Ein Rollstuhl soll Kinder in der Schule nicht ausbremsen. Foto: dpa

Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen? Das neue Schulgesetz lässt Schulgemeinden keine Wahl. Die Stadt Stuttgart hat eine Struktur entwickelt, die dazu beitragen soll, dass Inklusion besser gelingt.

Stuttgart - Ziehen behinderte Kinder in einer Klasse alle Aufmerksamkeit auf sich? Werden Inhalte angepasst? Stören Kinder mit Handicap den Ablauf? Dort, wo sich Schulen der Inklusion öffnen, werden diese Fragen immer wieder gestellt.

Manche Eltern haben sie schon für sich beantwortet, in Einzelfällen mit einem negativen Tenor. An jenem Gymnasium zum Beispiel, wo eines Tages plötzlich und ohne Ankündigung – weder gegenüber den Eltern noch gegenüber den Schülern – eine Schulbegleiterin in einer Klasse auftauchte. Sie war zuständig für einen Jungen, der bis dahin die Schule ohne spezielle Unterstützung durchlaufen hatte. Der Irritation folgte ein emotional aufgeladener Elternabend. An Tagen ohne die Schulbegleiterin wurden Nebensitzer in die Verantwortung genommen: Sie sollten dem Jungen beim Notieren der Hausaufgaben helfen. Inzwischen hat der Junge das Gymnasium verlassen und besucht ein Internat.

Die Stadt Stuttgart, seit 2012/13 Modellregion für Inklusion an Schulen, hat inzwischen eine Struktur entwickelt, mit der Missinformation und Misserfolge vermeidbar erscheinen, vor allem, wenn die Eltern der betroffenen Kinder kooperieren. „Am Anfang stehen Vorgespräche, bezogen auf den Stadtteil“, sagt Petra Schmalenbach vom Staatlichen Schulamt. „Alle Schulleiter, alle Ämter­vertreter sind dabei und klären: Wie viele Kinder brauchen eine inklusive Schule? Wo wollen die Eltern ihr Kind einschulen? Wie wohnortnah ist das machbar? Welche Kinder harmonieren?“

Kaum Ablehnung von Inklusionsschülern

Ziel dieser Vorgespräche ist es, die Schüler je nach ihren Einschränkungen auf die Schulen zu verteilen. Nicht alle verhaltensauffälligen Schüler an eine Schule oder in eine Klasse. Kein verhaltensauffälliges Kind an eine Schule, die kein Konzept zur Kooperation mit einer Erziehungshilfeschule ­entwickelt hat. Kein Kind, das räumliche Barrieren nicht aus eigener Kraft bewältigen kann, an eine Schule, die dafür nicht die Voraussetzungen hat. Und kein Kind mit Handicap einzeln in einer Klasse. Sobald auf diesem Weg die Gruppengröße und die Schulorte geklärt sind, informieren die Schulleiter und Rektoren die Eltern. Während die Aufnahme eines Kindes mit Handicap während der Stuttgarter Modellphase noch freiwillig war und vom Kollegium oder von Eltern vereitelt werden konnte, haben die Eltern von nicht behinderten Kindern heute nicht mehr die Wahl: „Das neue Schulgesetz sagt: Jede Schule ist inklusiv“, sagt Petra Schmalenbach.

Die Ablehnung von Inklusionsschülern ist nach Schilderung der Gesamtelternbeiratsvorsitzenden Sabine Wassmer jedoch kaum vorgekommen, Klagen bis jetzt sehr selten. „Ein Schreiben haben wir in Kopie bekommen, in dem sich Schüler und Eltern beschwert hatten, die Inklusionsklasse mache im Vergleich zu den anderen immer die langweiligeren Ausflüge, damit auch Kinder mit Handicap daran teilnehmen können“, sagt Wassmer. Auch Beschwerden, dass Inklusionsschüler wegen fehlenden sonderpädagogischen Personals „halt mitgelaufen sind ohne besondere Förderung“, habe es gegeben. Für Wassmer ist klar: „Inklusion geht nur mit einem multiprofessionellen Team.“

Wo dies nicht der Fall ist, werden Inklusionsschüler über kurz oder lang wieder von der Schule genommen und auf Sonderschulen zurückgeschickt. In Stuttgart waren das innerhalb der vergangenen fünf Schuljahre insgesamt 226 Kinder, darunter auch die, für die Inklusion geplant war, nach intensiver Beratung der Eltern aber die Entscheidung zugunsten einer Sonderschule fiel.

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