Ingoh Brux begleitet den Stuttgarter Schauspielintendanten Burkhard C. Kosminski. Foto: Staatstheater Stuttgart

Ingoh Brux, neuer Chefdramaturg am Schauspiel Stuttgart, setzt auf Autorentheater und Dialog statt auf Trends. Das Programm soll „diverser“ werden, das Kammertheater eine Experimentierstätte – ohne den „Druck der großen Bühne, etwas Fertiges zu präsentieren“.

Stuttgart - Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? - Eine spannende Frage, selbst noch 234 Jahre nachdem sie der schwäbische Dichter Friedrich Schiller erstmals vor einem Fachpublikum in Mannheim formuliert hat. In Zeiten diverser digitaler Unterhaltungs- und Informationsangebote wie Netflix, Youtube und Pinterest sind die Existenzbedingungen traditioneller Medien und Kunstformen härter geworden. Überall und rund um die Uhr konkurrieren Geschichten, Nachrichten und Bilder um die Gunst eines voll vernetzten Publikums. Dass sich das Theater trotz dieser Fülle an Angeboten bis heute als feste Größe im Kulturleben der Städte behauptet, verdankt sich maßgeblich dem Ideenreichtum der Macher.

Einer von ihnen ist Ingoh Brux, neuer Chefdramaturg und stellvertretender Intendant am Schauspiel Stuttgart. Gemeinsam mit Burkhard C. Kosminski gestaltet Brux den Spielplan des Hauses, fahndet nach neuen Talenten, Ausdrucksformen und relevanten Themen. Theater ist im Idealfall ein offenes System, das direkt und unmittelbar Fragen behandelt, die Menschen gegenwärtig in ihrem sozialen Umfeld bewegen. Klar, dass sich das Theater heute gewissen Trends nicht entziehen kann, wie etwa der inzwischen routinemäßige Rückgriff vieler Künstler auf Film- und Romanstoffe zeigt. „Dahinter steckt der Eindruck, dass die Dinge, die einen interessieren, in Theatertexten nicht verhandelt werden“, sagt Brux, und setzt in seiner Dramaturgie lieber auf genuine Bühnentexte, auf Klassiker wie Aischylos’ „Orestie“, auf „Medea“ von Franz Grillparzer oder Shakespeares „Romeo und Julia“ genauso wie auf aktuelle Dramatik von Elfriede Jelinek, Theresia Walser oder Roland Schimmelpfennig.

„Wir haben immer mit Dramatikern zusammengearbeitet“, beschreibt Brux seine langjährige Partnerschaft mit Burkhard Kosminski. „Ich glaube, dass es Stücke gibt, die genügend welthaltig sind, und ich habe nicht unbedingt das Bedürfnis, Themen, die mich bewegen, in Roman- oder Filmstoffen zu suchen.“

Abo-Kooperation mit den Innenstadtkinos

Im weitgehenden Verzicht auf solche Werke sieht Brux dann auch kein Risiko: Theaterautoren würden immer gespielt, „die Stoffe existieren gleichberechtigt nebeneinander“. Dementsprechend offen, modern und in vielfältigen Ansätzen präsentiert sich das neue Haus, das sogar eine Abo-Kooperation mit den Innenstadtkinos in petto hat. Eine interessante Liaison, vor allem im Hinblick auf die häufig beschworene Krise der Lichtspielhäuser. Für Ingoh Brux ist es der Versuch, eine Schnittmenge aus Theater- und Kinofans zu bilden und die Weichen für gemeinsame Kulturerlebnisse im öffentlichen Raum zu stellen. „Viele Menschen bleiben vereinzelt zu Hause, aber das kollektive Erlebnis findet im Theater und eben auch im Kino statt.“ Einen Niedergang traditioneller Medien sieht er dagegen nicht. „Ich bin kein Kulturpessimist und glaube, dass es ein menschliches Bedürfnis nach Gemeinschaftserlebnissen gibt, das ist doch etwas Besonderes!“

Eine größere Nähe zum Publikum will das Team nun auch mit der frischen Konzeption für das Kammertheater als Experimentierstätte aufbauen: mit zweihundert Plätzen ein idealer Ort für intimere Uraufführungen und Sonderformate. „Dort machen wir literarisches Autorentheater und spielen etwa „Wolken.Heim“ von Elfriede Jelinek“, für Ingoh Brux ein wichtiger Text mit starkem Regionalbezug, weil die österreichische Autorin darin Zitate von berühmten Denkern aus Baden-Württemberg wie Hegel und Hölderlin mit Aussagen von RAF-Terroristen konfrontiert. Darüber hinaus soll die Kammer gerade auch einem jüngeren Publikum ein Forum bieten, mit regelmäßig stattfindenden Formaten wie der „Late Night“, Diskussionsrunden zu aktuellen Themen und Lesungen von Bram Stokers „Dracula“ oder Virginie Despentes’ „Vernon Subutex“, die wie die Serien der Streamingdienste – vom Phänomen des Binge-Watching einmal abgesehen – nicht am Stück, sondern in Teilen genossen werden. Hier bekommen auch Schauspieler und Regieassistenten die Möglichkeit, sich vorzustellen, eigene Ausdrucksformen zu erproben.

„Dass man wegkommt von diesem Druck der großen Bühne, etwas Fertiges zu präsentieren, was man zehn oder zwanzig mal spielen muss“, fasst Ingoh Brux den Sinn dieser Spielstätte zusammen. Einen konkreten Bedarf zur Differenzierung zwischen Interessen verschiedener Generationen sieht er aber nicht. „Ich glaube, es geht um eine gewisse Form der Repräsentation. Man will ja nicht nur, polemisch gesagt, blonde, blauäugige Menschen und Mittelklasse-Probleme auf der Bühne sehen. Wir müssen diverser werden“, sagt Brux, und setzt auf einen intensiven Dialog mit dem Publikum. In aller erster Linie findet der zwar in den Vorstellungen statt, doch der Internetauftritt des Hauses bietet viele Gelegenheiten zur multimedialen Erkundung des Programms. „Das Zuschauerbuch im Foyer soll es aber weiterhin geben“, verspricht Ingoh Brux noch, und lacht.

Zur Person

Ingoh Brux hat bereits an vielen renommierten Schauspielhäusern gearbeitet. Seit langem ist er mit dem neuen Stuttgarter Intendanten Burkhard C. Kosminski verbunden; zunächst am Schauspielhaus Düsseldorf und von 2006 bis 2018 in der Leitung des Nationaltheaters Mannheim. Brux hat auch an namhaften Hochschulen unterrichtet, nach Dozenturen an der Essener Folkwang Universität der Künste und an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gibt Brux nun Seminare an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Ingoh Brux ist verheiratet und Vater dreier Söhne.

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