Eingespieltes Trio: Die nahezu blinde Reiterin Ute Hünnemann, die Fuchsstute Fantastica und Reitlehrerin Nicole Jeutter. Foto: Jürgen Kemmner

Ute Hünnemann hat 1980 mit dem Reiten begonnen und widmet sich trotz stetig schwindender Sehkraft weiter ihrem Hobby. Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten für Menschen mit Handicap, sich auf und mit Pferden zu bewegen.

Auf den ersten, unvoreingenommenen Blick scheint nichts ungewöhnlich. Inmitten der Reithalle des RFV Leonberg steht Reitlehrerin Nicole Jeutter, sie ruft laut Kommandos, welche Aktion zu tun ist, und die Schülerin im Sattel befolgt gewissenhaft die Vorgabe. Aber die Pferdewirtin gibt auch immer wieder Standortbestimmungen wie „kurze Seite der Halle“ und „lange Seite“ – und erst dann kommt der unbedarfte Beobachter ins Grübeln. Das ist doch nicht normal, oder?

 

Ist es nicht. Denn die Frau auf der folgsamen Stute Fantastica ist nahezu blind, sie nimmt lediglich noch hell-dunkel Unterschiede wahr. Ute Hünnemann ist 62, sie reitet seit 1980, und die Frau aus Gerlingen leidet an einer unheilbaren Augenkrankheit, die ihr Jahr für Jahr mehr Sehkraft raubt. Mittlerweile ist sie so gut wie blind. „Ich habe Einzelstunden“, sagt sie, „damit ich niemandem in die Quere komme.“

Ute Hünnemann ist nicht der einzige Mensch, der sich trotz eines deutlichen körperlichen oder geistigen Handicaps aufs Ross schwingt – und es genießt, sich auf dem Rücken eines Pferdes wie im Himmel auf Erden zu fühlen. „Ich fühle mich frei“, sagt die 62-Jährige, „aber selbst wenn die Reitlehrerin stets anwesend ist, so bin ich im Sattel doch ganz auf mich allein gestellt.“ Der RFV Leonberg hat während des Pferdemarktes ein Seminar abgehalten, in dem Pferdewirtschaftsmeisterin Ursula Bretz referiert hat, wie Menschen mit Einschränkungen am Reitsport teilhaben können. Reiten als Inklusionsmodell. „Viele Leute wissen gar nicht, dass es das gibt“, sagt Petra Opalla, die RFV-Präsidentin.

Das muss ein Pferd mitbringen

Ursula Bretz, Inhaberin der Reittherapieanlage Sonnenhof in Ebersbach/Fils, ist Trainerin im Reiten als auch im Voltigieren, im Behindertensport und Gesundheitssport. Ursula Bretz erklärt, welche Hilfsmittel zur Verfügung stehen, je nach Grad der Behinderung. Dass es für diese Menschen selbstverständlich auch möglich ist, an Turnieren teilzunehmen, man müsse „eben das Handicap kompensieren“ – etwa bei der Ausrüstung oder durch Zurufer, die blinden Reitern bei einer Dressurprüfung mitteilen, wo sich das Paar befindet. „Selbst Springreiten ist für Blinde nicht unmöglich“, betont die 61-Jährige, die auch Therapiepferde züchtet.

Denn nicht jeder vierbeinige Untersatz ist geeignet für Reiter mit Beeinträchtigungen. Eine hohe Kooperationsbereitschaft müssen sie mitbringen, ebenso die Fähigkeit kleine Fehler der Reiter auszugleichen. Ein ausgeglichenes Temperament und Gehorsam sowie ein fehlerfreier Körperbau sind weitere wichtige Eigenschaften. „Sie sind gar nicht so verschieden im Vergleich zu anderen Reitpferde“, unterstreicht die Referentin.

Man kann jede Situation meistern

Das Leonberger Schulpferd Fantastica, von allen nur Fanta genannt, bringt all das mit. Die 19 Jahre alte Fuchsstute ist „sehr lieb, aufmerksam und hat an allem Spaß. Außerdem bringt sie nichts so schnell aus der Ruhe“, bemerkt Petra Opalla. Nach dem Theorie-Teil tragen verschiedene Tiere ihre Reiterinnen (auch im Galopp) durch die Halle, zeigen verschiedene Dressur-Lektionen und Ursula Bretz erklärt, wie die Menschen mit Handicap den Ritt bewältigen – und sagt: „Man kann jede Situation meistern, man muss sich nur was einfallen lassen.“

Dieser Meinung ist auch Ute Hünnemann, die sich ganz selbstverständlich nicht nur in den Sattel setzt, sondern auch Fantastica aufzäumt. „Ich kenne die Handgriffe“, erzählt die Frau aus Gerlingen, die zweimal pro Woche ins Reiterzentrum Tilgshäusle kommt, „ich weiß auch genau, wo Fanta im Stall steht, sodass ich ohne Hilfe zu ihr finde.“ RFV-Chefin Petra Opalla freut sich über diese funktionierende Partnerschaft, von der „wir alle profitieren“. Und sie ist froh über die verstärkte Aufmerksamkeit, die Ute Hünnemann zuteil wird. „So können wir ihr nun auch eine Plattform bieten.“