Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen Foto: dpa

Welche Schule ist die richtige für mein Kind? Seit diesem Schuljahr haben Eltern von Kindern mit Handicaps mehr Mitsprache. Die Entscheidungen bleiben aber trotzdem schwierig.

Stuttgart - „Ach du Ärmste“, bekam Christine K. (Name geändert) von einer Bekannten zu hören, als sie ihr erzählte, dass ihre Tochter eine Förderschule besuche. „Wieso das?“ fragte sie zurück. Sie und ihr Mann haben sich vor eineinhalb Jahren für diese Schulart entschieden, weil sie überzeugt waren, dass Nina dort am besten gefördert würde. Denn die Klassen sind kleiner als an allgemeinen Schulen, die Lehrer darauf vorbereitet, Kinder mit unterschiedlichen Schwierigkeiten zu unterstützen. „Nina ist ein glückliches Kind. Sie geht fröhlich durchs Leben, hat Witz, kann gut lesen und vieles mehr“, erzählt die Mittdreißigerin. „Was gibt es Frustrierenderes, als wenn ein Kind dem Unterricht nicht folgen kann?“

Die Förderschule ist die größte der neun Sonderschularten in Baden-Württemberg. Sie nimmt Kinder mit Lernbehinderungen und Entwicklungsverzögerungen auf. Dass sich ihre Tochter langsamer als ihre Geschwister entwickelt, war den Eltern aus der Region Stuttgart früh aufgefallen: Zu laufen begann Nina mit zwei Jahren, auch mit dem Sprechen ließ sie sich viel Zeit. Der Kinderarzt und die Ärztin eines Sozialpädiatrischen Zentrums rieten der Familie, das Mädchen in einen Sprachheilkindergarten zu schicken. Ein weiteres Jahr besuchte sie den Kindergarten in der Nachbarschaft, weil die Eltern sie mit sechs Jahren noch nicht in die Schule schicken wollten – trotz der Erklärung des Gesundheitsamts, dass die Grundschule für sie kein Problem sei. Das sahen Christine K. und ihr Mann anders und kämpften um Aufschub. „Sie war einfach noch zu klein“, sagt die Mutter. Bei den Geschwistern habe sie gesehen, wie groß die Erwartungen und auch der Druck waren.

Statt der Grundschule wählten sie eine Sprachheilschule. „Das war genau richtig“, sagt Christine K. Binnen kurzer Zeit sprach und las ihre Tochter so gut, dass die Schule das Mädchen nach der zweiten Klasse entließ. Ein Schock für die Eltern, die das Mädchen wegen ihrer großen Matheschwäche gern in der behüteten Umgebung gelassen hätten. Nach mehreren Gesprächen mit dem Leiter einer Förderschule und einem Schnupperpraktikum ihrer Tochter entschieden sie sich schließlich für diese Schule. An der Grundschule wäre Nina überfordert gewesen, ist ihre Mutter überzeugt. An der Förderschule erhalte sie die richtige Unterstützung.

Viertklässlerin besucht in Deutsch die fünfte Klasse

Weil die Viertklässlerin inzwischen sehr gut lesen und sprechen kann, besucht sie den Deutschunterricht für die Fünftklässler, in den anderen Fächern lernt sie mit ihren Klassenkameraden. Das könnte eine allgemeine Schulen schwerlich leisten, ist Christine K. überzeugt. Deshalb ist ein Schulwechsel für sie kein Thema. Ihr ist wichtig, dass ihre Tochter auf ihre Stärken baut.

Wie notwendig das ist, weiß auch Petra M. (Name geändert). Ihr autistischer Sohn besucht die sechste Klasse einer Realschule. Max gehe gern in die Schule und schreibe ­gute Noten, sagt sie. Allerdings bräuchte er wieder einen Schulbegleiter, der ihm zur Seite steht, wenn auf seinem Pult alles durcheinandergerät, oder in der Pause, wenn ihn einige hänseln.

In der Grundschule hatte er Schulbegleiterinnen, meist Mädchen im freiwilligen sozialen Jahr. In der vierten Klasse wollte er alleine gehen und schaffte es auch. Aber seit einigen Monaten tut er sich allein oft schwer. Auch die Lehrer plädieren für Schulbegleitung. Doch das Jugendamt blockiere diese, sagt Petra M. Manchmal bekomme sie zu hören, dass es gerade niemanden gebe, der die Aufgabe übernehmen könne, ein andermal wird ihr vorgeschlagen, für ihren Sohn Inklusion zu beantragen. Das lehnt Petra M. ab. Sie befürchtet, dass ihr Sohn dann die Schule wechseln müsste, weil seine jetzige Klasse keine Inklusionsklasse ist. Das neue Inklusionsgesetz sieht vor, dass Eltern von Kindern mit Einschränkungen selbst entscheiden können, welche Schulart ihr behindertes Kind besuchen soll. Schulverwaltung und Kommunen beraten mit den Eltern, welches Angebot für ihr Kind am besten geeignet ist. Ein Recht auf eine bestimmte Schulart oder Schule haben die Kinder aber nicht. Seit der Einführung des Modellversuchs ­Inklusion 2011 haben etwa 6600 Eltern die so genannten Bildungswegekonferenzen genutzt.

Sonderschulen nehmen auch Schüler ohne Handicaps auf

Inklusion ist allerdings nicht nur an allgemeinen Schulen möglich. Seit vier Jahren nimmt die Betty-Hirsch-Schule für blinde und sehbehinderte Kinder in Stuttgart auch Kinder auf, die sehen. Von den derzeit 104 Schülern sind 24 ohne Sehbehinderung. Viele kommen aus dem Stadtteil. „Das Interesse wächst, denn es spricht sich herum, dass wir unsere Schüler sehr gut fördern“, sagt Anne Reichmann, Bereichsleiterin Schulische Bildung der Nikolauspflege. In den Lerngruppen mit bis zu 15 Kindern unterrichten meistens Sonderpädagogen und Grundschullehrer zusammen. Ähnliche Angebote macht auch die Paulinenpflege für hörgeschädigte Schüler in Winnenden.

Christine K. wünscht sich mehr Unterstützung und Information für betroffene Eltern. Sie habe sich immer wieder alleingelassen gefühlt, sagt sie – vor allem, als es um die Verschiebung der Einschulung ging und als ihre Tochter die Sprachheilschule verlassen sollte. „Es muss um das einzelne Kind gehen, nicht um Zahlen oder Ideen. Und die Kinder dürfen nicht auf ihre Schwächen ­reduziert werden.“

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