Anja Giersberg bloggt unter dem Namen „Zuckerfrei Naschen“ und will Menschen helfen, ihre Ernährung dahingehend umzustellen. Foto: Die Hoffotografen GmbH

Kuchen, Plätzchen und Pralinen haben oft eins gemeinsam: Zucker. Allerdings braucht es den überhaupt nicht , wie Anja Giersberg auf ihrem Blog und Instagram-Kanal „Zuckerfrei Naschen“ zeigt. Sie lebt seit Jahren ohne. Zuerst unfreiwillig, jetzt aus voller Überzeugung.

Stuttgart - Quälende Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Gereiztheit, schlechte Laune, so beschreibt Anja Giersberg ihren kalten Entzug. Was sie schildert, ist nicht etwa die Reaktion ihres Körpers auf den Verzicht von Tabak, Alkohol oder Cannabis, sondern von Zucker. Solchem, der in fast jedem verarbeiteten Lebensmittel steckt. Und: den sie als Konditorin in Torten, Soufflés und Co. verarbeitete und naschte – bis er sie krank machte. Von einem Tag auf den anderen war er also tabu.

 

Der Anfang vom Ende? Eher der Beginn von etwas Neuem. Die 36-Jährige, die in der Nähe von Potsdam wohnt, startete 2019 nämlich ihren Internetblog „Zuckerfrei Naschen“, der zugehörige Instagram-Account folgte. Dort hat sie fast 400 000 Abonnenten. Der Name ist Programm. Die gelernte Konditormeisterin, die ihren Beruf als größte Passion bezeichnet, hat sich angepasst. Ob Zupfkuchen, Weihnachtsstollen oder Kekse: bei ihr findet man Rezepte, die das (süße) Herz höherschlagen lassen – ganz ohne raffinierten, sprich typischen Haushaltszucker. Die Influencerin zeigt: Ein Leben geht auch ohne. Backen kann man etwa mit Austauschstoffen wie Erythrit sowie der Süße aus Trockenfrüchten. Man muss nur wissen, wie.

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Naschen und Konditorei-Handwerk als Leidenschaft

Sie lebt seit 2017 so und verzichtet außerdem auf verarbeitete Lebensmittel, denen Zucker zugesetzt wird. Natürlichen Fruchtzucker, wie er etwa in Obst vorkommt, isst sie in Maßen. Das war nicht immer so. „Ich war ein richtiger Zuckerjunkie und Naschen meine Leidenschaft“, erzählt sie. Schon als Kind habe sie sich fürs Backen interessiert.

Nach dem Abitur zog sie nach Paris, wo sie sich in die französische Pâtisserie verliebte. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Konditorin und arbeitete in der gehobenen Gastronomie und in Pâtisserien im In- und Ausland. Mit allem, was dazu gehört: unregelmäßige Arbeitszeiten, schlechte Ernährung, kaum Pausen, viel Stress. „Ich habe viel gearbeitet, mich nur von Fertiggerichten ernährt und hatte totale Heißhungerattacken“, erzählt Anja Giersberg heute.

Hoher Zuckerkonsum macht sich im Darm bemerkbar

Der enorme Leistungsdruck, Stress und der hohe Zuckerkonsum haben sich dann eines Tages gerächt. Letztlich habe dies alles zusammen vermutlich ihren Körper geschädigt. Sie litt unter starken Magen-Darm-Beschwerden, ständiger Erschöpfung und bekam einen Hautausschlag. Die Therapie, die ihr daraufhin empfohlen wurde: radikaler Verzicht auf Zucker.

Für sie damals die allerschlimmste Nachricht, sagt die 36-Jährige. Dazu kamen Existenzängste. Denn, wie sollte sie in einem Beruf arbeiten, in dem es so wichtig ist, süße Speisen abzuschmecken?

Der Weg zur zuckerfreien Selbstständigkeit

Sie wechselte zunächst in eine Großkonditorei, leitete dort ein Team, hatte geregelte Arbeitszeiten. Gleichzeitig stellte sie ihr Essverhalten um und begann sich mit zuckerfreier Ernährung zu beschäftigen. Daraus entstanden ihr Blog und der Instagram-Kanal. Im letzten Jahr wagte sie als Expertin für zuckerfreie Ernährung den Schritt in die Selbstständigkeit. „Rückblickend war das blauäugig“, sagt sie.

