Blick vom ersten Stock hinunter ins Wohnzimmer. Mitbewohner Johannes ist beim Football, sonst sind alle da: Jakob sitzt neben dem Sozialpädagogen Justin Weißmann auf dem Sofa – Felizia, Yannik und Tim (rechts) liegen auf dem Twisterspiel. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Anfang Mai sind die drei Freunde mit Downsyndrom in ihre inklusive WG in Stuttgart-Rot eingezogen – die erste in Stuttgart, die von einem Träger der Behindertenhilfe betreut wird. Wie läuft es nun?

Dass in dieser WG gerne „gechillt“, also gemütlich abgehangen wird, sieht man auf den ersten Blick: Das Sofa nimmt den Großteil des Wohnzimmers ein. Jetzt, um kurz nach 18 Uhr, liegt dort nur Mitbewohnerin Felizia. Tim, Yannik und Jakob sitzen beim Vesper am Esstisch. Mitbewohner Johannes ist gerade los – zum Football-Training. Die anderen beneiden ihn nicht. Es ist einer der heißesten Tage dieses Sommers, das Thermometer zeigt immer noch mehr als 30 Grad an. Sie sind zwar auch sportlich, lassen den Abend aber lieber gemütlich ausklingen, als weiter zu schwitzen.

 

Seit Anfang Mai leben die fünf jungen Leute – drei mit, zwei ohne Behinderung – unter einem Dach. Es ist die erste inklusive WG in Stuttgart, die von einem Träger der Behindertenhilfe betreut wird. Die Finanzierung übernimmt die Stadt Stuttgart, den Wohnraum im IBA-Quartier Böckinger Straße stellt die Baugenossenschaft Neues Heim.

Das Notfallhandy haben sie noch nicht gebraucht

Das Konzept hatten die Eltern von Tim, Yannik und Jakob, die sich vor vielen Jahren über den Verein 46 plus Downsyndrom Stuttgart kennengelernt hatten, gemeinsam mit der Diakonie Stetten entwickelt. Werktags gibt es eine Früh- und eine Abendschicht, besetzt zum Großteil mit Mitarbeitenden der Diakonie Stetten. Nachts ist vom Träger niemand vor Ort – aber per Notfallhandy könnte eine betreute WG der Diakonie Stetten in der Nachbarschaft erreicht werden. Bisher war das noch nicht nötig. Für je zwei Frühdienste im Monat sind Felizia und Johannes als Assistenten eingeteilt.

Beide waren über einen Artikel in unserer Zeitung auf das Projekt aufmerksam geworden. Johannes studiert Sonderpädagogik und war eh auf der Suche nach einem Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Felizia geht noch zur Schule, nächstes Schuljahr steht das Abitur an. Ihre ältere Schwester sei ebenfalls mit dem Downsyndrom geboren worden, erzählt die 19-Jährige, da habe sie sich das gut vorstellen können – zumal sie gerne in einer WG leben wollte. „Es hätte aber natürlich auch sein können, dass es mir nicht gefällt“, sagt sie. Zum Glück passe es super. Das meinen auch Tim, Yannik und Jakob. Alle sind sich einig: Ihre WG sei „sehr lustig“ (Jakob) – und „sehr chillig“ (Felizia).

Um 7.30 Uhr müssen die drei aus dem Haus

Felizia war heute mit der Frühschicht dran. Als sie um 6.30 Uhr aus ihrem Zimmer gekommen sei, hätten „die Jungs“ schon Kaffee gekocht und Frühstück gemacht. Am wichtigsten sei, dass sie morgens darauf achte, dass alle rechtzeitig zur Bahn aufbrechen, erklärt Felizia. Um 7.30 Uhr müssen die drei los. Heute musste sie tatsächlich eingreifen: Ohne sie wäre Yannik wegen einer abendlichen Gewitterwarnung mit einer „viel zu dicken Jacke“ aufgebrochen – an einem 35-Grad-Tag. „Die Jungs sind total selbstständig“, betont Felizia. „Ja, stimmt“, sagt Tim trocken, ohne seinen Blick von dem Tablet vor sich abzuwenden. Dafür gibt es von Yannik einen coronakonformen Handschlag: Faust an Faust.

