Mit dem Bau des Spinnerei-Hochbaus wurde 1889 begonnen, heute ist das Gebäude ein Kulturdenkmal. Foto: Kerstin Dannath

Betreten ist verboten – doch daran halten sich viele nicht. Neben Kupferdieben und Randalierern zieht das Otto-Quartier in Wendlingen neuerdings auch immer mehr Lost-Place-Jäger an. Offenbar hat das Feuer im Dezember Aufmerksamkeit erregt.

Irgendwann ist die alte Werksuhr auf sieben Minuten nach vier stehen geblieben, ein rot-weißes Absperrband der Polizei flattert im Wind. Hinter einem Bauzaun liegt ein aufgeplatzter Müllsack, kein Mensch weit und breit. Eigentlich sollte sich das Otto-Quartier in Wendlingen längst mitten in seiner Metamorphose zu einem modernen Stadtteil für Wohnen und Arbeiten befinden, doch das historische Industrieareal befindet sich weiter im Dornröschenschlaf – und ist wohl dank seines morbiden Charmes inzwischen zu einem Hotspot für Lost-Place-Jäger mutiert.

 

Das behauptet zumindest der Autor einer E-Mail, die die Redaktion jüngst erreichte. Seinen Namen will der Mann indes nicht in der Zeitung lesen. Er dokumentiere die Missstände seit Ende Januar, führt der Mann aus. Kabeldiebe hätte eine „Goldgrube“ gefunden, gefährliche Stoffe wie Asbest lägen frei herum und die teils unter Denkmalschutz stehenden Gebäude wie etwa das Maschinenhaus mit der Dampfturbine von Siegmund Bergmann von 1910 seien Vandalismus, Diebstählen und Bränden ausgesetzt.

Hinweise auf Brandstiftung

Verstärkt in den Fokus gerückt ist das Areal seit dem Großbrand am Abend vor Weihnachten 2024 – rund 200 Einsatzkräfte waren im Einsatz, als in einem ehemaligen Ausrüstungs- und Färbereigebäude von 1925 ein Feuer ausbrach. Das Gebäude steht im Gegensatz zu vielen anderen auf dem Areal nicht unter Denkmalschutz, die Feuerwehr konnte damals verhindern, dass sich die Flammen weiter ausbreiteten. Die Ermittlungen zur Brandursache dauern laut Polizei weiter an. „Wir gehen Hinweisen zum Verdacht der Brandstiftung nach“, teilt Michael Schaal von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Reutlingen mit. Derzeit bestehe ein entsprechender Tatverdacht gegen mehrere Minderjährige, die an der Brandentstehung beteiligt gewesen sein sollen.

Fälle von unbefugtem Betreten habe es aber auch schon vor dem Großbrand gegeben, so Schaal weiter. Ebenso Sachbeschädigungen und Diebstähle: „Bei den Sachbeschädigungen handelte es sich größtenteils um eingeworfene Fensterscheiben oder gewaltsam geöffnete Türen.“ Allerdings hätte die Zahl der heimlichen Besucher seit dem Brand zugenommen. Schaal vermutet, dass sich seit dem Brand Zeugen schneller bei der Polizei melden, wenn sie Personen auf dem Areal bemerken: „Durch den Brand ist das Areal mehr in die Öffentlichkeit gerückt, dass es als Lost Place beworben wird, kann ebenfalls dazu beigetragen haben.“

Überwachung ist schwierig

Auf einschlägigen Portalen im Netz finden sich tatsächlich Bilder vom Otto-Quartier. Auf einem davon ist eine vermummte Person zu sehen, die im Innenraum eines der Gebäude eine rostige Leiter hochklettert. Solche Fotos seien widerrechtlich erstellt, sagt Eva Mommsen, die Leiterin Kommunikation bei der CG Group, der das Areal größtenteils gehört. „Als Grundstückseigentümer haben wir die Erstellung dieser Fotos nicht genehmigt und untersagen eine Veröffentlichung.“ Sie betont aber auch, unbefugtes Betreten, Diebstahl und Vandalismus seien auf dem rund zehn Hektar großen Gelände kaum zu verhindern. Die CG stehe mit Polizei und der Stadt in Kontakt, um Maßnahmen, die die Sicherheit erhöhen, abzustimmen. In Sachen Verkehrssicherung käme die CG ihrer Pflicht aber vollumfänglich nach: „Wir erneuern regelmäßig die Bauzäune und sorgen für eine tägliche Überwachung und Kontrolle durch eine Bauüberwachung.“

