Festo ist im Kreis Esslingen Arbeitgeber von 5540 Menschen. Der Vorstandsvorsitzende Thomas Böck verteidigt er den Standort und die Produktion in Deutschland.
Mit Produkten der Firma Festo kommen Endverbraucher nicht direkt in Berührung. Und dennoch ist sie wohl den meisten Menschen im Kreis Esslingen ein Begriff als einer der größten lokalen Industriearbeitgeber. Dieses Jahr feiert er sein 100-jähriges Bestehen. Im Gegensatz zu anderen Branchengrößen baut das Unternehmen keine Stellen ab, sondern sucht auch in Deutschland in bestimmten Bereichen noch Experten für sein Team. Und Festo hält am Standort Esslingen fest. Warum, darüber spricht der Vorstandsvorsitzende Thomas Böck.
Herr Böck, Sie sind seit etwas mehr als einem Jahr Chef eines 100 Jahre alten Unternehmens. Welche Eindrücke aus dieser Zeit sind besonders einprägsam?
Ziemlich am Anfang meiner Zeit hier bin ich mit Mitgliedern der Gesellschafterfamilie durch die Kantine gelaufen. Sie haben wirklich jeden begrüßt und immer in strahlende Gesichter geblickt. Daran erkennt man, dass Festo ein 100 Jahre altes Familienunternehmen ist. Das macht etwas mit den Menschen.
Was hat derzeit größere Auswirkungen auf Festo? Trumps Wirtschaftspolitik oder die nun abgeschlossene Regierungsbildung in Berlin?
Das ist nicht leicht zu beantworten. Ich würde mir wünschen, dass die jetzt im Amt befindliche Bundesregierung schnell wirtschaftspolitische Weichen stellt. Das ist für Festo – denn Deutschland ist einer unserer größten Märkte – im Moment das Wichtigste. Trump ist deswegen aber nicht unwichtig, weil wir merken, dass die Auswirkungen seiner Zollpolitik nahezu alle Märkte unserer Kunden beeinflussen.
Vor ein paar Wochen hat der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) seine Prognose für 2025 veröffentlicht, der zufolge die Automatisierungsbranche mit sinkenden Umsätzen rechnet. Wie ist das bei Festo?
Wir gehen schon von einem soliden Jahr aus. Allerdings muss man sagen, dass es im Moment eher nach einer Seitwärtsbewegung aussieht. Aber auch das ist in der aktuellen Situation ja schon eine bemerkenswerte Stabilität.
Wie sind derzeit die Festo-Fabriken ausgelastet?
Okay. Wir verdienen gutes Geld, aber euphorisch sind wir im Moment nicht.
In den vergangenen Wochen haben weitere Arbeitgeber Stellenkürzungen angekündigt, unter anderem Siemens in der Automatisierungssparte. Wie sicher sind die Festo-Arbeitsplätze?
Die sind weiterhin sicher. Wir planen nicht mit Stellenabbau, wir stellen auch weiterhin in bestimmten Bereichen ein, und das hebt uns von der Masse im Moment ab. Trotzdem müssen wir vorsichtig agieren. Also wir investieren in die Zukunft, das auch langfristig, aber auf einer gesicherten Basis.
Mit wie vielen Mitarbeitenden rechnen Sie in Zukunft im Kreis Esslingen?
Es ist schon so, dass wir eher die höher spezialisierten Tätigkeiten hier vorfinden werden. Gerade das Thema Innovation treibt uns an den deutschen Standorten um. Das Thema Exzellenz, was die Produktion angeht, aber auch die Produktentwicklung. Das wird weiterhin den Standort auszeichnen. Andere Dinge, die vielleicht nur auf Kostenreduzierung getrieben werden, werden eher in anderen Bereichen der Welt gefertigt werden.
Perspektiven für entlassene Industriemitarbeiter
Welche Perspektiven haben Mitarbeitende aus der Industrie, die jetzt ihren Arbeitsplatz verlieren? Würden Sie ein paar Balluff- oder Siemens-Mitarbeitende einstellen?
Es kommt auf die Qualifikation an. Wir haben zum Beispiel im Bereich Softwareentwicklung oder bei Elektroingenieuren offene Stellen und wir sehen natürlich, dass Mitarbeitende aus Industrieunternehmen, die Stellen abbauen, jetzt nach neuen Aufgaben suchen. Dadurch hat Festo schon sehr gute Mitarbeiter gewinnen können, das stärkt uns im Moment.
Haben Sie neue Märkte im Blick?
Festo wird weiter international wachsen. Es wird nicht alles aus Deutschland heraus passieren können, weil durch die Geopolitik eher der lokale Ansatz gefördert wird. Also in China wird für China produziert, in Amerika für Amerika. Gleiches gilt eben aber auch für Deutschland und Europa. Wir können in Europa nicht nur mit Zulieferungen von China bestehen, sondern wir werden hier produzieren müssen. Aber wir müssen das zu wettbewerbsfähigen Konditionen machen. In puncto neue Geschäftsfelder interessieren uns Wasserstoff, die Halbleiterindustrie sowie im Bereich E-Mobility der Batteriemarkt. Auch die automatisierte Biologisierung ist für uns relevant. Und durch die große Transformation, die in der Gesellschaft passiert, gibt es künftig noch viel mehr Betätigungsfelder für Festo Didactic. Das heißt, wir wollen mit unseren Lern- und Ausbildungsprogrammen eine sich ändernde Belegschaft bei unseren Kunden und in den berufsbildenden Schulen qualifizieren.
