Der Apotheker Berthold Stelzer und der Architekt Heinz Lermann setzen sich für eine Begegnungszone an der Liststraße ein. Foto: Nina Ayerle/Archiv

Berthold Stelzer und Heinz Lermann aus dem Lehenviertel tüfteln seit Jahren an einem Plan. Sie wünschen sich in der Liststraße, zwischen Lehen- und Römerstraße, breitere Bordsteine. Damit wollen sie mehr Leben in der Straße schaffen, das Viertel attraktiver machen. Ihr Projekt nennen sie „Klein-List“.

S-Süd - Berthold Stelzer führt die Hubertus-Apotheke bereits in der zweiten Generation, im Jahr 1956 hatte sein Vater an der Liststraße eröffnet. Ein Phänomen konnte Stelzer seitdem beobachten: „Sobald die Bewohner Kinder haben, ziehen sie raus aus der Stadt.“ Und fährt fort: „Wir wollen die Leute, die im Viertel leben, dort behalten.“ Dazu müsse aber mehr Aufenthaltsmöglichkeiten, mehr Infrastruktur, mehr Läden angeboten werden,. Schlicht: mehr Leben.

Der Traum von der Flaniermeile

Schon als kleiner Bub, im Jahr 1966 war das, ist Berthold Stelzer mit der Zacke von Degerloch ins Lehenviertel zum Klavierunterricht gependelt. Seitdem schwirrt ihm die Idee im Kopf rum. Nun – fast 50 Jahre später – hatte der Apotheker aus dem Lehenviertel endlich die Gelegenheit, diese öffentlich zu präsentieren. Im Bezirksbeirat stellte er gemeinsam mit dem Architekten Heinz Lermann, dem Gestalter des Marienplatzes, sein Projekt „Klein-List“ vor.

Stelzer und Lermann planen, die Lis­t­straße zwischen Lehen- und Römerstraße mehr den Bürgern zur Verfügung zu stellen. Sie benutzen dafür das eher sperrige Wort „Multifunktionsfläche“. Konkret schwebt ihnen vor, die Straße zu verengen, um breitere Bürgersteige zu gewinnen. Sitzflächen, kleine Marktstände, Spielzonen und ganz besonders mehr Bäume – das soll „Klein-List“ werden. Auf der „Sonnenseite der Liststraße“ sollen in Zukunft Bäume und Sitzgelegenheiten stehen, wo sich die Menschen aufhalten können. Und da wo die Sonne ist, da bleiben die Bewohner dann auch gerne.

Gegenwelt zu Milaneo und Gerber

Hinter dem Projekt steht für die beiden Initiatoren aber noch ein zweier Faktor: Nämlich eine Gegenwelt zu all den Milaneos und Gerbers zu schaffen. Dafür hat das Lehenviertel mit all seinen Kreativen, Kleinkünstlern, kleinen Lädchen, Cafés und Kneipen die ideale Voraussetzung. Die Liststraße soll zukünftig, wenn es nach Lermann geht, noch mehr ein Gegenentwurf zu diesen „Kunstwelten“ werden.

Eine lebenswerte Straße schließt nach Ansicht der beiden Männer aber zu viel Verkehr aus. Da wiederum liegt auch gleich der Haken des Projektes. „Sie werden gleich in Ohnmacht fallen, aber nach unseren Plänen fallen 13 Parkplätze weg“, sagte der Architekt in der Sitzung.

Große Euphorie für Klein-List

Bei den Lokalpolitikern stieß das Projekt dennoch durchweg auf große Begeisterung. „Kompliment. Klein-List ist eine bestechend gute Lösung“, äußerte sich zum Beispiel Wolf-Dieter Wieland (FDP). Ein „aber“ habe er deshalb nicht hinzuzufügen, lediglich ein „und“. Denn „Bäume statt Autos“ wird laut Wieland bei vielen Anwohnern einen großen Widerwillen hervorrufen. Deshalb müssten alle Bewohner der Liststraße „mitgenommen und gehört“ werden. Dies könne zum Beispiel über eine Unterschriftenliste geschehen, so Wieland. Denn bereits jetzt – trotz des inzwischen eingeführten Parkraummanagements – gleicht das Finden eines freien Parkplatzes im Lehenviertel nachts einem Glücksspiel. Aber auch dafür haben die beiden Herren einen Gegenvorschlag. Mit Längsparkplätzen könnten wieder einige hinzugewonnen werden.

Der minimale Schönheitsfehler von Klein-List schmälerte daher die Begeisterung der Bezirksbeiräte für das Projekt nicht. Selbst Roland Petri, als Kritiker im Gremium bekannt, war „fasziniert“. „Das ist Bürgerengagement par excellence“, sagte der CDU-Politiker. Das war auch für Ulrike Holch von der SPD das „Bestechende“ an der Idee. Nach ihrer Ansicht könnte „Klein-List“ auch ein großes „List“ werden und die ganze Straße umfassen.

Lerman und Stelzer wollen aber zunächst ein Schritt nach dem anderen gehen. Denn natürlich muss erst einmal Geld her für die Umsetzung. Rund 315 000 Euro hat Lermann veranschlagt. Den Vorschlag von Hans-Dieter Meißner (Freie Wähler), dafür Step-Mittel zu verwenden, lehnte Arnim Emrich (SPD) jedoch kategorisch ab. „Die Mittel verwenden wir gerne für benachteiligte Gebiete im Süden“, sagte er. Den beiden Initiatoren konnte Bezirksvorsteher Raiko Grieb am Schluss daher lediglich raten, am „Thema dran zu bleiben“.

Klein-List: Neue Mitte für das Lehenviertel

Idee
Innerhalb der Liststraße soll ein Teil der Straße als Multinutzungsraum umgestaltet werden. Nur in der Mitte sollen noch Autos durchfahren, die Parkplätze sollen ganz weichen. Die neuen, freien Flächen sollen für Freisitze, Warenausstellungen, kleine Marktstände oder Spielzonen. Die geschätzten Kosten für den ersten Bauabschnitt auf einer Fläche von 1200 Quadratmetern betragen rund 315 000 Euro.

Geschichte
Das Lehenviertel wurde im Jahr 1912 in seinen wesentlichen Teilen bebaut und ist bis heute geprägt von einer vier- bis fünfgeschossigen Gründerzeitbebauung. Typisch ist, dass die Erdgeschosse der Häuser vornehmlich für Läden, Gastronomie oder Handwerk vorgesehen sind. Die kleinen Läden und Dienstleister erfreuen sich weit über das Viertel hinaus großer Beliebtheit. Mit „Klein-List“ soll die Besonderheit des Viertels gestärkt und eine Lebensqualität abseits der Haupteinkaufsstraßen erhalten.

Begegnungszone
Dieses Konzept ist typisch für die Schweiz. Inzwischen haben auch Belgien und Frankreich solche Zonen eingeführt, in denen Fußgänger Vorrang vor Autos haben. Deutschland sieht solche Formen der Verkehrsberuhigung bisher nicht vor. Lediglich Konstanz hat eine solche eingerichtet.