Roboter sind in der Autoproduktion heute Alltag – doch die Vernetzung geht künftig noch viel weiter. Foto: dpa

Es gibt kaum einen Industriebereich, in dem die Digitalisierung vielfältiger und komplexer ist als in der Fahrzeugproduktion. Stephan Brand, beim IT-Konzern SAP Experte fürs „Internet der Dinge“, erklärt warum.

Stuttgart - Wie beeinflusst die Digitalisierung Produktionsprozesse in der Industrie? Das Beispiel Automobilproduktion zeigt exemplarisch, wie Daten zu jeder Etappe, vom Reißbrett des Konstrukteurs bis hin zur Auslieferung des Händlers, immer enger miteinander verwoben werden. Für die großen IT-Anbieter ist die finanzkräftige Branche deshalb die Königsdisziplin, bei der sie beweisen müssen, welches Potenzial in ihrer Informationstechnologie steckt.

Vernetzung technischer Gegenstände

Stephan Brand ist beim Walldorfer IT-Konzerns SAP für das so genannte Internet der Dinge, also die Vernetzung technischer Gegenstände, zuständig. Sein Schwerpunkt ist das Thema vernetzte Fahrzeuge und Mobilität. Er beschreibt wie die großen IT-Anbieter hier den Fuß in die Tür bekommen. Sie sind mit ihren Software-Lösungen im Laufe der Jahre immer näher an den Produktionsprozess herangerückt. SAP ist dabei durchaus typisch: Man begann einst mit der Digitalisierung von Büro und Verwaltung – und findet heute immer mehr Verknüpfungspunkte zur Produktion.

Die erste Welle war Ende der neunziger Jahre die Standardisierung in den großen Produktionswerken. Das Schlagwort war damals die so genannte „just in time“-Produktion, also die immer engere Vertaktung von Produktion und Auslieferung. Damals sei es für SAP etwa um die Standardisierung der Auftragsverarbeitung gegangen, sagt Brand. Lagerhaltung, Ersatzteilplanung, Auslieferung seien da die großen Themen gewesen. Das ganze ist aber durch die zunehmende Individualisierung der Fahrzeuge viel komplexer geworden: Unterschiedlichste Modelle werden nach Kundenwunsch in verschiedenen Werken produziert. Die Themengebiete haben sich generell ausgeweitet: „Es geht heute um den ganzen Prozess von der Entwicklung bis zur Auslieferung“, sagt Brand. Und dazu gehört inzwischen im Rahmen der so genannten Industrie 4.0 auch die digitale Anbindung der Maschinen.

Die Digitalisierung erfasst auch das Fahrzeug selbst

Aber es gibt inzwischen auch ein zweites großes Feld, auf dem die IT immer wichtiger wird: das vernetzte Fahrzeug. Während alle Welt auf das Auto mit seinen immer leistungsfähigeren Navigations- und Unterhaltungssystem blickt, findet die eigentliche Entwicklung laut Brand woanders statt: „Der Nutzfahrzeugbereich ist die Königsdisziplin“, sagt er: „Lastwagen, Gabelstapler oder Erntemaschinen sind Teil eines betriebswirtschaftlichen Prozesses. Die Fahrzeuge an sich sind Investitionsgüter mit einem hohen Wert.“ Selbst ein Gabelstapler sei ein wertvolles Investitionsgut, das man optimal nutzen wolle – und über das man in jedem Detail Bescheid wissen wolle. Im kommerziellen Fahrzeugbereich werden schon heute eine Vielzahl von Daten in Echtzeit verarbeitet: Daten über Lagerbestände, Verkehrslage, Wetterinformationen in der Landwirtschaft. Teilweise seien hier die Kundenwünsche hoch spezialisiert, es gebe keine Massenfertigung wie beim Auto – was das Ganze für die Flexibilisierung der Produktion im Rahmen der so genannten Industrie 4.0 geradezu prädestiniere. Ein weiterer Prozess, der in der Autobranche noch ein enormes Potenzial hat, ist der hochkomplexe Entwicklungsprozess neuer Fahrzeuge. „Bisher dauert die Entwicklung eines neuen Fahrzeugs immer noch fünf bis sechs Jahre“, sagt Brand: „Das ist in den vergangenen Jahren nicht grundsätzlich schneller geworden.“

SAP bleibt für den Autofahrer unsichtbar

Ein SAP-Label wird man auch künftig in keinem Auto zu sehen bekommen. Die IT des Walldorfer Konzerns wird weiterhin im Hintergrund agieren und beispielsweise neue Geschäftsmodelle unterstützen, wie Verkehrsprognosen, Hinweise auf Parkplätze oder Restaurants sowie touristische Hinweise. „Der Autobesitz wird schon heute in den Großstädten weniger wichtig – umso wichtiger ist es, das durch Mobilitätsdienstleistungen zu kompensieren“, sagt Brand. Die Mobilität selbst werde immer mehr eine Dienstleistung werden, die sich von einem konkreten Besitz wie dem Auto, zunehmend löse. „Sie werden ein Auto noch nicht einmal mehr an einer Station abholen müssen. Sie werden es schlüssellos öffnen können und die Nutzung wird abgerechnet werden, ohne dass sie selbst noch irgendetwas tun müssen“, beschreibt Brand wie die Zukunft des Autofahrens aus seiner Sicht aussehen könnte. Solche Services seien ohne genaue Kenntnis und Auswertung von Daten nicht möglich: „Sie wollen immer mehr Prozesse abbilden: Wie komme ich von A nach B? Wo steht ein Fahrzeug für mich zur Verfügung?“

Das betreffe aber auch andere Branchen. Eine präzise Datenauswertung mache etwa für KfZ-Versicherer vollkommen neue Geschäftsmodelle möglich. Mit einer auf vernetzte Fahrzeuge spezialisierten Software ermöglicht SAP inzwischen, dass jede Art von Fahrzeug mit jeder beliebigen Fragestellung abgebildet werden kann. „Die Kunden können da alle ihre Szenarien rund um das vernetzte Fahrzeug einbringen“, sagt Brand. Und das könne beispielsweise auch das landwirtschaftliche Fahrzeug sein, dessen Fahrer ganz andere Dinge interessieren als den gewöhnlichen Autofahrer: „Da können sie als Daten sogar die Bodenfeuchtigkeit und die spezifische Zusammensetzung der Nährstoffe auf dem Feld mit einspielen.“

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