diese Art der Fortbewegung fördern. Sie lässt per Mail wissen, dass sie ihr Buchungssystem umstelle, deshalb sei weiteres Medienecho aktuell leider nicht von Interesse. Man darf das wohl so verstehen, dass ihre Räder gut gefragt sind.

Aber klar, die Leute sind leichter davon zu überzeugen, ein Rad zu mieten als eines zu kaufen. Denn der Preis ist stolz. Mindestens 3500 Euro muss man anlegen für ein Chris­tiania-Pedelec. „Das ist nicht wenig“, sagt Anne Pelzer, „das ist uns bewusst.“ Deshalb suchen sie gerade eine Bank, die ihnen ein Leasing-Modell finanziert.

Seit Mai vertreiben sie die Räder in Stuttgart. Zwei Kunden haben sie schon überzeugen können, sie haben Räder gekauft. Kein Wunder. Sitzt man erst einmal längere Zeit auf so einem Lastesel, merkt man: Das sieht nicht nur einfach aus. Das fährt sich auch einfach. Und macht Spaß.

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