Rivalinnen: Wendy Holdener (li.), Mikaela Shiffrin. Foto: Getty

Sie die vielseitigste Skifahrerin der Schweiz. Wendy Holdener (24) fährt regelmäßig aufs Podium, kommt aber bisher an Mikaela Shiffrin nicht vorbei.

Pyeongchang - Wendy Holdener ist ein großer Fan von Südkorea, und das hat gar nichts mit den Olympischen Spielen zu tun. Vor drei Jahren, im Frühling, ging sie erstmals allein auf eine große Reise. Nach Asien, mit einem Rucksack voller Erwartungen im Gepäck. Sie wurde nicht enttäuscht. Auch wenn Holdener gerne mehr Kontakt zu den Menschen bekommen hätte, genoss sie ihre Zeit in Südkorea, verliebte sich sogar ein bisschen in das Land zwischen dem Gelben und Japanischen Meer. Nun ist sie zurückgekehrt, diesmal aber auf die Pisten in Pyeongchang. Dort will sich Holdener (24), die vielseitigste Skifahrerin der Schweiz, ein paar neue Hoffnungen erfüllen.

Wie das geht? Weiß kaum eine besser als sie. Vor einem Jahr, bei der Heim-WM in St. Moritz, verletzte sich Lara Gut, Superstar der Schweiz, beim Einfahren vor der Kombination schwer am Knie: Kreuzbandriss, WM gelaufen. Plötzlich lag die Last einer ganzen Nation auf den schmalen Schultern von Wendy Holdener. Sie hielt stand, knickte nicht ein, gewann Gold in der Kombination. „Ich hatte großen Respekt“, erinnert sie sich, „dass es dann so gut lief, war schon ein bisschen verrückt.“ Denn zudem holte die Athletin aus dem Kanton Schwyz auch noch Silber im Slalom, hinter Mikaela Shiffrin. Das tat der Freude keinen Abbruch, ist aber irgendwie doch ein Problem.

Es ist nicht leicht, die Nummer zwei zu sein

Immer wieder erlebt Wendy Holdener in Slalomrennen diese Situation: Sie steht schon im Zielraum und nur noch eine Konkurrentin oben im Starthaus. Sie weiß bereits, dass es fürs Podium reichen wird, den Sieg aber schnappt ihr Mikaela Shiffrin noch weg. So war es bei der WM. So war es häufig im Weltcup. Und so könnte es auch im olympischen Slalom an diesem Mittwoch (2.15 Uhr und 5.45 Uhr/MEZ) sein. „Mikaela Shiffrin ist schwer zu schlagen, sie kann bei den Spielen in jeder Disziplin eine Medaille holen“, sagt Wendy Holdener, „das muss ich einfach so akzeptieren.“ Leicht fällt ihr das allerdings nicht. Weil es nie leicht ist, die Nummer zwei zu sein.

Nach sieben Slalomrennen stand die Schweizerin in diesem Winter auf dem Podest, gewonnen hat sie kein einziges. Zufrieden ist Holdener, im Gesamtweltcup aktuell mit 842 Punkten Zweite hinter Mikaela Shiffrin (1513), trotzdem. Nur nicht mit der Einordnung der Medien: „Es ist schon schade, wie die eigene Leistung schlecht gemacht wird, nur weil man als Zweite oder Dritte viel Zeit auf die Siegerin verloren hat – Shiffrin fährt eben oft in einer eigenen Liga.“

Mikaela Shiffrin ist ihr Orientierung

Klar frustriert es eine Weltklasse-Athletin, wenn der Abstand nach ganz vorne auch mal weit mehr als eine Sekunde beträgt. Wendy Holdener sieht dies aber zugleich als Ansporn. Sie will schneller werden, näher an die US-Amerikanerin herankommen, sie ärgern. Shiffrin ist ihr Orientierung. „Es ist wichtig zu sehen, wie gut, stabil und schnell man fahren kann. Und wo ich selbst hin will“, sagt Holdener, „Shiffrin fährt technisch super, auf einem außerordentlichen Niveau. Das kann ich auch – aber noch nicht einen ganzen Lauf lang. Daran arbeite ich.“

Vielleicht führt ihr Einsatz ja schon in Südkorea zum Erfolg. Im Slalom gehört Holdener zu den Medaillenkandidatinnen, im Riesenslalom ist sie Außenseiterin, in der Kombination die Favoritin, und die Schweizer sind auch im Teamwettbewerb stark. Wenn es optimal läuft, könnten die Olympischen Spiele für sie noch erfolgreicher werden als die Heim-WM. Trotz Shiffrin. Holdener würde das allerdings nie so formulieren, sagt nur: „Es wäre schön, mit einer Medaille heim zu kommen. Aber selbstverständlich ist das nicht.“

Auch wenn es ihre Begeisterung für Südkorea doch ein wenig schmälern würde.

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