Dem für den Denkmalschutz zuständigen Amt für Bauen und Naturschutz des Landkreises ist die Sachlage bekannt. „Bei einer Ortsbegehung nach dem Brand wurde festgestellt, dass es auf dem Gelände zu Vandalismus kommt und insbesondere Anlagen- und Gebäudeteile beschädigt werden. Festgestellt wurden Schäden wie eingeworfene Glasscheiben, Schmierereien und Verunreinigungen“, bestätigt Pressesprecherin Andrea Wangner vom Landratsamt Esslingen auf Anfrage. Im Anschluss an die Begehung wurden Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation wie etwa eine Videoüberwachung abgestimmt. Zudem sollten abgrenzbare Bereiche wie die Turbinenhäuser verschlossen werden. „Doch aufgrund der Größe und Unübersichtlichkeit des Areals ist es schwierig, alle Bereiche flächendeckend vor Vandalismus zu schützen“, gibt Wagner zu.

Mit Schlössern gesichert

Auch die Stadt macht sich Sorgen – und sieht dringenden Handlungsbedarf, was die Grundstückssicherung angeht. „Hier steht prioritär der Schutz von Leib und Leben im Vordergrund und natürlich auch der Erhalt des Industriedenkmals“, sagt Wendlingens Erster Beigeordneter Markus Lämmle. Die CG habe den Revierdienst seit Anfang des Jahres deutlich intensiviert, die Türen der Gebäude seien inzwischen verschlossen und die noch zugänglichen Öffnung beziehungsweise Zaunabschnitte zusätzlich mit Schlössern gesichert: „Jedoch wurde uns seitens der CG mitgeteilt, dass die Öffnungen immer wieder gewaltsam geöffnet werden.“ Laut Lämmle hat der Revierdienst erst vor kurzem mehrere Personen an einer unbefugten Betretung gehindert, diese Personen seien auch angezeigt worden. „Leider ist jedoch eine hundertprozentige Sicherung des Geländes auch aus Sicht der Stadtverwaltung nicht möglich“, bedauert Lämmle.

Zumindest die Denkmalschützer erhoffen sich Besserung, wenn die Bauarbeiten erst mal begonnen haben: „Es wird davon ausgegangen, dass mit dem Beginn der Bauarbeiten auf dem Gelände auch das unbefugte Betreten der Bereiche deutlich reduziert wird“, sagt Landkreis-Sprecherin Wangner.

Bürger sind ungeduldig

Das kann sich indes noch ziehen – der Investor CG Elementum hält sich bezüglich eines konkreten Starttermins bedeckt. „Unsere Planungen für das Otto-Quartier bleiben unverändert“, sagt CG-Sprecherin Mommsen. Man habe natürlich vollstes Verständnis, dass die Bürger dort bald eine Veränderung sehen wollen: „Das dauert aber bei einem Projekt dieser Größenordnung leider seine Zeit. Die Bauanträge für die Bestandsgebäude sind eingereicht und wir hoffen auf eine zeitnahe Bewilligung.“

Unbefugtes Betreten ist verboten

Das Areal
Die ersten Bauten auf dem Werksgelände der Heinrich Otto & Söhne (HOS) in Wendlingen entstanden ab 1886 und wurden im Laufe der Jahrzehnte schrittweise erweitert. Die gesamte Anlage gehört zu den wenigen Textilwerken in Süddeutschland aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die sich noch im Originalzustand befinden.

Zutrittsverbot
Die Polizei rät dringend davon ab, leerstehende historische Gebäude zu betreten. „Oftmals besteht in baufälligen älteren Gebäuden erhöhte Verletzungsgefahr“, warnt Michael Schaal von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Reutlingen. Zudem stellt schon das Betreten eines solchen Areals ein Vergehen nach § 123 Strafgesetzbuch Hausfriedensbruch dar und kann mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe geahndet werden.

Entwicklung
Mehr als zehn Jahre hat die Stadt Wendlingen zunächst mit der HOS-Gruppe, später mit dem neuen Eigentümer CG Elementum über die Zukunft des Otto-Quartiers verhandelt. Im Februar 2022 wurde der städtebauliche Rahmenvertrag zwischen Stadt, HOS und CG beurkundet. Damals hatte ein CG-Sprecher einen Baustart für Frühjahr 2023 angekündigt. Die Stadt verabschiedete den Bebauungsplan für das Quartier im Juni 2022. Bis auf diverse Revitalisierungsmaßnahmen hat sich dort indes bis heute nicht viel getan.