Hans Fähnle, Götzentanz, 1961-65 Foto: Hans Fähnle/Galerie Sammlung Amann

Wild, roh und authentisch – so stuft der Stuttgarter Sammler und Galerist Karl Amann das Werk von Hans Fähnle ein. Stimmt die Zuschreibung?

Ein Körper liegt horizontal, Pfähle durchbohren ihn von unten, ein starkes Seil um den Hals hält den gequälten Torso in der Horizontalen. „Tortur“ betitelt 1962 der Maler Hans Fähnle sein Schreckensszenario. Und doch kommt es leise daher, in gebrochenen Weiß-, Rosé- und Brauntönen. Was bringt einen Maler zu solcher Bildfindung?

 

Fast 40 Jahre zuvor, 1929, notiert Fähnle: „Das Leben und notwendiger Weise auch die Kunst ist eine ganz harte Sache.“ „Tortur“ steht entsprechend nicht allein im Werk des 1903 geborenen und 1968 in Stuttgart gestorbenen Malers Hans Fähnle. 1942 entstehen 22 Kreidezeichnungen – und Fähnle, an der Ostfront des von Hitler-Deutschlands in Europa entfesselten Krieges eingesetzt, weiß sehr genau, was er mit „Passion 1942“ erarbeitet, für was der leidende Jesus steht. „Wir schwimmen in einem breiten Kollektivstrom von Blut“, schreibt Fähnle an seinem 41. Geburtstag am 12. Juni 1944 an seinen Bruder Ernst. Noch einmal entstehen in jenen Tagen „Passion“-Blätter. Das real Böse, das alltägliche Grauen wirkt wie ein blutiger Widerhall der von Hans Fähnle ebenfalls in einem Brief an den Bruder gegeißelten „Nazi-Kulturpolitik“.

Hans Fähnle in den späten 1950er Jahren in seinem Atelier Foto: Galerie Hans Fähnle

In der Galerie Sammlung Amann sind sie nun im Dialog zu erleben – die schreienden „Passion“-Blätter und das alle Abgründe summierende „Tortur“. Umgeben von Funden – daher der Titel „Ungesehen“ – aus dem „Spätwerk“, des mit 65 Jahren gestorbenen Hans Fähnle. Spektakuläres wie der „Götzentanz“ (um 1960) und die wohl etwas früher zu datierenden „Grau-braune Figuren“, skulptural Stilles wie das zeittypische Szenario „Winter“ von 1957. Aber auch Verblocktes wie die „Drei rosa Figuren“ von 1967 und die einander fast berührend hilflos zugewandten „Gelbe Figuren“ wohl aus dem gleichen Jahr.

Dazwischen und typisch für Fähnles Arbeitsweise, Vorder- und Rückseite einer Leinwand – und dies formal durchaus gegensätzlich – zu bearbeiten: die Rückseite der Szenerie „Götzentanz“. „St. Georg mit dem Drachen“, wohl später entstanden, zeigt den entschlossenen Drachentöter in bekannter Haltung – und auch die Tragik des zudem früh schon mit der Existenz an sich hadernden Hans Fähnles, immer ein gutes Stück deutscher Kunstgeschichte mit zu transportieren. Eben dies war und ist immer der Widerspruch: Man erkennt einen Fähnle, aber gerät dabei immer in das Bezugssystem eines Suchenden. Nicht alles kann so Gewicht haben. Ein Bild aber hält in jedem Fall Stand: Aus tiefen Augenhöhlen schaut eine von Gram und Erschöpfung gebeugte Frauenfigur uns an, ihr Schutz gilt zwei Kindern. „Flüchtlinge“, 1948 entstanden, erzählt mehr als viele Dokumentationen.

Hans Fähnle-Schau in der Galerie Sammlung Amann bis zum 19. April

Karl Amann skizziert die Ausstellung als Wiederentdeckung. Es ist wohl so, obgleich Hans Fähnles Werke doch bis in die frühen 1970er Jahre hinein mit zum Kanon der südwestdeutschen Kunst des 20. Jahrhunderts gehörten. Fähnle, der an den Kunstakademien in Stuttgart, Berlin und Kassel von 1922 bis 1928 sehr unterschiedliche Positionen kennenlernte, hatte kaum eine Chance, sich der Öffentlichkeit zu stellen. „Entartet!“, notiert er verbittert. Und doch eröffnet sich eine Chance: Das Kunsthaus Schaller wagt 1936 in Stuttgart eine Fähnle-Schau. 90 Jahre später rückt nun, mit Unterstützung auch der Galerie Hans Fähnle in Überlingen, die Galerie Sammlung Amann (Schwabstraße 69/1) Hans Fähnle ins Scheinwerferlicht – noch bis zum 19. April (Mittwoch und Freitag 13 bis 17 Uhr, Donnerstag 13 bis 19 Uhr) und flankiert von einem empfehlenswerten Begleitheft.