In Pressemitteilungen gendert die Stadt Ludwigsburg schon, wie hier im Netz zu sehen ist – angeordnet von OB Matthias Knecht. Foto: /Michael Bosch/Pressefoto Baumann

Oberbürgermeister Matthias Knecht hat das umstrittene Sternchen angeordnet, die Verwaltung gendert jetzt konsequent. Daran gibt es Kritik. Was hat den OB dazu bewogen?

Kaum ein Thema triggert bestimmte Kreise derzeit – und schon eine ganze Weile – mehr als der kleine Stern. Dass manch einer einen sogenannten Asterisk (*) zwischen Wortstamm und weiblicher Endung einfügt, erregt Zeitgenossen in gleichem Maße wie die Abschaltung der letzten Atommeiler in Deutschland unlängst. Wenn nicht sogar mehr.

 

Ersonnen wurde das Konstrukt, um das generische Maskulin zu vermeiden, und hervorzuheben, dass neben männlichen und weiblichen auch nichtbinäre und diversgeschlechtliche Personen existieren. Sie sollen so miteinbezogen werden.

Während das „d“ (für divers, neben „m“ für männlich und „w“ für weiblich) in Stellenausschreibungen inzwischen klaglos hingenommen – vielleicht auch überlesen – wird, tobt um die „gendersensible Sprache“ ein Streit. Unnötig, finden die einen und sprechen wahlweise von „Gendergaga“ oder „-wahn“ – zeitgemäß die anderen. Wer gendern darf, muss oder kann, darüber gibt es in regelmäßigen Abständen Debatten, vor Gericht wurde auch schon darüber verhandelt.

Drei Fraktionen fordern: geltende Regeln müssen eingehalten werden

In Ludwigsburg ist seit kurzem klar: In Schriftstücken der Verwaltung soll das Gendersternchen verwendet werden. Das gilt für jegliche interne Kommunikation der Verwaltung, aber auch mit der Bürgerschaft. Oberbürgermeister Matthias Knecht hatte in einer Mail Mitte März den mehr als 1500 Mitarbeitern der Stadt mitgeteilt, sie sollten künftig das Gendersternchen benutzen, wenn die deutsche Sprache keine neutralen Begriffe als Ersatz biete. „Gemeinsam wollen wir eine verständliche und inklusive Kommunikation umsetzen“, schrieb Knecht.

Die Retourkutsche kam prompt. Die Fraktionen von CDU, Freien Wählern und FDP üben Kritik an dem Vorgehen und der Sprachregelung allgemein. Sie haben einen Antrag gestellt, das ganze rückgängig zu machen. Demnach solle die Verwaltung „gültige Grammatik- und Rechtschreibregeln einhalten“ und in amtlichen Schriftstücken „kein Genderstern“ verwendet werden. Die Antragsteller berufen sich auf den Rat für deutsche Rechtschreibung, dessen Regeln für Verwaltung und Schulen gelten – eigentlich. Sie sähen weder „den Genderstern, Unterstrich, Doppelpunkt oder andere verkürzte Formen“ vor, bemängeln die drei Fraktionen daher zurecht. Die Einhaltung der Vorgaben „gewährleistet, dass die Schreibweise von Publikationen weiterhin verständlich und lesbar ist“, heißt es weiter. Mitarbeiter der Stadtverwaltung dürften nicht angewiesen werden, gegen die vom Rat empfohlene Schreibweise zu verstoßen.

Fehlt am Ende die Rechtssicherheit?

Die Fraktionen befürchten auch, dass der Schritt die Rechtssicherheit von Beschlüssen gefährden könnte. Den Spieß drehen sie kurzerhand einfach um: „Eine mögliche Diskriminierung derjenigen, die sich an der offiziellen Rechtschreibung orientieren, lehnen wir ab.“ Verständlich, geschlechtergerecht und diskriminierungsfrei könne man schreiben, indem man „Doppelnennungen (Klägerinnen und Kläger), sprachlich zutreffende Partizipien (die Beklagten, die Versicherten) oder abstraktere Umschreibungen (die Lehrkräfte)“ nutze.

Matthias Knecht befindet sich nach eigener Aussage nicht auf „einer Mission Genderstern“, er wolle „nullkommanull dogmatisch sein“, auch niemanden irgendwie belehren. Die Entscheidung habe nicht er allein, sondern die komplette Bürgermeisterriege getroffen. Den Anstoß, klare Regeln in der Sache aufzustellen, hätten zwei Dinge gegeben: Zum einen gab es Anfragen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die offenbar gern genderneutral formulieren wollten, aber nicht wussten, was sie nutzen sollen. Ein ziemlicher Wildwuchs war die Folge: vom Genderstern und Varianten mit Strich oder Doppelpunkt. Einheitlichkeit war also ein Grund. Zum zweiten hat sich eine Projektgruppe innerhalb der Verwaltung mit dem Thema Kommunikation auseinandergesetzt, die Empfehlungen für eine „verständliche, zielgruppenorientierte und diskriminierungsfreie Kommunikation“ erarbeitete. Dass Texte mit dem Sternchen nicht unbedingt für mehr Lesbarkeit sorgen, das weiß auch Knecht.

Knecht will auf neuen Beschluss des Rats für deutsche Rechtschreibung warten

„Es gibt, was die Praktikabilität angeht, sicherlich bessere Lösungen“, sagt der OB. Für ihn sollte sich das Thema Gleichstellung und Integration auch viel mehr in Taten als in Worten zeigen. „Aber die Sprache gehört eben auch dazu“, sagt Knecht. Er hofft, dass diejenigen, die (noch) nicht in eine Schublade beziehungsweise ein Geschlechterraster passen, das irgendwann tun werden und soweit akzeptiert sind, das die Diskussionen über Sprache obsolet werden. „Dann wäre das jetzt nur eine Übergangslösung.“

Aber nun ist die Debatte da, und muss geführt werden. Hätte die Stadtverwaltung derzeit eigentlich nicht wichtigere Aufgaben: Mobilität, Wohnungsbau, Energiewende, Probleme, die der Klimawandel im Kleinen mit sich bringt? Das bejaht Knecht. Aber: Die Verwaltung habe sich schnell für eine Lösung entschieden und sich nicht allzu lange damit aufgehalten. Dass das Thema nun im Gemeinderat auf die Tagesordnung kommt und sich die Verwaltung so abermals damit beschäftigen muss, hätten nun die drei Fraktionen zu verantworten.

Knecht schlägt vor, den Antrag von CDU, Freien Wählern und FDP erst nach der Sitzung des Rats für deutsche Rechtschreibung Mitte Juli zu behandeln. Der will dann einen neuen Beschluss zum gendern fassen. Die Ludwigsburger Verwaltungsmitarbeiter werden im übrigen auch nicht sanktioniert, sollten sie den Genderstern – bewusst oder unbewusst – weiterhin nicht verwenden. „Sprechen darf ohnehin jeder wie er möchte“, sagt Knecht.