Wie können Menschen zu sich selbst finden? Ulrike Geist meint: durch Poesie. In Tübingen führt sie eine einzigartige Buchhandlung nur für Lyrik.
Die beste Medizin gegen Liebeskummer kommt aus der Flasche. Johanniskrauttee ist es nicht und auch kein Doppelkorn. Stattdessen stecken in dem braunen Glas zehn auf Papier geschriebene Gedichte, die um gebrochene Herzen kreisen. „Lyrik hilft“, sagt Ulrike Geist. In ihrer „Lyrischen Hausapotheke“ verkauft sie Arzneifläschchen mit Gedichten gegen jegliche seelische Not: gegen Einsamkeit, Ungeduld, eben gegen Liebeskummer. Betroffene fühlten sich ihren Gefühlen nicht mehr so ausgesetzt, wenn sie lesen, dass andere Ähnliches erlebt und in sprachliche Schönheit verwandelt hätten, sagt Geist. Auch ihre eigenen Tage sind voller Poesie.
Ulrike Geist hat eine Lyrikhandlung in Tübingen. Wobei „eine“ – weitere gibt es gar nicht. Nach Geists Angaben ist es die einzige Buchhandlung dieser Art bundesweit. Keine Skandinavien-Krimis, keine Levante-Kochbücher, im Sortiment gibt es nur Gedichte. Flaschenweise in der Hausapotheke, ansonsten in Buchform. Dabei gelten Gedichtbände als Staubfänger, Verlage verdienen kaum daran, laut Statista machten Lyrik und Dramatik 2022 im deutschen Buchhandel 1,1 Prozent des Umsatzes in der Warengruppe Belletristik aus. Und dann ein ganzer Laden nur für Lyrik? „Lyrik ist die Königsdisziplin der Literatur“, sagt Geist. „Sie hat eine unglaubliche Kraft.“ Manche Besucher hätten bei der Lektüre im Laden schon zu weinen begonnen.
„Andere machen Yoga, ich lese Lyrik“
Ulrike Geist beginnt jeden Morgen mit einem Gedicht. Das ist ihr Ritual gegen den Alltag und seinen Wahnsinn. „Andere machen Yoga, ich lese Lyrik und fühle mich gewappnet.“ Es hätte auch anders kommen können. Geist hat sie noch erlebt, die traditionellen Gedichtanalysen im Schulunterricht. Gnadenlos peitschten Deutschlehrer Barocksonett um Barocksonett durch und klopften Versmaß und Reimschema ab. Generationen von Schülern hat das die Gattung ziemlich madig gemacht. „So verkopft kann man sich Lyrik nicht nähern“, findet Geist.
Die gebürtige Stuttgarterin wurde als junge Erwachsene Fan. Sie studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Tübingen, begann, Gedichte zu lesen, Gedichte zu verschenken. Wenn sie Freunden Briefe schrieb oder Postkarten verschickte, suchte sie ein passendes Gedicht für den Empfänger raus. Sie arbeitete als Verlagsredakteurin, gab eine Kulturzeitschrift heraus, gründete eine Familie. Mit Mitte 50 war ihr nach beruflichem Neuland. Mit einer eigenen Buchhandlung hatte sie schon immer geliebäugelt.
Aber Buchhandlungen mit Vollsortiment gibt es in ihrer Wahlheimat Tübingen zuhauf. Also warum nicht die Lieblingsgattung zum Geschäftsmodell machen? Dann wurden die Räume eines Second-Hand-Ladens frei. Und einen passenderen Ort für einen Laden nur für Gedichte hätte Ulrike Geist auf der ganzen Welt nicht finden können. Im März 2021 eröffnete sie ihre „Lyrikhandlung am Hölderlinturm“.
Der Tübinger Hölderlinturm ist eine Ikone im Stadtbild und heute ein Museum. Sein Namensgeber lebte mehr als drei Jahrzehnte darin, nach damaliger Diagnose war er geisteskrank. Friedrich Hölderlin (1770-1843), Sprachgenie, Synonym für Dichtkunst, Weltstar der Lyrik schlechthin.
Ulrike Geists Laden liegt schräg gegenüber in einem Fachwerkhaus, in einer krummen Gasse zwischen Neckarufer und Stiftskirche, wo Touristen die künstlerisch-philosophische Aura der Stadt aus jeder Mauerritze anhaucht. „In Stuttgart hätte so eine Lyrikhandlung nicht funktioniert“, sagt sie. Der Anfang war trotzdem schwer. Wegen Corona machte sie kaum Umsatz. Dann startete sie durch. Inzwischen hat sie zweimal den Deutschen Buchhandlungspreis bekommen.
Vor dem Laden hat Geist einen Lyrikautomaten aufgestellt. Er funktioniert wie ein Kaugummiautomat. 50 Cent reinschmeißen, an der Kurbel drehen und eine Kugel mit Gedicht drin herausfingern. Gespannt sein, welche Verse der Zufall oder das Universum für einen ausgewählt haben, wieder ein bisschen Kind sein. Geist will niederschwellige Zugänge zur Lyrik schaffen. Viele Süchtige ziehen sich täglich ihre Dosis schöner Worte.
