Der Papiermachermeister Thomas Otto prüft das neue Graspapier, auf dem die Hoffnungen des Unternehmens ruhen. Foto: Michael Steinert

Gras ist grün und grün ist die Hoffnung. Die Papierfabrik Scheufelen experimentiert mit der Herstellung von Papiergras. Mit dem Packaging Campus ist zudem eine Plattform geschaffen worden, auf der Wissenschaftler und Praktiker an neuen Lösungen tüfteln.

Lenningen - Die Hoffnung ist grün. Die Produktion von Graspapier soll die angeschlagene Lenninger Papierfabrik Scheufelen in eine gesicherte Zukunft führen. Parallel zur Einführung der neuen Produktlinie holt sich das Unternehmen wissenschaftliche Unterstützung ins Haus. Der in Zusammenarbeit mit der Stuttgarter Hochschule der Medien am Standort in Oberlenningen aus der Taufe gehobene Packaging Campus soll, an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Industrie, die Entwicklung im Papier- und Verpackungsbereich voranbringen.

Kerngeschäft des traditionsreichen, im Jahr 1855 gegründeten Papierherstellers, ist hochwertiges grafisches Premiumpapier. Damit aber ist, Marktführerschaft in Europa hin oder her, angesichts der zunehmenden Digitalisierung im Medienbereich kaum noch Geld zu verdienen. Umgekehrt steigt der Bedarf an aufwendigen Verpackungen, angefeuert von einem explodierenden Internet-Versandhandel.

Jahresproduktion könnte verdoppelt werden

„Mit dem Graspapier erhoffen wir uns den Durchbruch“, sagte Alexander Schaeff, der Mehrheitsgesellschafter des Unternehmens, anlässlich der Eröffnung des Packaging Campus’. Immerhin steht in den großen, nicht mehr ausgelasteten Hallen für die Herstellung von Graspapier eine zusätzliche Kapazität von 150 000 Jahrestonnen zur Verfügung. Liefen die Maschinen auf Hochtouren, könnte das Unternehmen seine Jahresproduktion glatt verdoppeln. Aktuell stellen die noch 330 Scheufelen-Beschäftigten – in seiner Hochzeit hatte das Unternehmen rund 2000 Mitarbeiter – 140 000 Jahrestonnen des gestrichenen hochweißen Premiumpapiers her.

Erfunden hat Scheufelen Papiergras nicht, wohl aber eine transparente Beschichtung, die es bedruckbar macht. „Damit betreten wir wirklich Neuland“, sagt Ulrich Scheufelen, ein Mitgesellschafter des Unternehmens. Das jüngste Scheufelen-Produkt stößt auf Interesse. Als potenzieller Kunde wird der Lebensmittel-Konzern Rewe gehandelt, der seine in den Rewe- und Penny-Märkten vertriebenen Bioäpfel schon versuchsweise in umweltfreundliche Graspapier-Schalen bettet.

Auch der Politik schmeckt das Gras. „Der Rohstoff wird im Gegensatz zum Zellstoffverfahren nicht chemisch aufbereitet. Die Papierherstellung benötigt so weniger Wasser und Energie“, sagt Andreas Schwarz, der Fraktionschef der Grünen im baden-württembergischen Landtag. Der Ansatz, regional und ressourcenschonend zu wirtschaften, sei in einer globalisierten Papierindustrie ein ebenso mutiger wie vielversprechender Weg.

Positives Medienecho allein reicht nicht aus, das Papier muss auch verkauft werden

Auf diesem Weg ist das Unternehmen nach Einschätzung von Alexander Schaeff bisher in kleinen Schritten vorangekommen. „Wir sind noch nicht so weit, wie wir gedacht haben“, sagte er, an die Belegschaft gewandt. Das Interesse an und das Medienecho auf die neue Produktlinie reiche nicht aus. „Wir müssen das Papier nun auch verkaufen“, forderte er.

Vor dem Verkauf steht die Qualität und da kommt wieder der neue Campus ins Spiel. „Wir können mit unseren Prüfverfahren helfen, die Qualitätsstandards zu sichern“, sagt Andreas Franz, Professor für Verpackungskonstruktion, Produktions- und Automatisierungstechnik. Dem gleichen Zweck dienen die Fortbildungsangebote, die die Wissenschaftler den Scheufelen-Mitarbeitern anbieten werden.

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