Die Vereinten Nationen betrachten sie als Verletzung eines Menschenrechts, aber die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung hält sich. Foto: dpa/Symbolfoto

Die Vereinten Nationen betrachten sie als Verletzung eines Menschenrechts, aber die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung hält sich. In Indien zeigt sich beispielhaft, wie in den Gemeinden um die Praxis gerungen wird.

Mumbai - Bilqis ist Ärztin und hat dennoch ihre Tochter beschneiden lassen. Sie habe es aus Respekt vor ihrer Religion getan, sagt die 50-Jährige und ist sich heute nicht mehr sicher, ob sie damals die richtige Entscheidung traf. Sie gehört zu den Dawudi Bohras, einer ismailitischen Gruppe, die hauptsächlich in Indien und den USA anzutreffen ist. Innerhalb der Bohras ist das Thema der Beschneidung von Mädchenheftig umstritten.

„Das ist nichts, es ändert nichts“, sagt Bilqis über die Praxis, die von den Vereinten Nationen als Verstoß gegen die Rechte von Mädchen bewertet wird. Dann fügt sie hinzu: „Ich zweifle nicht daran, dass es nicht hilfreich ist. Wenn ich heute eine junge Tochter hätte, würde ich sie auf keinen Fall beschneiden lassen.“

Brauch erweist sich als hartnäckig

Der Konflikt zwischen Bilqis und ihrer Bohra-Gemeinde spiegelt eine Debatte wider, wie mit der Beschneidung umzugehen ist. Der Brauch erweist sich als hartnäckig. Mindestens 200 Millionen Mädchen und Frauen, die heute auf der Welt leben, wurden auf die eine oder andere Art an den Genitalien beschnitten, wie aus Zahlen der UN hervorgeht. Das sind 70 Millionen mehr als 2014. Die UN schreiben diesen Anstieg dem Bevölkerungswachstum zu und der gewachsenen Bereitschaft, eine Beschneidung zu melden. In den kommenden 15 Jahren wird die Zahl der Beschneidungen bei Mädchen wegen des Bevölkerungswachstums wohl nochmal stark zunehmen.

Angesichts dieser Aussichten schlugen Experten im renommierten „Journal of Medical Ethics“ im Februar vor, kleinere Eingriffe dieser Art zuzulassen. Auf diese Weise sollten „kulturelle und religiöse Traditionen erhalten werden, ohne Gesundheit und Wohlbefinden der Mädchen zu opfern“, hieß es. Genau dieser Ansatz wird in der Bohra-Gemeinde verfolgt und erweist sich als höchst umstritten.

„Sie sagen immer, das ist nur ein kleiner Schnitt, aber es gibt Fälle, in denen das schrecklich schiefgeht“, erklärt Masooma Ranalvi. Sie brach im vergangenen Jahr das Schweigen in ihrer Gemeinde zur Beschneidung von Mädchen mit einer Serie von Online-Petitionen, die ein Verbot der Praxis zum Ziel hatten.

Eis und Süßigkeiten versprochen

Ranalvi kann sich noch gut an ihre eigene Beschneidung erinnern. Als sie sieben Jahre alt war, versprach ihre Großmutter ihr Eis und Süßigkeiten. Stattdessen wurde sie in einen schmutzigen Raum in einer Seitengasse geführt, wo ihr das Kleid hochgeschoben und Arme und Beine festgehalten wurden. Dann folgte ein heftiger Schmerz. Weinend kam sie nach Hause. Erst viel später, in ihren 30ern, als sie Texte über weibliche Genitalverstümmelung las, verstand sie, was ihr damals passiert war.

Die Gemeinde der Dawudi Bohras vertritt eine liberale Einstellung gegenüber der Bildung von Frauen. Dennoch wird die Gruppe von männlichen Geistlichen kontrolliert. Von Mumbai bis New York vollziehen medizinische Fachkräfte die Beschneidung von Mädchen mit dem Segen des religiösen Führers, des sogenannten Syedna.

Um dessen Nachfolge streiten derzeit zwei Männer, der Halbbruder und der Sohn des früheren Syedna. Dabei ist das Thema der Beschneidung in den Mittelpunkt gerückt. Der Halbbruder will die Praxis beenden. Der Sohn dagegen will die Tradition erhalten und führt an, dass schließlich auch Jungen beschnitten würden. Ein Argument, das Aktivisten nicht gelten lassen, weil die männliche Beschneidung sogar gesundheitliche Vorteile mit sich bringe.

Alefiya, eine 34 Jahre alte Sozialarbeiterin in den Vereinigten Staaten, erinnert sich, wie die Schwester ihrer Großmutter sie beschnitt, in einem kalten Keller in New York. Sie beschreibt diese Erfahrung als schmerzhaft und peinlich. Heute wendet sie sich gegen den Eingriff und gegen die Botschaft, die von ihm ausgeht.

Ältere Dawudi-Frauen nennen die Klitoris „haraam ki boti“, sündiges Fleisch, das Fleisch, das eine Frau vom rechten Weg abbringen kann. „Es ist furchtbar und abstoßend, dass diese absolut natürlichen Erfahrungen in den Schmutz gezogen werden“, sagt Alefiya. „Die Schuld der Sexualität schwebt ständig über unseren Köpfen.“

Pflichtgefühl der Religion gegenüber

Die Ärztin Bilqis wurde als Kind beschnitten, kann sich daran aber kaum noch erinnern. Für sie sei es weder schädlich noch traumatisch gewesen, erzählt sie. Als Ärztin habe sie später ein Kind gesehen, das nach einem zu tiefen Schnitt behandelt werden musste. Vor 15 Jahren ließ sie ihre eigene Tochter beschneiden, aus einem Pflichtgefühl ihrer Religion gegenüber.

Sameena ist heute 22 Jahre alt und studiert in den USA. Sie hat deutliche Erinnerungen an ihre Beschneidung im Alter von sieben Jahren. Es habe nicht wehgetan, erzählt sie, aber dennoch sei ihr die Erinnerung unangenehm. Später, mit 15 oder 16, sei das Thema in der Schule wieder zur Sprache gekommen. Ihre Mutter habe ihr damals gesagt, in ihrer Gemeinde werde das so gemacht.

Die junge Frau informierte sich und wurde schließlich wütend. Vielen Bohras werde glaubhaft gemacht, der Islam dulde die Beschneidung von Mädchen. Sie hat auch ihre Mutter konfrontiert, aber eigentlich richtet sich ihr Zorn gegen die Gemeinde und deren religiöse Führung. „Es hört nicht auf, wenn man nicht darüber redet“, sagt Sameena. „Man muss es immer wieder ansprechen als etwas, das nicht passieren sollte. Nur so können wir es angehen.“

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