In Japan werden derzeit Rekordwerte von Streptokokken-Infektionen erreicht. Die kritische Lage könnte mit einem geschwächten Immunsystem der Menschen zusammenhängen.
Japan hat gerade ein Déjà-vu: „Fälle des ‚fleischfressenden Bakteriums‘ erreichen Rekordhöhen“, titelte die Nachrichtenagentur Kyodo in einer Meldung Mitte Juni. Eine Woche später folgte die Tageszeitung „Asahi Shimbun“ mit: „Die Zahl der Patienten mit ernsten Symptomen des Streptokokken-induzierten toxischen Schock-Syndroms (STSS) hat seit Januar 1000 überstiegen.“ Begleitet sind Artikel zum Thema häufig von mikroskopischen Abbildungen des Bakteriums.
Auf den ersten Blick könnte man denken, es sei eine neue Auflage der Coronapandemie, die zwischen 2020 und 2022 die Welt auf den Kopf stellte. Die nun vermeldete Krankheit ist sogar deutlich tödlicher: Starben in der Coronapandemie je nach Land zwischen einem und fünf Prozent der Infizierten, wird bei STSS eine Sterblichkeit von 30 Prozent berichtet. Beunruhigend ist zudem der Hinweis, dass die Gründe für den Ausbruch noch unbekannt sind.
Ist es ein Zufall, dass es Japan trifft?
Die Fallzahl in Japan ist nun auffallend hoch. Schon in der ersten Jahreshälfte 2024 sind mehr Infektionen verzeichnet worden als zuvor in ganzen Kalenderjahren. Gegenüber der Zeitung „Japan Times“ sagte Ken Kikuchi, Professor für Infektiologie an der Women’s Medical University in Tokio, dass es in diesem Jahr bis zu 2500 Infektionen geben könnte, von denen dann rund 30 Prozent sterben würden. Unter den tödlichen Fällen sind laut dem Nationalen Institut für Infektionskrankheiten meist ältere Personen über 50 Jahre.
„Die Fälle steigen, und dies führt wohl auch zu einer höheren Zahl ernsterer Fälle“, erklärte ein Offizieller des japanischen Gesundheitsministeriums zuletzt gegenüber der Presse. Das Ministerium ruft die Bevölkerung nun dazu auf, die allseits bekannten Hygieneregeln besonders zu beachten: Händewaschen, Gesichtsmasken tragen, Verletzungen auf der Haut möglichst rein halten. Nur warum kommt der Ausbruch gerade jetzt, und warum in Japan? Darüber werden bisher nur Vermutungen angestellt.
Gegenüber der deutschen Apothekenrundschau erklärte vor Kurzem Siegbert Rieg, Leiter der Abteilung Infektiologie am Universitätsklinikum Freiburg: „Wahrscheinlich ist es so, dass unser Immunsystem sich durch die Covid-Pandemie und Social Distancing, Masken und verstärkte Hygiene-Maßnahmen über die vergangenen drei, vier Jahre weniger mit Streptokokken auseinandersetzen musste und deshalb etwas anfälliger ist.“
Für diese These spricht, dass die Menschen in Japan die Hygieneregeln in der Coronapandemie stärker beachtet haben als in den meisten anderen Ländern. Das Maskentragen hat im ostasiatischen Land seit der Spanischen Grippe vor gut 100 Jahren Tradition. Man setzt sie auf, sobald man eine Erkältung erleidet, um auf diese Weise die Mitmenschen zu schützen.
In Sachen Desinfizierung ist Japan Vorbild
Anders als in einigen westlichen Ländern kostete es die japanische Gesellschaft keine Überwindung, Masken im Alltag zu tragen. Auch als der Pandemiestatus aufgehoben wurde, blieben viele Menschen noch über Monate lieber vorsichtig und hielten an ihren Masken fest. Auch was Desinfizieren von Händen und Wunden angeht, ist Japan weltweit Vorbild. In öffentlichen Gebäuden steht praktisch immer am Eingang ein Spender mit Desinfektionsmittel.
Nun geht wieder Nervosität um, und dies nicht nur in Japan, sondern auch dort, wo man eine Reise ins Land plant. Seit Japan seine über Jahre geschlossenen Grenzen nach der Pandemie wieder geöffnet hat, boomt nämlich der Tourismus und erreicht Rekordwerte. So veröffentlichte das US-amerikanische Debattenmagazin „The Conversation“ Ende Juni einen Artikel mit der Überschrift: „Streptokokken-induziertes toxisches Schock-Syndrom: Sollte ich besorgt sein, wenn ich nach Japan reise?“
Der von drei Medizinerinnen verfasste Text weist darauf hin, dass die bisherigen Berichte womöglich nicht akkurat seien, da noch Analysen fehlen, die in akademischen Journalen veröffentlicht worden wären. Zudem wird darauf hingewiesen, dass seit 2022 auch andere Länder – etwa Australien, die USA und mehrere EU-Staaten – eine Zunahme von Fällen rund um A-Streptokokken erlebten. Auch wird erwähnt, dass die hohen Fallzahlen mit einem geschwächten Immunsystem der Menschen zu tun haben könnten.
Seine Reise nach Japan müsse man aber nicht absagen: „STSS ist eine seltene, aber ernste Komplikation von A-Streptokokken-Infektionen, die Menschen überall begegnen kann. Sofern Sie nicht allein auf dem Nordpol wandern, sind Sie einem sehr ähnlichen (und sehr geringen) Risiko ausgesetzt, sich eine ernste Infektion einzufangen.“ Eine saisonale Grippeimpfung aber könne helfen, das Risiko zu reduzieren.