Der Prototyp des Lehner-Sensors misst die elektrischen Ströme in einer Pflanze. Foto: Horst Rudel

Mit Hilfe des Landwirtschaftsministeriums plant die Firma Lehner Systeme eine Revolution in der Agrartechnik.

Kirchheim - Vor zwei Jahren waren sie noch Vision, jetzt hat die Sensoren-Firma Lehner Systeme in Kirchheim die ersten Prototypen gebaut und eingesetzt. Es sind zwei kleine Platinen mit Batterie, die man um einen Pflanzenstengel clipsen kann. Zwei Jahre lang hat der Geschäftsführer Lars Lehner im Verbund mit anderen Partnern für seine Vision gekämpft, die Sprache der Pflanzen zu verstehen und damit auch die Landwirtschaft zu revolutionieren. Unterstützt hat ihn dabei auch das Land Baden-Württemberg.

Was wenige wissen, Pflanzen haben zwar kein Nervensystem wie Tiere, dennoch können sie Reize von außen aufnehmen und umsetzen, und das sogar recht schnell. Bekanntes Beispiel ist die Mimose, die ihre Blätter einfaltet, oder die Venusfliegenfalle, die ihre Blattfallen zuschnappen lässt. Ähnlich wie im Nervensystem werden diese Signale elektrisch von Zelle zu Zelle weitergeleitet. Merkt eine Pflanze beispielsweise, es wird trocken, dann kann sie sofort die kleinen Öffnungen in ihren Blättern verschließen, um die Verdunstung gering zu halten.

Aber wann merkt ein Landwirt, wenn seine Pflanzen zu trocken sind? Er sieht es erst, wenn die Tomate oder der Mais die Blätter hängen lassen. Doch dann ist es oft zu spät. Pflanzen senden aber auch noch aus anderen Ursachen Signale aus: Beispielsweise beim Befall von Schädlingen, bei zuviel Sonne oder zu wenig Dünger.

Vorteile für Gesundheit und Geldbeutel

Die kleinen Sensoren, die gewissermaßen am Puls der Tomaten hängen, können nun den Zustand der Nutzpflanzen einem Landwirt auf das Handy spielen. Das bedeutet, der Landwirt kann ganz zielgerichtet gießen, düngen oder spritzen. Und noch einen Schritt weitergedacht: In vollautomatischen Plantagen könnten die Sensoren einen Roboter mit einer Gießkanne herbeidirigieren.

Gerade bei der Schädlingsbekämpfung könnte die neue Technik Wunder wirken. Denn Schädlinge vermehren sich exponentiell. Das heißt, wenn heute das halbe Gewäschhaus befallen ist, dann ist unter Umständen schon morgen das ganze Gewächshaus voller Blattläuse.

Weil aber der Sensor noch vor dem Menschen einen Schädlingsbefall erkennt, könnte es genügen, nur eine einzige Pflanze zu spritzen. Die Vorteile für die Gesundheit und auch für den Geldbeutel des Landwirtes wären enorm.

Noch ist Lars Lehner allerdings dabei, Daten zu sammeln. Mit der Staatsschule für Gartenbau und einem Großgärtner hat er sich potente Partner ins Boot geholt. Denn noch weiß man nicht genau, ob die Pflanze bei Wassermangel eine andere Sprache spricht, als bei Schädlingsbefall, und das gilt es erst einmal zu entschlüsseln.

Gefördert wird das alles vom Stuttgarter Ministerium für den ländlichen Raum. Freilich hat es ab und zu geknirscht, wenn Ministerialbürokratie auf innovatives Unternehmen trifft. Peinlich genau ausgelegte Vorschriften haben die Entwicklung gebremst. Beispielsweise muss Lehner die Details seiner Erkenntnisse möglichst geheimhalten, damit sie in China und anderswo nicht gleich abgekupfert werden. Die üblichen Regelungen in der Bürokratie sehen allerdings vor, Aufträge möglichst breit auszuschreiben. Dass dabei sehr viel Wissen möglicherweise auch in die falschen Hände kommen kann, wird dabei nicht bedacht.

In Deutschland geht alles zu langsam

Einer, der gekommen ist, um zu lernen, wie man es innovativen Unternehmen im Land leichter machen kann, ist Andreas Schwarz, der Vorsitzende der grünen Landtagsfraktion. Er war zusammen mit Michael Ernst von der Staatsschule für Gartenbau in Stuttgart-Hohenheim am Freitag vor Ort in Kirchheim.

Michael Ernst ist es, der seine Forschungsgewächshäuser für die Experimente Lehners zur Verfügung stellt. Und Andreas Schwarz ist es, der nach Lösungen sucht, wie man die Ministerialbürokratie auf die Bedürfnisse von Zukunftsunternehmen hin ausrichten kann. Denn einig waren sich alle Akteure: In Deutschland gehe alles viel zu langsam.

Lars Lehner hat sich außerdem noch an einem anderen Sensorenprojekt beteiligt, diesmal im medizinischen Bereich. Und das Kerngeschäft seiner Firma mit den 17 Mitarbeitern gibt es ja auch noch. Sensoren für Druckmaschinen herzustellen und weltweit zu vertreiben.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: