Einkaufen im Supermarkt geht leichter, dafür liegt der Birnbaum im Park der Villa Berg schöner. Gehen Sie mit unserem Autor auf Mundraub-Tour. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wer keinen eigenen Garten hat, dem zeigt die Internetseite Mundraub.org, wo er in seiner Stadt kostenlos frisches Obst ernten kann. Funktioniert das? Ein Selbstversuch in Stuttgart.

Stuttgart - Die kostenlose Einkaufs-Tour beginnt nicht im Grünen, sondern vor dem Bildschirm. Das Ziel: Mundraub.org, eine Homepage, auf der Menschen Standorte von öffentlich nutzbaren Obstbäumen, Sträuchern und Kräutern eintragen können. Die Europakarte ist voller bunter Fähnchen. Für Stuttgart werden 129 Standorte angezeigt.

Dass sich die meisten Bäume und Sträucher auf den grünen Flecken der Stadt befinden, ist nicht wirklich überraschend. Ein Standort allerdings macht schon auf den ersten Blick stutzig: Im Innenhof des Königsbaus, der mitten im Stadtzentrum am Schlossplatz liegt, soll es einen Birnbaum und Johannisbeersträucher geben. Vor drei Jahren wurde der Ort auf der Homepage verzeichnet. Die Telefonnummer, die man anrufen soll, um einen Termin zu vereinbaren, ist leider nicht mehr vergeben. Wer weiß, ob sie es jemals war. Und auch die E-Mail wird nie beantwortet. Bereits hier zeigt sich ein Schwachpunkt der Plattform. Niemand kontrolliert, was eingetragen wird. Wer weiß also, ob an den anderen Orten überhaupt etwas zu finden ist? Da hilft nur, es auszuprobieren. Der legale Mundraub kann losgehen.

Im Stuttgarter Osten beginnt, ausgerüstet mit einem Korb, die Suche nach frischen Früchten. Von der Haltestelle Bergfriedhof sind es nur ein paar Schritte zum Park der Villa Berg. Dort warten laut Online-Eintrag diverse Apfelsorten und Haselnusssträucher auf Sammler. Für den Bärlauch, den es hier auch geben soll, ist die Saison seit ­Monaten vorbei. Die Äpfel allerdings haben Erntezeit. Auf der Wiese stehen, wie im Internet beschrieben, mehrere Bäume. Von rotbackigen Äpfeln ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. Da waren andere Mundräuber wohl schneller. Vereinzelt liegen noch ein paar am Boden, aber die ­haben Würmer oder sind verfault. Vielleicht gibt es wenigstens noch ein paar Nüsse zum Mitnehmen. Aber auch hier war jemand – vermutlich ein Tier – schneller. Nussschalen auf dem Boden beweisen immerhin, dass es hier mal etwas zu holen gab.

Mickriger Strauch mit vertrockneten Beeren

Weiter geht der Raubzug Richtung Haltestelle Metzstraße. Dort soll es „Holunder in Hülle und Fülle“ entlang der Straße geben. Aber am Ziel angekommen, fehlt von Holunder jede Spur. Auch in der Nebenstraße: nichts. In einem kleinen Hinterhof steht dann immerhin ein mickriger Strauch mit vertrockneten Beeren. Der Korb muss also vorerst ohne Füllung auskommen.

Nächster Versuch: Zwischen Höhenpark Killesberg und Egelsee werden Esskastanien versprochen. Der Eintrag ist erst zwei Wochen alt und sollte also stimmen. Nach einmal Umsteigen und einigen Minuten in der Stadtbahn ist man schon an der Haltestelle Löwentorbrücke. Aber wie sehen Esskastanien eigentlich aus? Für Apfelbäume und Haselnusssträuchern reicht das botanische Wissen noch. Aber Esskastanien in Rohform begegnen einem eher selten. Im Vorbeigehen fallen hellgrüne stachelige Kugeln auf, die an einem Baum hängen. Gut, dass es das Smartphone mit Internetzugang gibt. Es handelt sich tatsächlich um Esskastanien. Reif sind sie aber noch nicht. Sonst würden sie wie die verwandte Rosskastanie am Boden liegen.

