Hilde Grabenstein und Karl Fauth in der Georgskirche Foto: factum/Granville

Von innen ist sie kaum wiederzuerkennen: In der Serie „Die Kirche bleibt im Dorf“ sieht die Georgskirche von Kleiningersheim ganz anders aus als in Wirklichkeit. Ein Gespräch über die Dreharbeiten und das Dorfleben.

Ingersheim - Die Georgskirche von Kleiningersheim ist ziemlich klein. An die 170 Personen können in dem rund 400 Jahre alten Gebäude Platz finden. Mit der vor vier Jahre begonnenen Serie „Die Kirche bleibt im Dorf“ kam die Georgskirche groß raus. Hilde Grabenstein, eine Komparsin der ersten Stunde, und der Mesner Karl Fauth erinnern sich an ausbleibende Glockenschläge, beneidenswerte Dekorationen und enttäuschte Kinder.

Herr Fauth, wie ist es, Mesner in der berühmtesten Kirche Deutschlands zu sein?
Karl Fauth Eigentlich auch nicht anders wie woanders. Ich fühle mich hier wohl.
Waren die Dreharbeiten aufregend?
Fauth Wie man’s nimmt. Die Kirchturmuhr ist mal stehen geblieben, weil ich den Glockenschlag abgestellt habe. Der hätte die Filmleute gestört. Und dann musste ich mal anrücken, weil die Kirchenfenster mitten während der Dreharbeiten aufgegangen sind, automatisch. Aber das ließ sich alles problemlos regeln.
Haben Sie Ihre Kirche noch erkannt?
Fauth Gut, an der Stelle der letzten Bank hinten rechts stand ein Beichtstuhl, über dem Taufstein hing ein Engel, an den Wänden hingen Bilder von Heiligen, die Kanzel war verkleidet, und der Altarraum sah total anders aus – aber wer es weiß, erkennt die Georgskirche von Kleiningersheim.
Woran?
Hilde Grabenstein Die zwei Säulen im hinteren Bereich sind sehr markant, die Kirchenbänke sind unverwechselbar, und an ihrer inneren Größe kann man die Georgskirche auch erkennen.
Fauth Es kommen auch immer wieder Touristen vorbei, die Kirche besichtigen.
In Wirklichkeit ist ihre Kirche evangelisch, im Fernsehen hingegen katholisch. Ist das kein Sakrileg?
Grabenstein Wir sind reformiert. Außerdem gibt es ein paar wenige Euro für die Bereitstellung. Der schnöde Mammon halt!
Fauth Aber Kleiningersheim ist auch ein ganz besonderer Ort. Wir sind sehr offen. Es ist schon immer selbstverständlich gewesen, dass auch die katholische Kirchengemeine Gottesdienste hier feiert, wenn ihre Kirche nicht zur Verfügung steht. Und im Oktober findet eine freikirchliche Hochzeit von einem Paar aus Stuttgart statt. Die Leute hatten dort nichts gefunden, was ihnen taugte.
Haben die Dreharbeiten Ihre eigenen Gottesdienste nicht gestört?
Grabenstein In Staffel eins ist man mal nach Großingersheim ausgewichen.
Fauth Dieses Mal ist nur eine Taufe dazwischen gekommen. Aber die wurde dann in den Kulissen gefeiert.
Haben Sie selbst in der Serie mitgespielt?
Fauth Mein Weinberg. Dort muss der Pfarrer in der ersten Staffel die Stäffele rauf, als er mit dem Bus in Oberrieslingen ankommt. An dem Tag war es knallheiß, und der Rainer Piwek, der den Pfarrer spielt, hat geschwitzt wie ein Bachel.
Grabenstein In der ersten Staffel war ich Komparse. Aber einmal ist genug.
Warum?
Grabenstein Man braucht viel zu viel Zeit. Wegen einer Sequenz von drei Sekunden ist man den ganzen Tag beschäftigt. Das heißt Warten, Warten, Warten. Hut ab vor den Profis, aber als Laie im normalen Berufsleben kann man sich das nicht erlauben.
Was haben Sie während der Wartezeit gemacht?
Grabenstein Beobachtet! An dem Tag, als ich dabei war, ging es darum, dass die Haushälterin mit dem Motorrad vorfährt. Das hat nicht so funktioniert. Mal ist die Stuntfrau gefahren, dann die Schauspielerin, dann ist die Maschine umgefallen – das war hochspannend. Eine Szene wird ja nicht nur wiederholt, wenn was nicht funktioniert hat, sondern auch, um verschiedene Einstellungen zu bekommen. Dieser Aufwand! Kolossal! Und dann ist nicht mal sicher, ob das Material verwendet wird.
Fauth Einmal, in der ersten Staffel, wurde in der Kirche eine Hochzeitsszene gedreht. Da waren viele Kinder aus Kleiningersheim als Blumenmädchen-Komparsen dabei. Die haben sich gefreut wie Schneekönige – diese Szene ist nie gesendet worden.