Festo hält an Esslingen fest
Es wurde in den vergangenen Monaten wieder viel geschimpft über Deutschland als Wirtschaftsstandort. Wieso ist denn Festo noch im Kreis Esslingen?
Weil wir hier gut ausgebildete Leute finden und weil wir ein Netzwerk haben zwischen Hochschulen, berufsbildenden Schulen und uns als Unternehmen. Die Nähe zur Ausbildung, zur Wissenschaft ist uns wichtig. Und dann ist da das Netzwerk mit unseren Kunden, da ist der Stuttgarter Raum natürlich herausragend aufgestellt, von der Autoindustrie über weitere Verarbeitungsindustrie bis zum Maschinenbau. Aber es geht am Standort Deutschland nach wie vor auch um das Thema Innovation. Das ist ein hohes Gut und nicht einfach gegeben. Daran müssen Politik und Industrie arbeiten.
Mein Plädoyer ist, dass jeder das beitragen muss, was er leisten kann. Den guten Ruf des Standorts Deutschland zu erhalten, das ist mir ein Anliegen, und man sollte das Ganze mit Optimismus anpacken. Klar ist: Das passiert nicht einfach so und durch Abwarten und Zusehen oder immer mehr Geld in die Verwaltung stecken. Dadurch wird man den wirtschaftlichen Vorsprung nicht halten können. Der ist schon geschmälert, zum Beispiel durch den chinesischen Wettbewerb. Und man muss sich diesem Wettbewerb stellen. Das gilt für die Politik und die Industrie. Auch wir treiben intern das Thema Bürokratieabbau voran. Das heißt Agilität, schnellere Entscheidungen, vor allem um den Standort abzusichern und uns von dort aus weiterzuentwickeln. Weil es erstens unsere DNA ist und zweitens nach wie vor ein Standort, den wir nicht aufgeben wollen.
Perspektiven für Industrieproduktion in Deutschland
Welche Zukunft hat die Produktion hier in Deutschland bei Festo?
Sie muss sich dem Wettbewerb stellen. Wir haben hier natürlich höhere Standortkosten durch zum Beispiel Unternehmenssteuern oder Lohnnebenkosten. Um das zu kompensieren, muss die Produktivität höher sein. Menschen werden immer mehr durch Automatisierung unterstützt. Wir müssen unsere Produktionsprozesse permanent hinterfragen und wettbewerbsfähiger machen. Das ist die Chance, die Deutschland insgesamt als Industriestandort hat.
Von der Automatisierung profitiert Festo ja dann im zweiten Schritt wieder.
Das ist genau der Punkt. Je mehr automatisiert wird, umso mehr Festo wird gebraucht.
Firma und Vorstandsvorsitzender
Festo
Das Unternehmen wurde im April 1925 in Esslingen gegründet. Anfangs wurden Maschinen für die Holzbearbeitung hergestellt, heute gehört die Gruppe mit Blick auf den Umsatz zu den wichtigsten Automatisierungsspezialisten weltweit. Zu den wichtigsten Kunden zählen Automotive, Nahrungsmittelindustrie, Elektronik- und Kleinteilemontageindustrie. Nach Unternehmensangaben waren Ende 2024 weltweit etwa 20 600 Menschen bei Festo beschäftigt. Davon 8200 in Deutschland und wiederum etwa 5540 an den Standorten im Kreis Esslingen. Es gibt Produktionswerke in Ostfildern, China, Indien, Brasilien, USA und dem Saarland. Der Umsatz 2024 betrug 3,45 Milliarden Euro, ein Rückgang um 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Details zum Gewinn nennt Festo, das nach wie vor in der Hand der Gesellschafterfamilie Stoll liegt, traditionell nicht.
Standort
Im Landkreis Esslingen hat Festo neben der Zentrale in Esslingen-Berkheim auch Gebäude in Ostfildern-Scharnhausen und in Denkendorf. Von den 5540 Mitarbeitenden arbeiten 1500 in der Produktion. In den vergangenen Jahren habe Festo mehr als 20 Millionen Euro in die Esslinger Standorte investiert, unter anderem für Gebäudemodernisierungen, teilt das Unternehmen mit.
Vorstandsvorsitzender
Thomas Böck ist 54 und gebürtiger Allgäuer. Der Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik steht seit Januar 2024 an der Festo-Spitze als Nachfolger des vorherigen Vorstandsvorsitzenden Oliver Jung. Böck hat zuvor die Geschäfte bei dem Landmaschinen-Hersteller Claas geführt. Der Vater zweier erwachsener Töchter wohnt unter der Woche in Esslingen und am Wochenende in Laupheim bei Biberbach, wo seine Familie seit Langem lebt.