Nicht alles läuft perfekt, aber die Jungs sind glücklich

Tim, Yannik und Jakob lagen schon als Babys gemeinsam auf der Krabbeldecke und sind beste Freunde. So waren die Eltern glücklich, als klar war, dass die drei zusammenziehen. Doch wie geht es ihnen nun, einige Wochen nach dem Auszug? „Es war leichter als gedacht“, sagt Stephanie Sproll, die Mutter von Jakob, am Telefon. Sie wisse, wie unselbstständig ihr Sohn sei. „Aber man hat den Eindruck, dass es klappt.“ An manches müsse sie noch selbst denken. Beispiel: Wenn er nach Hause fahre, packe er nur das für ihn Wichtigste in den Rucksack: sehr viele Zeichenstifte – jedoch keine Klamotten.

Ganz repräsentativ sind die vergangenen Wochen nicht gewesen: Wegen eines Coronaausbruchs waren Tim, Yannik und Jakob zwischenzeitlich bei ihren Familien. Auch, weil die Betreuung tagsüber nicht zu gewährleisten gewesen wäre. Langfristig müsse für solche Fälle eine Lösung her, die ohne Eltern auskommt. „Es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, aber uns ist es wichtiger, dass er glücklich ist“, drückt es Maren Krebs, Tims Mutter, aus. Und glücklich sei ihr Sohn. Petra Hauser hatte kurz befürchtet, ihr Yannik würde nach der Coronapause bei ihnen bleiben wollen. „Doch er hat uns ganz klar gesagt, dass er zurück will. Es gefällt ihm einfach total gut, er genießt seine Freiheit.“ Ihr Mann und sie hätten das Gefühl, „dass er richtig gut aufgehoben ist“.

Dann bricht doch noch das Sommergewitter los

In der WG erinnern noch Covid-Test-Verpackungen im Altpapier an die Coronapause. Wer hat Lust auf ein Kartenspiel? Jakob winkt ab, er will in Ruhe sein Wurstbrot aufessen. Tim schüttelt auch den Kopf, er spielt gerade ein Fußballspiel am Tablet. Aber Yannik und Felizia haben Lust. Justin Weißmann teilt die Karten aus. Der Sozialpädagoge ist Koordinator für ambulante Wohnprojekte bei der Diakonie Stetten. Da das Betreuerteam noch nicht komplett ist, übernimmt er einige Schichten selbst: diesmal die Spätschicht von 16 bis 21 Uhr. Bei ihnen hätten sich weitere Klienten gemeldet, die auch inklusiv wohnen wollten. Sie hofften, dass sich „auch andere Träger auf den Weg machen“.

„Elfmeter, du Pfeife“, ruft Tim Richtung Tablet. Die anderen lassen sich nicht beirren. Das Kartenspiel, das an Uno erinnert, zieht sich über viele Runden. „Mau-Maus“, sagt Felizia schließlich – sie gewinnt. Weiter geht’s wenig später mit einer Partie Twister auf dem Balkon. Tim ist jetzt auch dabei. Er dreht die Scheibe, die bestimmt, welche Hand und welcher Fuß auf welchen Farbpunkt gestellt werden müssen. Weit kommen sie aber nicht. „Rechter Fuß Grün“, sagt er gerade zu Yannik – da tropft es auf die Plastikplane mit den bunten Kreisen: das angekündigte Sommergewitter. Also schnell wieder rein! Es wird doch ein Fernsehabend auf dem Sofa.

Man sieht, was ein „echter Sproll“ ist

Filme gucken sie gerne zusammen. Auch am nächsten WG-Wochenende geht es ins Kino. Freibad und Putzen stehen dazu noch auf dem Programm. Beim Wort Putzen strahlt Yannik. Da freut er sich besonders drauf. Er arbeitet in der Hauswirtschaft und liebt es, Ordnung zu halten. Das sieht man auch in seinem Zimmer. Nichts liegt herum. Die Sneaker stehen im Regal – jedes Paar hat ein eigenes Fach.

