Von den Grippepatienten in Baden-Württemberg, seit Jahresbeginn gut 17 500, sind mehr als ein Drittel Kinder und Jugendliche. Foto: Imago/Westend61/Svetlana Iakusheva

Bei der Grippewelle sind die Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Warum derzeit Kinder besonders betroffen sind, und was eine Impfung nun noch nutzt, erklärt ein Experte vom Olgahospital am Klinikum Stuttgart.

Deutschland erlebt derzeit eine ausgeprägte Grippewelle. Insbesondere seit Anfang Februar steigt die Zahl der Fälle kontinuierlich an. Die aktuelle Grippewelle kursiert zwar in allen Altersgruppen, betrifft aber vor allem Kinder und Jugendliche. In Baden-Württemberg sind unter den seit Jahresbeginn gut 17 500 gemeldeten Fällen fast ein Drittel unter 18 Jahre alt, heißt es aus dem Landesgesundheitsministerium.

 

Das ist auch im Olgahospital des Klinikums Stuttgart spürbar, dem größten Kinderkrankenhaus in Deutschland. Die Grippewelle falle jedes Jahr unterschiedlich aus, sagt Stefan Möbius, Pressesprecher des Klinikums: „Dieses Jahr ist wieder ein etwas heftigerer Jahrgang.“ Auch schwere und schwerste Verläufe mit Beatmung seien 2025 schon vorgekommen und im Klinikum Stuttgart versorgt worden. Gegenüber früheren schweren Grippesaisons steche dieses Jahr aber nicht besonders hervor.

Dennoch bilanziert Markus Rose, Leiter der Kinderpneumologie am Olgahospital: „Unser medizinisches Versorgungssystem erlebt derzeit eine massive Grippewelle mit Schwerpunkt auf Klein- und Schulkindern, parallel dazu eine abgeschwächte RSV-Welle.“ Doch woran liegt das? Und was bringt es, Kinder jetzt noch zu impfen?

Experte: Impfungen auch jetzt empfehlenswert

Eine Grippeschutzimpfung ist Roses Ansicht nach auch jetzt noch sinnvoll. Die Welle könne noch bis weit in den März laufen, andere Experten sprechen gar von April. Eine klassische intramuskuläre Grippeschutzimpfung, also mit Pieks in den Oberarm, braucht allerdings eine gute Woche, bis sie eine Schutzwirkung aufgebaut hat. „Bei der so genannten Nasenspray-Grippeimpfung, die vor allem für Kinder vorgesehen und noch vereinzelt in Apotheken unter dem Handelsnamen Fluenz erhältlich ist, besteht schon binnen zwei bis vier Tagen ein Schutz“, erklärt Rose.

Es sei seit Jahren bekannt, dass Kinder in den ersten fünf Lebensjahren nicht nur die Hauptkrankheitslast für Influenza trügen, sondern auch die wichtigsten Überträger auf andere Altersgruppen seien. „Daher wird in vielen Ländern und auch seitens der Weltgesundheitsorganisation für alle Kinder dieser Altersgruppe eine Schutzimpfung gegen Influenza empfohlen“, so Rose. In Deutschland sei die Kinder-Grippeschutzimpfung allerdings ein Stiefkind: „Selbst unter chronisch kranken Kindern sind die Durchimpfungsraten kritisch niedrig“, kritisiert der Kinderlungenarzt.

Verlauf nach Impfung meist milder

„Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht“, sagt Frank Eickmann, der stellvertretende Geschäftsführer des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg: „Wer trotz Impfung erkrankt, hat aber in der Regel einen abgeschwächten Krankheitsverlauf.“ Das bestätigt auch der Kinderlungenarzt Rose: „Die Schutzwirkung liegt bei gut 60 Prozent.“ Ideal sei eine Impfung für alle Altersklassen im Herbst, die dann im Laufe des Winters durch „Kontakt mit Wildviren aufgefrischt“ werde.

Die Experten sind sich aber uneins, ob Grippeimpfungen für alle Kinder angebracht sind. Burkhard Rodeck etwa, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Berlin, schränkt ein: „Die Standard-Grippeschutzimpfung ist von der Ständigen Impfkommission ab dem Alter von 60 Jahren empfohlen.“ Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unter 60 sei sie sonst „nur als Indikationsimpfung“ sinnvoll, „wenn eine erhöhte gesundheitliche Gefährdung infolge eines Grundleidens vorliegt“.

Wer die Impfung empfiehlt – und wer nicht

Die Weltgesundheitsorganisation WHO plädiert für eine Grippe-Impfung aller Kinder von sechs Monaten bis fünf Jahren. Andere Länder, etwa die USA, Großbritannien und Schweden, schließen sich dieser Empfehlung an – genauso wie der deutsche Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. In Deutschland sollten sich laut der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur Risikogruppen und deren Kontaktpersonen pieksen lassen. Dazu zählen auch Kinder mit Vorerkrankungen. Generell spricht sich die Stiko aber auch nicht gegen eine Impfung von gesunden Kindern aus.

Warum sind so viele Kinder betroffen?

Dass überhaupt so viele Kinder und Jugendliche erkrankt sind, hat laut Burkhard Rodeck unter anderem mit den Wetterbedingungen zu tun: „Anhaltend kaltes Wetter mit mehr Infektionsgelegenheiten in Innenräumen mit größeren Personenzahlen“ – das seien Bedingungen, bei denen sich Infekte schnell verbreiteten. Insbesondere, wenn man – zum Beispiel in Schulen – nicht auf Infektionsschutz-Maßnahmen wie häufiges Händewaschen, Abstand halten sowie freiwilliges Maskentragen achte.

Markus Rose vom Olgahospital sieht einen weiteren Grund für die hohen Fallzahlen bei Kindern auch in einem „Nachholeffekt der Corona-Pandemie“. Währenddessen hätten die Hygienemaßnahmen zwar die Sars-CoV-2-Ausbreitung eingedämmt, aber auch das normale Immuntraining gegen andere Erreger von Atemwegsinfektionen verhindert. „So treffen die jedes Jahr neu entstehenden Grippeviren auf empfängliche Menschen“, sagt Rose.

Hat es einen dann doch erwischt, profitieren Patienten aller Altersklassen von Ruhe und Schonung, genug Flüssigkeit (etwa Tee mit Honig, was auch hustenlindernd wirkt) und bei Gliederschmerzen von Paracetamol oder Ibuprofen.