Mitarbeiter der "Lesbar" in der Stadtbibliothek Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Viele Unternehmen zahlen lieber Strafen, als mehr Menschen mit Behinderung einzustellen. Damit Integration am Arbeitsmarkt endlich gelingt, müssten sich die Strafen verdoppeln – das fordert der Landesbehindertenbeauftragte.

Stuttgart - Behindernd findet Daniel Rose an seinem Arbeitsplatz so manches – nur seine eigene Behinderung nicht. Rose hat ganz andere Sorgen. Der 23-Jährige ist Kellner im Café Lesbar, einer Kaffee- und Snackbar im obersten Stock der Stuttgarter Stadtbibliothek. Was Rose dort nervt: Die Spülmaschine in der kleinen Küche sei zu weit unten – Rückenschmerzen beim Ausräumen sind für den großen jungen Mann vorprogrammiert. Wickeltische, nach denen die Gäste häufig fragen, gebe es im achten Stock nicht. Und laut Rose auch nicht genug Toiletten für die vielen Besucher: „Das ganze Gebäude ist eigentlich eine Katastrophe“, bilanziert der junge Mann in seiner direkten Art – und hängt direkt ein Lachen dran. Seine eigene Behinderung – Rose ist leicht geistig behindert – ist für den jungen Mann bei der Arbeit kein Problem.

Für knifflige Situationen hat Rose praktische Lösungen parat. Wenn ein Kunde neben seiner Bestellung auch noch eine Pfandflasche zurückgeben möchte, wird die Rechnung für Rose zu kompliziert. Dann holt er Kollegen zu Hilfe. Und wenn Kunden ihre Wünsche so schnell herunterrattern, dass Rose nicht mitkommt? „Ich bleib’ locker“, sagt der junge Mann. „Wir sind hier eben nicht so schnell.“ Jeder im zehnköpfigen Team weiß das – und allen ist es völlig schnuppe.

Im Café Lesbar werden Rose und sieben weiteren schwerbehinderten Mitarbeitern die Bedingungen geboten, die sie zum Arbeiten brauchen. Das Café gehört zu den Neckartalwerkstätten für Menschen mit Behinderung des Caritasverbands Stuttgart. Gewinn erwirtschaften müssen die Mitarbeiter des Cafés nicht.

Daniela Marx braucht für ihren Job mehr Geduld als die Chefs anderer Cafés

Chefin Daniela Marx hat vorher jahrelang in der Gastronomie mit Mitarbeitern ohne Behinderung gearbeitet. Sie erklärt Unterschiede zum Café Lesbar: Hier machen drei Beschäftigte die Arbeit, die ansonsten nur eine Fachkraft schaffen müsste. Und Daniela Marx braucht für ihren Job mehr Geduld als die Chefs anderer Cafés. An vielen Tagen sei bei ihren Mitarbeitern plötzlich wieder „Leere im Kopf“, sagt die 45-Jährige. „Man hat oft das Gefühl, für die Mitarbeiter ist es der erste Tag. Dann geht gar nichts mehr, nicht einmal, eine Gurke zu schneiden – auch wenn es ein halbes Jahr lang ohne Probleme geklappt hat.“ Immer wieder fängt Marx mit ihrem Team ganz von vorne an – und zwar in freundlichem Ton, denn „Druck und Stress sind für die Menschen hier gar nichts“.

Bedingungen, die die freie Wirtschaft im Land nicht bieten kann? Oder nicht bieten will? Fest steht: Private Arbeitgeber im Südwesten beschäftigen weniger Schwerbehinderte als gesetzlich vorgeschrieben. Fünf Prozent aller Stellen müssen laut Gesetz an Schwerbehinderte gehen – obwohl rund sechs Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im Land schwerbehindert sind. Die Privatwirtschaft im Südwesten erfüllt die Quote nicht: Im Schnitt sind nur 4,2 Prozent der Stellen mit Schwerbehinderten besetzt (Stand 2013). Viele Unternehmen ziehen es vor, Strafen zu zahlen anstatt mehr Schwerbehinderte einzustellen. Der Anteil der Stellen, die mit Behinderten besetzt werden, stagniert laut Arbeitsagentur seit 2009.

Auch der öffentlichen Dienst in Baden-Württemberg hat bei der Beschäftigung von Schwerbehinderten Nachholbedarf

„Der Arbeitsmarkt ist in Sachen Inklusion der Bereich, in dem noch am meisten Luft nach oben ist“, sagt der Behindertenbeauftragte der Landesregierung, Gerd Weimer. Abgesehen vom mangelnden Engagement in der Wirtschaft kritisiert Weimer auch den öffentlichen Dienst: Dort gehen 5,8 Prozent der Stellen an Schwerbehinderte – damit liege Baden-Württemberg im Ländervergleich nur auf Platz 12. Inklusion am Arbeitsplatz? „Das ist ein ganz dickes Brett, das wir noch bohren müssen“, sagt Weimer.