Auch die Zimmer von Jakob und Tim sind sehr aufgeräumt. Die Betten sind ordentlich gemacht. Bei Tim liegen drei Kuschelbärchen akkurat neben dem Kopfkissen aufgereiht vor einem Kuschelkissen mit einem Foto des Familienhunds Buddy. Bei Jakob, der ein begnadeter Zeichner ist, fallen die vielen Stifte in einer Box auf dem Tisch auf – und die Stapel an Zeichnungen. Seine Strichführung sei unverkennbar, sagt Felizia. Sie wisse genau, was „ein echter Sproll“ sei und was nicht. An diesem Abend zieht es Jakob relativ spät zu Papier und Stiften. Um kurz vor 20 Uhr schließt er seine Tür.

Die Liste mit den WG-Diensten hängt am Kühlschrank

Yannik macht sich noch etwas zu essen: ein Brot mit Zuckerstreuseln, die er aus Holland mitgebracht hat. Er schaut in den Schrank: „Die Gläser sind alle!“, ruft er. Da seien noch Notfallbecher aus Plastik, sagt Felizia und zeigt sie ihm schnell. „Haben wir noch Snacky-Snacks?“, fragt sie Tim. Der schaut auf die Packung in seiner Hand: „Nicht mehr viele.“ Die beiden machen es sich auf dem Sofa gemütlich. „Ich mache die Spülmaschine nachher an“, sagt Tim. Klar, meint Felizia, sei ja schließlich sein Dienst.

Die Liste der WG-Dienste hängt am Kühlschrank: Felizia bringt den Müll raus, Tim ist für die Spülmaschine verantwortlich, Yannik leert den Briefkasten, Johannes saugt, und Jakob macht den Tisch sauber. „Aber erst, wenn ich ins Bett gehe“, sagt Tim noch. Jetzt will er erst mal mit den anderen vor dem Fernseher chillen – typisch WG eben.

Weitere Projekte im Quartier geplant

Quartier
Die inklusive Wohngemeinschaft ist in einem Neubau der Baugenossenschaft Neues Heim im Quartier Böckinger Straße in Stuttgart-Rot angesiedelt. Die WG ist eine von sechs Wohngemeinschaften, in denen Menschen mit Behinderung leben, die die Baugenossenschaft seit 2017 ermöglicht hat in Kooperation mit der Diakonie Stetten. Sie ist aber die einzige, die inklusiv ist, weil auch Menschen ohne Behinderung dort leben – bisher. Laut Martin Gebler, dem Leiter Strategische Quartierentwicklung bei Neues Heim, seien drei weitere Wohnungen zusammen mit dem Träger der Behindertenhilfe aktuell in Planung, darunter eine sogenannte Clusterwohnung. Die gemachten Erfahrungen seien positiv.

Clusterwohnung
Die Clusterwohnung soll Gebler zufolge als Mikroprojekt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung umgesetzt werden. Hier teilt man sich den Gemeinschaftsbereich, aber Nasszelle und Küchenzeile hat jeder für sich. „Das wäre dann auch inklusiv“, sagt Gebler. Es wäre zum Beispiel denkbar, dass in solch eine Clusterwohnung auch eine alleinerziehende Mutter mit Kind einziehe. „Auch hier gilt: Die Leute müssen zueinander passen.“

Personal
Für die Betreuung der inklusiven WG von Tim, Yannik und Jakob sucht die Diakonie Stetten weitere Mitarbeitende und Freiwilligenkräfte. Stundenweise ist man in der WG im Einsatz. Wer Lust auf das Projekt hat, kann sich bei der Diakonie Stetten melden. Ansprechpartner ist Volker Kärcher (E-Mail: Volker.Kaercher@diakonie-stetten.de, Telefon: 07 11 / 3 89 80 90 12) vv