Dieser Laden ist eine Zeitkapsel
Drinnen steht ein Tisch voller Hölderlin-Bände, natürlich. Die anderen Regale füllt viel Gegenwartslyrik. Es gibt Gedichtbände über Mutterschaft und den Verkehrskollaps, über die Klimakrise und pflegebedürftige Eltern, welche mit poppigen Fabelwesen auf dem Cover und Versen über Nächte voller kalter Nudeln, billigem Riesling und Kippen drin, Lyrik schwarzer Dichter und Lyrik aus der Ukraine, Lyrik von Independent-Verlagen. Der Verkaufsraum hat WG-Zimmergröße, die Fenster sind bodentief, Ulrike Geist hat Teppiche auf den Holzboden gelegt, rosa Rosen in Vasen gesteckt und Kerzen angezündet. Alles ist muckelig.
Der Laden ist eine Zeitkapsel. Lyrik könne man nur analog erleben und einkaufen, findet Ulrike Geist. Lyrik habe keinen Plot wie Prosa, der Inhalt von Gedichtbänden lasse sich nicht wie jener eines Historienromans in zwei Absätze auf Amazon pressen. „Einen Gedichtband muss man in die Hand nehmen.“ Auf sich wirken lassen. „Berührt mich das? Was macht das mit mir?“
Kunden beordert sie in die Polstersessel am Fenster, fragt nach Vorlieben, sucht vier oder fünf Bände aus, trägt Kaffee oder Chai-Tee heran, lässt sie eine Weile alleine mit sich und der Welt aus den Zeilen und dem Blick hinaus zum Hin und Her auf dem Kopfsteinpflaster. Manche kommen aus Berlin oder Frankfurt in die Lyrikhandlung, verbringen ganze Samstage darin und decken sich für 600 Euro mit Gedichten ein.
Nach Geists Erfahrungen ist Lyrik weder altbacken noch ein Exklusivhobby von Endfünfzigern. Sie hat mehr jüngere als ältere Kunden, viele Studenten. Rainer Maria Rilke und Herman Hesse sind Kassenschlager. Vor allem junge Frauen begeistern sich gegenwärtig wieder für Mascha Kaléko, die jüdische Dichterin, die in der Weimarer Republik populär wurde und deren hundert Jahre alte Gedichte voller Witz und Sehnsüchte heute so viel Identifikationsfläche zu bieten scheinen wie ein Taylor-Swift-Song. Zugängliche Zeilen, nichts Kryptisches, das dem Leser Mühe abverlangt. „Man darf sich auch vom Leichten ans Schwere nähern“, findet Geist.
Das ist auch ihre Mission im Lokalen. Beim Sommerprogramm lädt sie Kinder zur Lyrik-Schatzsuche, zum Welttag der Poesie am 21. März hängt sie in der Stadt Gedichte an Wäscheklammern auf. Die Entwicklung der vergangenen Jahre macht sie glücklich: Sänger Bob Dylan bekam für seine poetischen Texte Im Jahr 2016 den Literaturnobelpreis, die Lyrikerin Amanda Gorman schaffte es mit ihrem Vortrag zur Amtseinführung des damaligen US-Präsidenten Joe Biden auf die große Politbühne. Und laut Media Control sind die Umsätze der Warengruppe Lyrik und Dramatik zwischen 2019 und 2023 immerhin um 17,7 Prozent gestiegen.
Das ganz große Leben zwischen den Versen
„Lyrik verlässt ihr Nischendasein“, sagt Geist. Irgendwie auch logisch. Weil das Konzept Lyrik so sehr aus der Zeit gefallen ist, dass es die vom Zeitgeist Ermüdeten auffängt. Geist sieht darin einen Gegenentwurf zur Gegenwart, zur schnellen, lauten, oberflächlichen Welt mit ihren Schwarz-Weiß-Positionen, ihrem Overload an Informationen, den Soziale Medien über Smartphonedisplays spülen. „Ein Gedicht kann man nicht wischen“, sagt sie. „Lyrik verlangsamt.“
Wälzer liegen kaum auf ihren Büchertischen. Stattdessen viele dünne Bändchen mit wenigen Buchstaben auf den Seiten. Und dennoch spielt sich zwischen den Versen das ganze große Leben ab. Bei Lyrik gehe es um die Universalthemen des Menschseins, um Liebe, Trauer, Verlust, sagt Geist.
Romane eröffneten fremde Welten, Lyrik führe einen jeden zu sich selbst. „Wenn zwei Menschen ein Gedicht lesen, ruft es bei beiden jeweils andere Bilder hervor.“ Diese Offenheit der Deutung fasziniert. Lyrik zwinge Menschen, Ambivalenzen und Unklarheiten auszuhalten, sagt Ulrike Geist. In Kategorien wie „gut oder „schlecht“ will sie Gedichte daher nicht stecken. Kleine Einschränkung: „Die uralten Klassiker von Goethe oder Schiller geben einem heute nicht mehr so viel. Da ist die Zeit darüber gejagt.“