Zwar mahnt er, das Thema differenziert zu sehen: Schwerst mehrfach behinderte Menschen etwa, „werden bei unserer jetzigen Arbeitskultur nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommen“. Deshalb könne das Land auf Behindertenwerkstätten nicht vollständig verzichten. Der Grundidee Inklusion widersprächen die Werkstätten aber deutlich, denn dort bleiben Behinderte meist weitgehend unter sich. Deshalb sollten „so viele Menschen mit Behinderung wie nur möglich auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommen.“

Die zwei größten Hindernisse dafür aus Weimers Sicht: „Barrieren im Kopf“ bei vielen Firmenchefs und der Irrglaube, dass Menschen mit Behinderung so gut wie unkündbar seien. Zumindest Letzteres lässt sich mit einem Blick auf die Zahlen widerlegen: Zwar können Schwerbehinderte bei einer Kündigung den Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) einschalten. Dennoch wurde bei rund 80 Prozent solcher Fälle das Arbeitsverhältnis 2013 beendet, gibt der KVJS Baden-Württemberg an.

Behinderte sind wertvolle Mitarbeiter, wenn sich Unternehmen zu Veränderungen aufraffen können

Die Barrieren im Kopf sind dagegen schon schwieriger zu beseitigen. Ein Cappuccino und ein Stückchen Schokoladenkuchen im Café Lesbar könnten ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Denn der Alltag im Café zeigt Besuchern: Mit simplen Hilfen schaffen die schwerbehinderten Mitarbeiter selbst Aufgaben, die anfangs für sie unlösbar schienen.

Zum Beispiel: die kleinen Tische in dem großen, hellen Raum richtig einzudecken. Deckchen, Karte, Kaktus – was muss alles auf den Tisch? Und vor allem: Was steht wo? Rose und seine Kollegen können es sich oft nicht merken. Deshalb hat Café-Leiterin Marx eine genaue Anleitung mit Fotos und detaillierten Beschreibungen gemacht: „Stell dich mit dem Gesicht zur Wand, so dass du Richtung Toilettentür blickst.“ Dann können die Mitarbeiter die Utensilien genau so arrangieren, wie sie es auf dem Foto vor sich sehen.

Behinderte sind wertvolle Mitarbeiter, wenn sich Unternehmen zu bestimmten Veränderungen aufraffen können – das zeigen weitere Beispiele: Der Software-Gigant SAP hat in den vergangenen Jahren in Deutschland rund 40 Autisten eingestellt, weltweit sind es über 70. Die dritte Einstellungswelle in Deutschland für Autisten läuft aktuell. Um sich auf autistische Mitarbeiter einzustellen, macht SAP zum Beispiel Änderungen beim Assessment Center: Kommunikative Aufgaben werden durch andere ersetzt. Statt ihre Stärke als Teamplayer testet SAP bei Autisten, wie schnell sie Lego-Roboter zusammenbauen können. In den ersten Wochen im Konzern würden mit den Neulingen bei einem Einführungsprogramm Dinge geübt, die Autisten oftmals schwerfallen, sagt SAP-Diversity-Chefin Anka Wittenberg: Wie verhalten sich die Kollegen in der Mensa? Woran merkt man, dass eine Aussage ironisch gemeint ist? SAP will davon profitieren, dass sich viele Autisten lange und intensiv konzentrieren können – auch auf Abläufe, die sich wiederholen.

Firmen sparen sich die sogenannte Ausgleichsabgabe

Der Autobauer Daimler ist nach eigener Aussage überzeugt, dass vielfältige Teams erfolgreicher sind, und fördert deshalb die Ausbildung von Schwerbehinderten: 2015 sollen 24 ihr Rüstzeug bei dem Unternehmen erlernen. Im ­Restaurant des Hotels „Anne Sophie“, ­gegründet von Würth-Chefin Bettina Würth, kochen Menschen mit Behinderung auf Sterne-Niveau.

Firmen, die mehr Schwerbehinderte einstellen, profitieren zudem noch auf eine andere Art: Sie sparen sich die sogenannte Ausgleichsabgabe. Wenn Firmen mit 20 oder mehr Mitarbeitern ihr Soll an schwerbehinderten Angestellten nicht erfüllen, müssen sie diese Strafe bezahlen. Die Höhe richtet sich nach der Zahl der unbesetzten Arbeitsplätze und der Unternehmensgröße.

Der Mittelständler Trumpf etwa vergibt 3,8 Prozent – statt der vorgeschriebenen fünf Prozent – der Stellen an Schwerbehinderte. Anstatt mehr Behinderte einzustellen, zahlt Trumpf lieber rund 80 000 Euro Strafe im Jahr. „Es geht uns nicht primär um die schnelle Erfüllung der Quote, sondern um die gezielte Auswahl und wirkliche Inklusion ins Unternehmen“, sagt Trumpf-Sprecher Andreas Möller dazu. Auch einige andere Unternehmen im Südwesten – zum Beispiel Dürr und trotz des Autistenprogramms auch SAP – zahlen lieber eine sogenannte Ausgleichsabgabe, als die Fünf-Prozent-Quote zu erfüllen.

Deshalb fordert der Behindertenbeauftragte der Landesregierung höhere Strafzahlungen. „Mindestens eine Verdopplung“, sagt Gerd Weimer. Denn nach der bisherigen Berechnung „zahlen viele Firmen die Abgabe aus der Portokasse“. Alternativen zu diesem drastischen Schritt sieht Weimer kaum noch. „Alles andere hat bisher unter dem Strich nicht gereicht, um Inklusion am Arbeitsplatz weitreichend zur Realität zu machen.“

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