Gottfried Härle führt die gleichnamige Brauerei in vierter Generation. Flüchtlingen eine Chance durch Arbeit zu geben, ist für den Chef des Familienbetriebs Teil der Firmenphilosophie. Foto: dpa

Brauereichef Gottfried Härle beschäftigt mehrere Geflüchtete mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Zusammen mit der Vaude-Chefin Antje von Dewitz hat er eine Initiative ins Leben gerufen, die für das Bleiberecht von Geduldeten eintritt. Er begrüßt die jüngsten Beschlüsse der großen Koalition.

Stuttgart - Die große Koalition hat sich auf Eckpunkte zur Fachkräftezuwanderung aus Drittstaaten geeinigt. Fachkräfte mit Berufsabschluss sollen für ein halbes Jahr zur Arbeitssuche einreisen dürfen. Zudem will die Bundesregierung abgelehnte Asylbewerber (Geduldete), die eine Arbeit haben und gut integriert sind, besser vor Abschiebung schützen. Das sind auch zwei Forderungen einer Unternehmerinitiative aus dem Südwesten. Einer der Begründer der Initiative ist der Brauereichef Gottfried Härle aus Leutkirch.

Herr Härle, Sie haben neben zwei Mitarbeitern aus Syrien und dem Irak auch drei aus Gambia, denen die Abschiebung droht. Glauben Sie, sie können nun bleiben?

Das ist momentan noch schwer zu beurteilen, weil außer den zwei Sätzen aus dem Eckpunktepapier konkret noch nichts feststeht. Aber vom Grundsatz her glaube ich, dass die Chancen für den Verbleib unserer Mitarbeiter gestiegen sind.

Die Koalition will „klare Kriterien für einen verlässlichen Status Geduldeter definieren, die durch eine Erwerbstätigkeit ihren Lebensunterhalt sichern und gut integriert sind“. Wie müssten diese Kriterien aus Ihrer Sicht aussehen?

Sie müssen vor allem einheitlich von allen Ausländerbehörden und in allen Bundesländern angewandt werden. Wichtig sind aus unserer Sicht ein sicherer Arbeitsplatz und grundlegende Deutschkenntnisse. Und es versteht sich von selbst, dass der Mitarbeiter nicht kriminell geworden sein darf.

Welche Rückmeldungen erhalten Sie aus den beteiligten Unternehmen: Sehen Sie sich mit Ihrer Initiative am Ziel?

Wir sind ein gutes Stück vorangekommen und vorsichtig optimistisch. Nun kommt es allerdings darauf an, wie das Gesetz aussehen wird. Aus Sicht vieler kleinerer Betriebe aus dem Handwerk oder der Gastronomie ist es wichtig, dass nach klaren und transparenten Kriterien entschieden wird. Sie haben keine eigene Personalabteilung und können nicht permanent im Austausch mit der Ausländerbehörde die Einzelfälle diskutieren. Unser Ziel bleibt klar: Unternehmen müssen die Sicherheit haben, wenn sie einen Geflüchteten beschäftigen und dieser gut integriert ist, darf er nicht mehr abgeschoben werden.

Welche Rolle spielen die Geflüchteten für Ihr Familienunternehmen?

Wir haben insgesamt 35 Mitarbeiter. Die fünf Geflüchteten machen also fast 15 Prozent unserer Belegschaft aus. Wir beschäftigen die jungen Männer nicht aus gutem Willen, sondern weil wir sie dringend brauchen. Gerade die Kollegen aus Gambia erfüllen Aufgaben, für die wir keine einheimischen Arbeitskräfte mehr gefunden haben: das sind angelernte Tätigkeiten im Lager, in der Leergutsortierung und ­Flaschenabfüllerei.

Wann haben Sie sich entschieden, Geflüchteten eine Chance zu geben?

Das war Anfang 2015. Wir haben es damals mit einem jungen Mann aus Gambia einfach mal versucht, der nach wie vor bei uns ist. Dann sind weitere Kollegen gefolgt. Unsere Erfahrungen sind insgesamt positiv – natürlich läuft nicht sofort alles reibungslos, aber das ist mit den deutschen Mitarbeitern auch nicht anders. Um es mal flapsig zu sagen: Die Kollegen wissen mittlerweile auch, dass man morgens um sechs Uhr da sein muss, das war in den ersten Monaten nicht immer der Fall.

Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit der ständigen Bedrohung der Abschiebung um?

Der unsichere Status ist für sie ein großes Problem. Wenn ich sie frage, wie es ihnen geht, sagen sie: Solange ich arbeite, gut. Aber nachts wacht der eine oder andere von ihnen auf und kommt ins Grübeln über seine ungewisse Zukunft. Manchmal landen die gelben Briefe vom Bamf oder anderen Behörden ungeöffnet auf meinem Schreibtisch – weil die Kollegen Angst haben, sie selbst zu öffnen. Ein Mitarbeiter möchte gerne eine Ausbildung zum Lageristen bei uns machen, aber er sagt, solange er keine sichere Bleibeperspektive hat, will er lieber weiter arbeiten und Geld verdienen.

Die Regierung will die Tür zum hiesigen Arbeitsmarkt zum Beispiel für ausgebildete Schreiner, Köche oder Elektriker aus Nicht-EU-Staaten weiter öffnen – Hilfskräfte sind dabei nicht genannt.

Da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an. Wir haben immer deutlich gemacht, dass es uns nicht nur um die Zuwanderung von Fachkräften geht, sondern dass wir auch dringend motivierte angelernte Kräfte im Südwesten brauchen – besonders in der Gastronomie. Viele unserer Kunden sind Wirte, ich bekomme ihre Klagen über Personalmangel im Service, an den Theken oder im Reinigungsbereich täglich mit. Es ist für uns enttäuschend, dass das in dem Papier der Koalition bisher keine Rolle spielt. Das wird ein Punkt sein, den wir mit unserer Unternehmerinitiative gegenüber der Politik zur Sprache bringen wollen. Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl hat dafür bisher auch Verständnis gezeigt. Er sagt ja selbst: Wir brauchen nicht nur den IT-Fachmann, sondern auch den Gabelstaplerfahrer. Da hat er recht.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: