Der evangelische Landesbischof in Württemberg, Frank Otfried July, will am ersten Weihnachtsfeiertag einen Präsenzgottesdienst in Stuttgart feiern. Foto: picture alliance/dpa/Christoph Schmidt

Kurz vor Weihnachten hat die Debatte um die Zulässigkeit von Präsenzgottesdiensten in der Corona-Pandemie noch einmal Fahrt aufgenommen. Die Absagen häufen sich.

Stuttgart - Unmittelbar vor den Feiertagen heizen die Infektionszahlen der Pandemie die Debatte um die Corona-Ansteckungsgefahr bei Weihnachtsgottesdiensten an. In Deutschland sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) innerhalb eines Tages bei 24 740 Neuinfektionen 962 Menschen an oder mit dem Coronavirus gestorben – der höchste Wert seit Beginn der Pandemie. Die Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst, Ute Teichert, appellierte deswegen an die Politik, Präsenzgottesdienste an den Feiertagen zu verbieten, um kein zusätzliches Risiko einzugehen.

Uwe Janssens, der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), sagte: „Wir würden uns wünschen, dass die Menschen sich dieses Jahr auf sich selber zurückbesinnen, ein ganz ruhiges Weihnachtsfest im aller-, allerengsten Familienkreis feiern.“ Er prophezeite, dass dies „ein sehr hartes Weihnachtsfest wird, auch für die Pflegekräfte“.

Allgemeinwohl im Widerspruch zum Seelenheil?

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, will hingegen keine „generelle Absageempfehlung“ an die Gemeinden richten. Er wies dabei auf „extrem strenge Hygienekonzepte in den Gottesdiensten“ hin, an die sich streng gehalten werde. Zwar seien Gottesdienstübertragungen im Internet und im Fernsehen eine Alternative, aber es gebe auch einsame Menschen, die einen Gottesdienst vor Ort benötigten, um gemeinsam mit anderen Menschen zu feiern.

Vielerorts haben evangelische und katholische Gemeinden Präsenzgottesdienste zu Weihnachten abgesagt, ein staatliches Gottesdienstverbot gibt es jedoch in keinem der 16 Bundesländer.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mahnte eine weitestgehende Kontaktbeschränkung an. „Wir entscheiden jetzt über Weihnachten, wie es anschließend auf den Intensivstationen weitergeht.“ Die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karin Maag, sagte im SWR, sie würde ein Gottesdienstverbot unterstützen. Und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte am Mittwoch: „Vor uns liegen die zehn härtesten Wochen der Pandemie.“ Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur ergab, dass jeder zweite Bundesbürger angesichts der Infektionszahlen für ein Verbot der Weihnachtsgottesdienste eintritt.

Kretschmann wirbt um Verständnis für die Öffnungen

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) warb um Verständnis für die umstrittene Öffnung der Kirchen zu Weihnachten. Für Gläubige sei das Fest etwas Anderes als für Nicht-Gläubige. „Es geht um existenzielle Fragen für die Menschen, die in den Gottesdienst gehen“, sagte Kretschmann. Rechtlich ständen Sonn- und Feiertage als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. „Daher werbe ich dafür, offene Kirchen in dieser Zeit zu tolerieren, ähnlich wie bei Demonstrationen.“

Allerdings wächst täglich die Zahl der Kirchengemeinden, die auf ihre Präsenzveranstaltungen an Heiligabend verzichten. „Schweren Herzens“ sage man wegen weiter steigender Infektionszahlen alle öffentlichen Gottesdienste ab, teilte der Kirchengemeinderat der evangelischen Stiftskirche in Tübingen am Mittwoch mit. Die Karlsruher Stadtkirchen-Gemeinde, bei der am Ersten Weihnachtsfeiertag der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh predigen sollte, sagte alle öffentlichen Gottesdienste bis zum 10. Januar ab. In Villingen, wo seit Wochen hohe Inzidenzzahlen herrschen, sprach sich der katholische Pfarrgemeinderat am Dienstagabend ebenfalls mehrheitlich für einen Verzicht aus. Während die beiden evangelischen Landeskirchen und das Bistum Rottenburg in der vergangenen Woche Präsenzveranstaltungen in Hotspot-Regionen untersagten, gibt es vom Freiburger Erzbistum bisher keine solche Vorgabe.

Derweil sollen die Gottesdienste in der Stuttgarter Stiftskirche und in St. Eberhard unter strengen Hygienevorkehrungen stattfinden. Ernst-Wilhelm Gohl, Dekan am Ulmer Münster, kündigte an, alle Gottesdienste abzuhalten, so lange sie erlaubt seien. „Die Politik trägt die Verantwortung.“ Vor allem für Alleinstehende Menschen, die die Einsamkeit an diesem Abend besonders spürten, sei das Angebot wichtig. Alle Gottesdienste seien ausgebucht. Die evangelische Kirche steuert mit einem Online-Ticketsystem den Zustrom. Im Ulmer Münster mit seinen 2700 Plätzen sind pro Gottesdienst nur 300 Besucher zugelassen.

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