Nach den Herbstferien sollten wieder mehr Schulbegleiter im Dienst sein, doch die Hoffnung war vergeblich. Einige Kinder können deshalb nicht zur Schule gehen. Die Stadt sichert zu, das Verfahren zu optimieren.
Stuttgart - In Stuttgart ist in diesem Herbst 214 Kindern eine Schulbegleitung bewilligt worden. Das heißt Assistenz beim Lernen, bei der Interaktion mit Schulkameraden, bei der Hygiene, bei der Mobilität. Wegen Personalmangels blieben etliche Begleiter aus. Die Beschwerden der Familien, auch wegen Ausfällen, reißen nicht ab. 16 Familien sind komplett unversorgt.
Der erste Fall
Ein Vater, der namentlich nicht genannt werden möchte, weil sein Kind ansonsten identifizierbar wäre, schildert erhebliche Nachteile für den Teenager. „Das Kind ist aufmerksamkeitsgestört. Die Begleitung soll ihm helfen, strukturiert zu bleiben. Zum Beispiel bei Klassenarbeiten. Als Nachteilsausgleich darf es die Tests in einem separaten Raum schreiben – aber nur, wenn ein Schulbegleiter dabei ist. Ohne ihn muss das Kind bei den anderen sitzen, kann sich dort jedoch nur sehr schlecht konzentrieren.“
Der zweite Fall
Ein Schüler, er soll hier Benjamin heißen, sitzt im Rollstuhl. Er muss wegen seiner Lernschwäche und auch bei der Hygiene unterstützt werden. „Seit Schulbeginn hatte er drei verschiedene FSJler, die alle nicht wussten, wie sie helfen sollen“, sagt seine Mutter. Teilweise seien er und andere Inklusionskinder in der Klasse unversorgt geblieben. „Vergangenen Montag musste ich ihn abgeben, ohne zu wissen, ob jemand kommt. Er war sehr unsicher und wollte nicht in der Schule bleiben. Dass er trotzdem frische Windeln bekommen hat und auch zum Essen kam, ist seiner Lehrerin zu verdanken, die seine Begleitung übernommen hat“, sagt die Mutter. „Lässt man das jetzt einfach so laufen?“, fragt sie sich.
Der dritte Fall
Ein Vater aus Stuttgart kämpft seit Jahren um Assistenzkräfte und Honorare, damit sein Sohn, der blind ist, „die Möglichkeit haben soll, mit seinen Geschwistern und der Freundin aus der Nachbarschaft die gleiche Schule zu besuchen“. Er habe viel Unterstützung erfahren, von Schulleiterinnen, von Sonderpädagogen der Nikolauspflege, von Personen in den Ämtern, aber eben auch viel Gleichgültigkeit. 13 000 Euro hat er für Hilfsmittel und Arbeitsmaterialien ausgegeben, die sein Sohn an der Regelschule braucht. Ersetzt bekäme er sie nicht, hieß es kurz vor Schulbeginn. Begründung: Das Kind habe sie ja schon, deshalb bestehe kein Bedarf. „Zum Glück hat die Stadt die Kostenübernahme doch noch in die Wege geleitet“, sagt der Vater. Vieles werde hinausgezögert, vor allem die Honorarzusage für die Assistenten. Deshalb sei im September nur noch eine von vier Assistenzkräften verfügbar gewesen. Ohne sie kann der Junge nicht zur Schule gehen.
Ersatz ist nicht zu finden
Laut Stadtverwaltung sind derzeit noch 16 Stellen offen. Man habe versucht, weitere Träger zu gewinnen, was „aufgrund der kritischen Marktsituation“ jedoch nicht gelungen sei, teilt das Referat für Jugend und Bildung mit. Man habe die Schulen darüber informiert, dass auch der Einsatz von Privatpersonen auf Honorarbasis möglich sei – aber „auch über diesen Weg wurde bisher niemand gefunden“.
Warum ein Träger ausgestiegen ist
Mit dem aktuellen System sei Inklusion an Regelschulen nur schwer möglich, meint Achim Hoffer. Der Körperbehindertenverein, dessen Geschäftsführer er ist, ist vor vier Jahren aus der Schulbegleitung ausgestiegen. „Das war, vor allem bei Ausfällen und Erkrankungen, organisatorisch nicht zu machen.“ Achim Hoffer empfiehlt: „Man sollte beispielsweise an Schwerpunktschulen im Stadtteil einen Pool einrichten mit Ergotherapie, Krankenpflege und Assistenzkräften. Das wäre das passende System.“ Auch Thomas Kuhn, der Regionalleiter des Trägers Stiftung Jugendhilfe aktiv, sieht als Problem, „dass man den Schulen zu wenig Ressourcen für Inklusion gegeben hat“.
Was Politik und Verwaltung jetzt tun
Mittlerweile ist das Kultusministerium eingeschaltet. „Wenn solche Themen an uns herangetragen werden, bitten wir die Schulaufsichtsbehörde darum, mit Schule, Eltern, Kostenträger und Trägern der Schulbegleitung nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen“, sagt der Pressesprecher des Ministeriums. Das sei „aktuell der Fall“. Die Stadt Stuttgart versichert: „Wir arbeiten ämterübergreifend an Lösungen. Insbesondere die Verfahren sollen künftig optimiert und weiterentwickelt werden.“ Man gehe auch der Frage nach, „wie die Angebotslandschaft ausgebaut werden“ könne, so das Referat Jugend und Bildung.
Wohin Personalmangel führt
Michael Tränkle, der Bereichsleiter für Menschen mit Behinderung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg, sieht dieselben Probleme im ganzen Land – und einen Systemfehler. „Teilhabe hängt am Ende davon ab, ob es genug FSJler gibt“, sagt er. Die lückenhafte Schulbegleitung bildet nur einen Teil des Dilemmas ab: In Göppingen hat das SBBZ Bodelschwingh-Schule den Unterricht um einen Tag verkürzt – im Wechsel ist einmal freitags, einmal montags die Schule zu. Der Grund: Lehrermangel.