Der Technologiekonzern Bosch hat Tianjin 2017 als Aushängeschild für das Projekt smarte Stadt präsentiert. Foto: Bosch

China will den Westen bei visionären Technologien überholen. Der Tübinger Biotechnologie-Unternehmer Ingmar Hoerr hat als Vertreter des EU-Innovationsrats den Ehrgeiz des Landes auf einer Zukunftskonferenz erlebt.

Stuttgart - Wer an den technologischen Fortschritt glaubt, für den ist das moderne China auf den ersten Blick ein Traumland: Es hat eine Regierung,, die weiß, wo sie hinwill. Keine langen Diskussionen, keine Bedenkenträger, wenn es etwa um das bargeldlose Bezahlen, das autonome Fahren oder um die Gesichtserkennung geht.

Ingmar Hoerr, Gründer des Tübinger Biopharmazie-Unternehmens Curevac, in das auch der Microsoft Gründer Bill Gates investiert hat, analysiert als Mitglied des EU-Innovationsrats die chinesische Strategie. Auf einer nach dem Muster des Weltwirtschaftsgipfels in der Schweiz als „chinesisches Davos“ hochgezogenen Konferenz konnte er die Licht- und Schattenseiten von Chinas Sprung in die Zukunft besichtigen. Sie fand in Tianjin statt, einer Hafenstadt östlich von Peking mit 16 Millionen Einwohnern, die als Aushängeschild für die Innovationskraft des Landes gilt. So hat der Technologiekonzern Bosch 2017 die Stadt als Vorzeigeprojekt für die „vernetzte Stadt“ präsentiert.

Europa fällt aus chinesischer Sicht bei der Hochtechnologie ab

Die ernüchternde Erkenntnis für Hoerr: „Europa spielt aus chinesischer Sicht als Standort von Hochtechnologie wie Biotechnologie eher eine geringe Rolle.“ Überall sei unhinterfragter Fortschrittsglauben verbreitet worden. „Es wurde etwa ein virtueller Wald gezeigt – und man kam mit dem seltsamen Gefühl raus: So ein künstlicher Wald ist ja gar nicht so schlecht. Braucht es da noch eigentlich einen richtigen Wald, bei dem man sich dreckige Schuhe holt?“ Genauso sei eine hochauflösende Kamera demonstriert worden, mit der man aus großer Entfernung in ein Hochhaus hineinzoomen konnte. Angst um die Privatsphäre ist kein Thema. „Man hat das Gefühl, es wird kaum mehr hinterfragt, da man ja schon durch die Einreise sein Einverständnis gegeben hat, überall gefilmt zu werden. Und das Interessante dabei ist – man gewöhnt sich unmerklich daran.“

Auch ein System der automatischen Sprachanalyse wurde stolz präsentiert. Es soll die gesamte Persönlichkeit erfassen. „Mir ist es da kalt den Rücken hinuntergelaufen.“ Will man das verkaufen? Will das vielleicht der Staat benutzen? Insbesondere in der Kombination seien solche Technologien ein perfektes Werkzeug der Überwachung: „Der Trend geht eindeutig dahin, das man kaum irgendwas verbergen kann. Selbst das Denken wird irgendwann transparent.“ Doch die Einstellung in China zu solchen Innovationen sei optimistisch „ähnlich unserer eigenen, recht naiven Technikverliebtheit in den Aufbaujahren nach dem Krieg.“

Alles dient der großen politischen Strategie

Über den Urheber der Strategie konnte es am Eingang zur Konferenz keinen Zweifel geben: „In vier Regalen standen die Bücher von Staatschef Xi in mehreren Übersetzungen.“ In ihrem Masterplan „China 2025“ versuchen die Chinesen die Innovation in Schlüsselbereichen der Informationstechnologie als strategisches Ganzes zu denken. Und deshalb fließt im Land auch viel Geld in Startups. Rund um Hongkong versuche man ein chinesisches Silicon Valley hochzuziehen, sagt Hoerr: „Man will die Stadt mit ihrer Tradition des Freihandels als Brückenkopf nutzen und konsequent mit dem Hinterland verbinden, um auf Augenhöhe mit westlichen Industrien zu sein.“ Auffällig sei das patriotische Selbstbewusstsein. „Manchmal wirkten die Chinesen als seien sie von ihrem eigenen Erfolg mitgerissen“. Selbstbewusst sage man inzwischen, dass man das Silicon Valley schlagen wolle. Während die USA die Messlatte sind, gelte Europa als rückwärtsgewandt: „Mit unserer Hardware und unserer Ingenieurskunst liefern wir ein technologisches Grundgerüst – aber offensichtlich fallen wir aus Sicht der Chinesen heraus bei disruptiven Technologien, welche die Welt bewegen.“

Chinesische Gesundheitsdaten für Kooperationen nutzen

Was soll Europa also tun? „Wir können bestimmte Dinge nicht nivellieren: Datenschutz und Persönlichkeitsrecht spielen bei uns eine nicht verhandelbare Rolle. Das wird hoffentlich auch so bleiben.“ Innovation funktioniere in Europa eben anders – und die Europäer müssten mehr darauf achten, ihr Knowhow nicht einfach nach China abfließen zu lassen. Umgekehrt seien heute in China entwickelte Technologien für Europa interessant. Es gebe viel Potenzial für eine Kooperation: So könnten auch die Europäer etwa für ihre Gesundheits- und Biotechnologie von dem riesigen Datenschatz profitieren, den es in China inzwischen gebe. „Wenn der Staat für alles sorgt, muss ich mich nicht unbedingt als Individuum sehen. Wenn es dem Staat hilft und dadurch eventuell Krebstumore geheilt werden, kann er meine Daten haben“ – so habe das ein chinesischer Unternehmer bei einem Vortrag formuliert.

„Wir müssen in gemeinsamen Projekten auf Augenhöhe kommen“ sagt Hoerr. Der europäische Freiheitsbegriff biete mehr Raum zum Querdenken: „Wir sind kreativ, unsere Wissenschaft ist hervorragend. Doch wir bringen diesen Vorteil im Sinne einer Technologieführerschaft leider bisher noch nicht auf die Straße.“

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