„Gott kann keine Sünde segnen“ – so begründet der Vatikan sein Nein zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Ein Ehepaar aus dem Kreis Ludwigsburg ruft jetzt übers Internet zum Kirchenaustritt auf, auch anderswo in der Region Stuttgart regt sich lauter Protest.
Region Stuttgart - Es sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, sagt der Benninger Kabarettist Otmar Traber. Als er und seine Frau am Montagabend hörten, dass der Vatikan der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare eine Absage erteilt hatte, hätten sie spontan beschlossen, gleich am nächsten Tag aus dieser Kirche auszutreten. Vor allem die Begründung aus Rom – „Gott kann keine Sünde segnen“ – machte die Eheleute fassungslos. „Wir fanden das so abstrus, entwürdigend und entwertend – wir waren beide sprachlos“, erzählt Otmar Traber. „Diese Kirche ist nicht reformierbar.“ Und Lioba Burg-Traber ergänzt: „Einem Menschen oder einer Gemeinschaft den Segen nicht zu geben, weil man glaubt, dass das, was er oder sie lebt, Sünde ist, ist zutiefst unbarmherzig.“
Die beiden wollen es aber nicht bei ihrer eigenen Reaktion bewenden lassen, sie wollen aktiv werden: „Der Austritt soll zu einer öffentlichen Protestform werden“, sagt Traber. Und deshalb haben sie jetzt die Website https://kirchenaustritt-jetzt.de eingerichtet.
Die Trabers sind immer engagierte Katholiken gewesen – jetzt haben sie genug
Was den Vatikan erschüttern müsste: Mit den Trabers verlassen engagierte Katholiken ihre Kirche. Lioba Burg-Traber hat sich viele Jahre in der katholischen Jugendarbeit und Erwachsenenbildung, außerdem im Pfarrgemeinderat engagiert. Der studierte Theologe Otmar Traber war Oberministrant und 34 Jahre lang Leiter der katholischen Erwachsenenbildung in Ludwigsburg. Beide sind damit nicht die Sorte Mensch, die schon lange keine Bindung zur Kirche mehr haben oder sich von dieser entfremdet haben – solche Gründe werden vonseiten der Kirchenoberen gern genannt, um die Austrittswelle zu erklären. 2019 haben in der Diözese Rottenburg-Stuttgart 21 861 Menschen – gut 1,2 Prozent – ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Neuere Zahlen gibt es laut Auskunft einer Sprecherin nicht.
Empörung über die Haltung des Vatikans herrscht auf vielen Ebenen der katholischen Kirche. So verfassten Mitglieder des Diözesanrats und Priesterrats in Rottenburg-Stuttgart eine persönliche Stellungnahme: „Wir sind bestürzt und betroffen“, heißt es darin. „Die Verweigerung eines Segens widerspricht dem kirchlichen Auftrag, gelebte Liebe unter allen Menschen zu fördern.“ Auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend der Diözese wird deutlich: „Die Liebe zweier Menschen zueinander kann aus unserer Sicht niemals Sünde sein.“
Der Bund der Katholischen Jugend ruft ebenfalls zum Protest auf
Zugleich fordert die Jugendorganisation dazu auf, „an diesem Wochenende an Kirchen oder kirchlichen Gebäuden Regenbogenflaggen aufzuhängen, sie mit Strahlern oder Beamern bunt zu beleuchten oder mit Straßenkreide Statements oder Regenbögen auf Kirchenvorplätze zu malen.“ Die Website katholisch.de berichtete schon am Mittwochabend, dass mehr als 1000 Seelsorger mit ihrer Unterschrift erklärt haben, auch weiterhin homosexuelle Paare zu segnen.
Wie viele das tatsächlich tun, ist unbekannt. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart erklärt dazu: „Es gibt in unseren Kirchengemeinden keine offiziellen Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare.“ Wobei die Betonung hier auf dem Wort „offiziell“ liegen dürfte. Stefan Spitznagel, Pfarrer der Katholischen Gemeinde zur Heiligen Familie in Marbach am Neckar, gibt offen zu, dass er „schon seit 20, 25 Jahren gleichgeschlechtliche Paare“ segnet. Mehr noch: „Ich nenne das auch Trauung.“ Der Bischof wisse das auch, „will das aber nicht wissen.“ Als Ort böten sich häufig Schlosskirchen an, „weil dort die Schlossherren das Hausrecht haben.“ Auch Trauungen unter freiem Himmel habe er schon durchgeführt.
Viele Pfarrer ignorieren das Verbot aus Rom schon lange
Die alt-katholische Kirche, die von Rom und dem Papst unabhängig ist, überlege derzeit sogar, ob solche Segnungen nicht ebenso wie die Ehe ein Sakrament seien, sagt Pfarrer Christopher Sturm aus Stuttgart. Aus Sicht der Alt-Katholiken gehe es „immer um den Menschen, ohne Ansehen der Person. Und wir wollen Antworten auf die Fragen der Menschen gestalten“. Zur Frage, ob die alt-katholische Kirche von der Austrittswelle bei der römisch-katholischen Kirche profitiert, kann er nichts Konkretes sagen: „Es klopfen immer mal wieder Menschen bei uns an, weil wir eine Beitrittskirche sind. Im Moment sind es ein paar mehr als sonst, aber woran das liegt, wissen wir nicht.“
Für Otmar Traber ist die alt-katholische Kirche übrigens keine Option. „Ich habe nicht das Gefühl, für meine Spiritualität eine Kirche zu brauchen.“