Aber es hat funktioniert. Backbuch, Workshops und ein Online-Kurs, in dem sie andere auf dem Weg in die Zuckerfreiheit unterstützt, sprechen dafür. Außerdem macht sie eine Weiterbildung zur Ernährungsberaterin.

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Aber warum soll all das erstrebenswert sein? Zucker per se ist nicht schlecht, Art und Menge sind entscheidend. Vor allem Haushaltszucker und solcher, der sich in industriell gefertigten Produkten versteckt, sind ein Problem. Er hat viele Kalorien, keine Nährstoffe und kann etwa Typ-2-Diabetes, eine geschädigte Darmflora, Karies und Übergewicht verursachen. Und: Wir essen zu viel davon, oft ohne es zu wissen. Denn Zucker hat mehr als 60 Namen und wird den meisten verarbeiteten Produkten unter Begriffen wie Dextrose, Gerstenmalz oder Honig zugesetzt. Von solchem „freien Zucker“ empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation täglich maximal 25 Gramm, der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande liegt bei rund 90. Kein Wunder, wenn zum Beispiel eine 450- Gramm-Packung Krautsalat rund 45 Gramm Zucker, sprich 15 Würfelzucker enthält. Ähnliche Überraschungen gibt es etwa bei Fertigsoßen oder Instant Cappuccinopulver, das mehr Zucker enthält als Softdrinks.

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Unter anderem deswegen will die Konditorin aufklären und helfen, dass Menschen ein Bewusstsein für das Thema entwickeln. Sie gibt Tipps gegen Heißhunger und zum Einkaufen, spricht über Vor- und Nachteile von Zuckeraustaustauschstoffen wie Erythrit, Maltit oder Xylit und vermeintlich gesündere Alternativen wie Honig und Agavendicksaft. Klar auch: sie will zeigen, dass naschen zuckerfrei geht. Bounty, Raffaello und Co., sind möglich – auch vegan, low carb oder glutenfrei. Das wünschen sich ihre Abonnenten oft, sagt sie.

Was die Zuckerfrei Expertin anspornt

Ihr Umfeld akzeptiert die Ernährung. Wenn nicht, wäre das auch egal, schließlich mache sie das für sich selbst, so die 36-Jährige. „Wenn ich Nein zu einem Stück Kuchen voller Zucker sage, ist das ein Ja für meine Gesundheit“, davon ist sie überzeugt.

Und das ist es auch, was sie anspornt: andere auf dem Weg in ein gesünderes, zuckerfreies Leben unterstützen. Menschen helfen, denen es ging wie ihr, für die Zucker plötzlich tabu sein sollte. Zuspruch bekommt sie von ihren Abonnenten, deren Erfolge und Nachrichten seien wertvoller, als das Geld, das sie verdiene, so die Influencerin.

Für sie hat sich der Entzug und der neue Beruf also gelohnt. Ob sie den aus freien Stücken geschafft hätte, bezweifelt sie und zieht den Hut vor jedem, der das tut.

Welcher Zucker ist ungesund?

Arten

Wer von Zucker spricht, meint oft Haushaltszucker (Saccharose). Es gibt aber auch andere Arten wie Glucose (Traubenzucker), Fructose (Fruchtzucker), Lactose (Milchzucker) oder Maltose (Malzzucker). Alle zählen zu den Kohlenhydraten, sind ähnlich aufgebaut und Einfach- beziehungsweise Zweifachzucker, geben dem Körper also rasch Energie und lassen den Blutzuckerspiegel steigen.

Alternativen

Auch vermeintlich gesündere Alternativen wie Ahornsirup und Co. bestehen überwiegend aus Zucker und unterscheiden sich etwa beim Kaloriengehalt nicht groß von Haushaltszucker.

Austauschstoffe

 Zuckeralkohole wie Erythrit haben weniger Kalorien als Glucose und werden aus Früchten oder Gemüse gewonnen. Erythrit wird als gesundheitlich unbedenklich eingestuft. Die Kohlenhydrate eignen sich für Diabetiker, da sie keinen bis wenig Einfluss auf den Blutzuckerspiegel haben.