Wael Tafnakji am Stuttgarter Standort der Initiative Joblinge: Der 18 Jahre alte Azubi blickt jetzt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Er hat die Schule geschwänzt und sich mit anderen geprügelt: Wael Tafnakjis Start ins Berufsleben holperte. Heute ist der junge Stuttgarter dank der Initiative Joblinge einer der besten Azubis, die sein Arbeitgeber je hatte.

Stuttgart - Seine bequeme Jogginghose musste Wael Tafnakji (18) schweren Herzens im Schrank liegen lassen, als er vor mehr als einem halben Jahr beschloss, seine berufliche Zukunft in die Hand zu nehmen. Denn wer an der Initiative Joblinge teilnimmt – ein Programm für junge Menschen, die Anschluss an die Arbeitswelt suchen –, muss sich einigen Regeln unterordnen. Doch das ist die Vereinbarung: Wer motiviert ist und sich anstrengt, hat gute Chancen auf eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle. Dass sie mit Jogginghosen oder Unpünktlichkeit einen schlechten Eindruck hinterlassen,lernen die jungen Leute schnell.

Wael gehört zu denen, die es geschafft haben. Im September hat der Stuttgarter eine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit bei der Dienstleistungsfirma Wisag begonnen. Er ist müde an jenem Tag, an dem er über sich, sein Leben und die Arbeit plaudert. Die Berufsschule schlaucht ihn. Schule sei grundsätzlich nie sein Fall gewesen, sagt Wael. Als er kurz vor dem Hauptschulabschluss die Kurve kriegen wollte, war es zu spät. Mit einem Notendurchschnitt von 3,6 fand er keine Lehrstelle.

Etwas zu lange war es dem jungen Mann mit den kurzen dunklen Haaren egal, was später einmal aus ihm wird. Alles war ihm wichtiger als die Schule und seine Zukunft. Ständig schwänzte er den Unterricht. Wael hat die Ärmel seines hellen Kapuzenpullis bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. „Auf die Schule habe ich mich nie konzentriert“, sagt er, „ich wollte meine Ruhe haben, mit meinen Freunden chillen und Spaß haben.“ Seine Mutter redete mit Engelszungen auf ihn ein. Ohne Erfolg. Seine Versprechen, sich zu bessern, hatte Wael am nächsten Tag vergessen.

Seine Eltern haben sich getrennt, als er noch ein Baby war. Waels Mutter musste viel arbeiten, war selten zu Hause. Wael, der drei ältere Geschwister hat, war die meiste Zeit auf sich gestellt. Seinen Vater kennt er zwar, seit einem Jahr haben die beiden aber keinen Kontakt mehr. Ob das schwierige Verhältnis ihn frustriert hat? „Klar, es ist nicht schön, ohne Vater aufzuwachsen. Meine Freunde hatten ja alle einen“, sagt Wael. Das habe jedoch eine nur untergeordnete Rolle gespielt. „Ich habe mich von meinen Freunden mitreißen und überreden lassen. Das Übliche halt“, sagt Wael.

Nach der Grundschule wurde Wael auf die Sonderschule geschickt. Wegen einer „kleinen Lese-und-Rechtschreib-Schwäche“, sagt Wael, und weil er schon immer schwer zu bändigen gewesen sei. Tauchte er dann mal in der Schule auf, prügelte er sich oft mit Mitschülern oder schmierte Mädchen Kaugummi in die Haare. Ein Anti-Aggressions-Training brachte nichts. „Wir haben uns getroffen, geredet und sind dann heim.“ Wael zuckt mit den Schultern. Damals wäre es ihm lieber gewesen, nach einer Prügelei bestraft zu werden – und fertig. Wobei, räumt Wael ein, „es war schon eine Strafe, freitagnachmittags zum Anti-Aggressions-Training zu gehen“. Heute ist ihm klar, dass man sich nur verändern kann, wenn man das selbst will.

Drei Jahre später wollte Wael nicht länger auf der Sonderschule bleiben. Der Unterricht war langsam, beinhaltete viele Wiederholungen. Wael fühlte sich unterfordert,langweilte sich. Sein Wunsch nach einem Wechsel auf die Hauptschule erfüllte sich. Zwar hat er sich dort nicht mehr geprügelt, „aber manchmal geschwänzt“, sagt Wael. Bis zur achten Klasse „habe ich mir waserlaubt“.

Erst kurz vor dem Hauptschulabschluss machte es klick bei Wael.

In den Monaten zuvor absolvierte er Praktika. Als Stuckateur, Verkäufer, Schreiner. Wael mag handwerkliche Arbeit. Von den Arbeitgebern erhielt er immer Lob. Für eine Lehrstelle hat es trotzdem nie gereicht. Dafür hatte Wael eine Erkenntnis. Er muss bis zur Rente arbeiten. Eine lange Zeit. Doch nur mit einem guten Schulabschluss kann er eine qualifizierte Ausbildung und damit einen guten Job bekommen – und ist nicht auf Arbeit angewiesen, die ihn körperlich auslaugt. „Ein Bauarbeiter wird zwar gut bezahlt, die Arbeit ist aber hart“, sagt Wael.

Jedoch war es nun zu spät, binnen eines halben Jahres einen guten Hauptschulabschluss zu erreichen.

Wael macht nach dem Abschluss wieder Praktika. Seinen Traumberuf fand er allerdings nicht. „Einmal musste ich Trampoline zusammenbauen. Das wollte ich nicht“,erinnert sich Wael. Eine weiterführende Schule kam für ihn ebenfalls nicht infrage. „Als das Jobcenter mir von den Joblingen erzählte, dachte ich mir, komm, das probierst du einfach mal“, sagt Wael.

Anfangs sei es ziemlich hart gewesen. Nicht nur wegen der vielen Regeln. Täglich von 9 bis 16 oder 17 Uhr nimmt Wael an Bewerbungs- und Kommunikationstrainings teil. Danach muss er sich in verschiedenen Unternehmen selbstständig bewerben mit dem Ziel, einen Ausbildungsvertrag zu bekommen. Als Maschinenanlagenführer, Kfz-Mechatroniker und im Sicherheitsdienst hat er sich beworben. Nach zwei Wochen bei der Firma Wisag „hatte ich ein Gespräch mit dem Bereichsleiter, von dem ich nur gutes Feedback bekommen habe“, erzählt Wael. „Die wollten mich als Azubi haben.“

Zurzeit lernt Wael den Objektschutz kennen. An der Pforte eines Autobauers kontrolliert er Menschen und Autos. Die Arbeit im Sicherheitsdienst gefällt ihm sehr gut. „Ich habe einen Job gefunden, der top ist und bei dem ich nicht kiloweise Gewicht tragen muss“, sagt Wael. Seine Mutter ist stolz auf ihn. „Und sie ist glücklich, dass ich wieder einen guten Ruf habe.“ Bei seinem Arbeitgeber gilt Wael als einer der besten Azubis, die das Unternehmen je hatte.

Die Ausbildung erfolgreich abzuschließen steht derzeit bloß an zweiter Stelle auf Waels Wunschliste. „Vorher möchte ich meinen Führerschein machen“, sagt der junge Mann. Und nach der Ausbildung? Wael überlegt keine Sekunde. „Eine Familie gründen und bis zur Rente arbeiten.“

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