Suche im Abseits lohnt sich

Direkt daneben gibt es einen Walnussbaum. Und auf dem Rückweg warten ein Birnbaum, Holunder-, Haselnusssträucher und Büsche mit Zieräpfeln am Wegesrand auf einen Abnehmer ihrer Früchte. Es lohnt sich also, auch abseits der verzeichneten Standorte zu suchen. Während die Nüsse einen guten Eindruck machen, sind die Birnen bitter, die Zieräpfel eignen sich nicht für den Verzehr.

Nach dieser wenig erfolgreichen ersten Tour ist es vielleicht Zeit, mit einer erfahrenen Mundräuberin zu reden. Unter dem Decknamen „süßesfrüchtchen“ ist Verena Koch auf der Plattform unterwegs. „Mir macht es aber Spaß, Obst zu sammeln, bevor es auf den Boden fällt und verdirbt“, sagt die 25-jährige Studentin. Bisher habe sie immer geschmacklich gute Früchte gefunden. Gleichzeitig könne man noch etwas für den Klimaschutz tun, weil das Obst keine langen Transportwege hinter sich bringen muss, um zu einem zu kommen. Außerdem spart es Geld. Für die Studentin viele gute Gründe, um zur Mundräuberin zu werden. Man müsse aber die richtigen Stellen kennen. Aber kann man über Mundraub.org tatsächlich seinen Obstbedarf decken? „Nein“, sagt Verena Koch, davon alleine werde sie nicht satt. Und auch der Praxistest hat gezeigt, dass Mundraub keinen Einkauf ersetzen kann. Aber dafür lernt man immerhin seine Stadt ein bisschen besser kennen.

Wo kann man ernten?

Ob die Ernte legal ist, hängt vom Standort des Baumes oder Strauches ab. Die Pflanze muss auf öffentlichem Grund wachsen. Wenn der Baum auf einem Privatgrundstück steht und nur ein Ast über den Zaun hängt, ist das Ernten Diebstahl. Auch Früchte, die auf dem Boden liegen, gehören dem Grundstückseigentümer. Nur wenn Nachbars Früchte auf das eigene Grundstück fallen, darf man sie verwenden.

Auch wenn der Baum öffentlich ist: „Es ist verboten, durch gärtnerisch angelegte Bereiche zu laufen, um zu den Früchten zu gelangen“, sagt Hagen Dilling, stellvertretender Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamtes der Stadt Stuttgart. Grundsätzlich gilt: Durch den Mundraub sollten keine Pflanzen beschädigt oder angelegte Beete zerstört werden. Außerdem ist die Ernte laut Dilling nur „in haushaltsüblichen Mengen gestattet“. Die Früchte dürfen nicht verkauft werden.

Reste vom Acker mitnehmen

Weitere Möglichkeiten der kostenlosen Ernte: Der Brauch der Nachlese (schwäbisch: Afterberga) ist bei vielen in Vergessenheit geraten: Ab dem dritten Sonntag im Oktober war es früher üblich, alles, was noch auf den Feldern, an Bäumen oder in Weinbergen zu finden war, legal zu ernten. Wer heute dem Brauch nachgehen will, fragt am besten beim Ackerbesitzer nach, ob das Sammeln toleriert wird.

Auf der Homepage www.foodsharing.de kann jeder Nahrungsmittel einstellen, die er nicht mehr verwenden kann. Interessenten können diese dann kostenlos abholen. Außerdem gibt es sogenannte Fairteiler. Das sind Kühlschränke oder Regale, in die man seine Lebensmittel einstellen darf oder aber andere Dinge kostenlos mitnehmen kann. So einer steht beispielsweise im Gemeinschaftsgarten am Campus Vaihingen der Universität Stuttgart.

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