Die Corona-Fallzahlen steigen langsam wieder an. Wir haben uns in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft umgehört, ob sich Corona auf ihren Alltag auswirkt und sehr unterschiedliche Antworten erhalten.
Das Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg rückt näher. Wie letztes Jahr stellt man sich wieder in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft die Frage, ob das Thema Corona in den Alltag zurückkehren wird. Professor Mark Dominik Alscher, den Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK) treibt das Thema aktuell wieder um. Eine steigende Zahl von Menschen mit Covid-Infektion mache sich im Alltag des Krankenhauses bemerkbar. Er glaubt, dass viele von denjenigen, die aus dem Urlaub zurückkehren werden, auch bis in den Herbst hinein für eine Zunahme der Corona-Infektionen sorgen würden.
Aktuell teste man in seinem Krankenhaus auf Verdacht – wenn jemand Symptome zeige. Einige der festgestellten Infizierten seien daher nicht primär wegen Corona im Krankenhaus. Die tatsächliche Infektionslage lasse sich also nicht messen. Dennoch sei in der letzte Woche die Zahl der Infizierten wiederrasant angestiegen. „Wir haben aktuell 38 stationäre Patienten mit einer Covid-Infektion“, sagt Alscher. Auch ihre Intensivstationen seien ausgelastet – unter ihnen gibt es Stand Donnerstag einen Covid-Patienten. Von ihren 44 Intensivbetten seien aktuell sieben gesperrt, weil Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfallen würden. Der Engpass bei den Mitarbeitern ergebe sich ebenfalls wegen Corona. Der RBK-Chef geht zudem von einer Dunkelziffer von Mitarbeitern aus, die Corona haben, aber nicht getestet sind, weil sie keinen Zugang mehr zu den Tests haben, die zudem nicht mehr kostenlos angeboten werden.
Diakonie und Rettungsdienst stellen wenige Coronafälle fest
Im Diakonie-Klinikum Stuttgart sieht die Lage wiederum ganz anders aus. Dort sei die Lage ruhig und ein signifikanter Anstieg der Infizierten mache sich weder bei Patienten noch beim Personal bemerkbar. „Die Entwicklungen zum Herbst beobachten wir sorgfältig“, Unternehmenssprecherin Catharina Rieger. Man bereite sich darauf vor, den Schutz gegen Covid-19 während der bevorstehenden Herbst- und Wintersaison aufrechtzuerhalten.
Bei den Rettungsdiensten in der Stuttgarter Region heißt es, es zeichneten sich in einigen Gebieten deutliche Anstiege der Corona-Einsätze ab. Ein einheitliches Bild gebe es aber noch genauso wenig wie konkrete Zahlen. „Man muss feststellen: Die Corona-Pandemie wurde von staatlicher Seite im April für beendet erklärt, es gibt keine Test- oder Isolationspflicht mehr“, sagt eine Sprecherin des Stuttgarter Kreisverbandes des Deutschen Roten Kreuzes.
In Kitas mache sich steigende Coronazahlen sofort bemerkbar
Auch Anja Braekow beschäftigt das Thema Corona wieder. Die 48-Jährige ist Erzieherin, leitet ihre eigene Kita an der Schweizer Grenze und ist Vorsitzende des Verbands Kitafachkräfte Baden-Württemberg. Sie fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen. „Wenn die Eltern mit Corona-Infektion sogar auf der Arbeit erscheinen dürfen, dann gehen wir davon aus, dass auch einige kranke Kinder in den Kitas abgeliefert werden“ sagt sie. Sie hat für ihre Kita eingeführt, dass Eltern schriftlich zusichern, dass sie nicht wissentlich in Kontakt mit Corona-Infizierten gestanden hätten.
„Wir sehen ein Problem darin, dass die Möglichkeiten sich zu testen geringer geworden sind“, sagt sie . Ohne Corona-Bestimmungen seien die Kita-Fachkräfte dem Infektionsgeschehen ausgeliefert. Ein Anstieg der Corona-Infektionen mache sich wegen des Fachkräftemangels sofort in ihren Alltagen bemerkbar. „Manche Kitas müssen aktuell wieder Eltern, die einen festen Kitaplatz hatten, zurückschicken, weil sie einfach keinen Platz mehr haben“, sagt Braekow. Mitarbeiter würden wieder vermehrt krankheitsbedingt ausfallen. Sie stellt sich daher auf einen harten Herbst ein.
Keinen Einfluss aus Reisen
In der Reisebranche wiederum zeige sich aktuell noch keinerlei Veränderung. „Uns sind zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Auswirkungen auf das Reisegeschehen in Baden-Württemberg bekannt“, sagt Martin Knauer von Tourismus BW. Der Tourismus in Baden-Württemberg habe sich im ersten Halbjahr 2023 deutlich erholt und zumindest bei der Zahl der Übernachtungen wieder das Niveau des Vorkrisenjahres 2019 erreicht. Das bestätigt auch Kerstin Heinen vom Deutschen Reiseverband. „Die Buchungsentwicklung für den Sommer insgesamt ist sehr gut: Im Vergleich zu 2019 verzeichnet die Reisewirtschaft schon jetzt ein Umsatzplus von mehr als drei Prozent für die Sommersaison“, sagt sie. Die Deutschen wollen demnach wieder vermehrt reisen und Corona spiele aktuell für sie keine Rolle. Wie groß der Einfluss der Reiserückkehrer auf das Infektionsgeschehen sein wird, wird sich in den nächsten Wochen erst noch zeigen. In den letzten Coronajahren war ihr Einfluss jedenfalls groß.