Das Thema der Serie ist die Rivalität zwischen Ober- und Unterrieslingen. Gibt es die zwischen Groß- und Kleiningersheim auch?
Grabenstein Ich möchte es mal so formulieren: In Großingersheim ist die Integration Zugezogener mühseliger. In Kleiningersheim wird ein Fremder nicht so kritisch beäugt.
Fauth Also, die Großingersheimer sind schon auch sehr aufgeschlossen. Die haben ein sehr reges Kirchengemeindeleben. Wir machen auch viel zusammen. Und außerdem: Ingersheim war 1972 die erste Gemeinde, die ihre Feuerwehren zusammengelegt hat. Das wäre unter Rivalen nicht möglich gewesen.
Kommen Ihnen die Heimlichkeiten und Intrigen, von den die Serie lebt, bekannt vor?
Grabenstein Solche Familienfehden waren vor 30, 40 Jahren bestimmt ausgeprägter, als sie es heute sind. Heute verläuft sich das mehr. Aber es kommt schon noch vor, dass jemand sagt: Mit dem XY kann ich gar nicht. Und wenn man fragt, warum, dann heißt es: Weil’s schon immer so war.
Was ist mit Ihrer Frau Pfarrer – ist sie auch so gefragt, wie der Fernsehpfarrer?
Grabenstein Bis vor elf Jahren hatten wir ein Pfarrerehepaar, das sich eine 100-Prozent-Stelle teilte. Die Wunderlichs waren sehr umtriebig und sehr integriert. Inzwischen wurde die Stelle auf 50 Prozent reduziert. Das macht sich schon bemerkbar.
Der Ton, der in der Serie angeschlagen wird, ist teilweise recht derb. Kommt Ihnen das vertraut vor?
Fauth Wir sind schon grad raus. Aber wie ich mitbekommen habe, haben sich manche im Ort schon auch aufgeregt, weil so viel geflucht wird. Vor allem in der Kirche.
Grabenstein „Scheißdreck“ kommt ständig. Aber wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man selber oft unbewusst solche Worte sagt. Und die, die jetzt schimpfen, drücken sich vielleicht gewählter aus – aber unterm Strich ist das auch nicht ehrlicher als „Scheißdreck“.
Nach der vierten Staffel ist Schluss mit der Kirche im Dorf. Stimmt Sie das wehmütig?
Grabenstein Das ist ein Abschnitt, wenn der rum ist, kommt der nächste.
Haben Sie Anregungen für die Dekoration der Kirche bekommen, Herr Fauth?
Fauth Der Schaukasten draußen an der Wand, der sah richtig gut aus. Er war so voll und bunt. Die Blumen auf der Brüstung haben uns auch gefallen. Aber die haben die Filmleute leider mitgenommen.
Grabenstein Die äußeren Veränderungen im Ort waren schon toll. Eines der Häuser in der Dorfmitte hatte plötzlich eine Fachwerkfassade, und auf dem Dorfplatz stand ein Dorfbrunnen. Das sah wunderbar aus.
Sie sitzen im Gemeinderat, Frau Grabenstein. Ist ein neuer Dorfbrunnen nicht drin?
Grabenstein So schön es wäre, aber mindestens einmal am Tag gäbe es dort eine Karambolage. Es ist zu eng hier. Aber wir haben ein anderes schönes Souvenir.
Was denn?
Grabenstein Wenn Sie an der Kelter vorbeilaufen, werden Sie sehen, dass dort das schöne große Logo der Weingärtnergenossenschaft Oberrieslingen aufgemalt ist. Ein Relikt aus der Serie. Das bleibt!

Dreharbeiten im Kreis Ludwigsburg

Akteure
Hilde Grabenstein, 60, lebt in Kleiningersheim, arbeitet als Floristin und sitzt seit 1994 für die SPD im Gemeinderat. Als Komparsin in der ersten Staffel hatte sie einen Text: „Sie sen doch net ganz bacha“, sagte sie zum Pfarrer. Karl Fauth, 67, hat eine 50-Prozent-Stelle als Mesner. Bis zu seiner Rente arbeitete er als KfZ-Mechaniker.

Inhalt
Die Serie handelt von der Feindschaft der schwäbischen Dörfer Oberrieslingen und Unterrieslingen, verkörpert durch die Familien Häberle und Rossbauer. Dass sich die Dörfer eine Kirche teilen müssen und einen (norddeutschen) Pfarrer bekommen, der die Erzfeindschaft beenden will, lieferte Stoff für bisher 24 erfolgreiche Folgen.

Orte
Die Dreharbeiten für die letzte Staffel sind nun beendet. An 29 Tagen hat das SWR-Filmteam Material für sechs Folgen gesammelt. Gedreht wurde auch in Steinheim, Benningen, Remseck und Oberstenfeld.

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